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Reportagen

Wieder im Aufwind

Diamond DA 40-Leichtflugzeug mit Pilot Peter Duffeck auf dem Flugplatz Mainbullau vor dem Start, im Hintergrund Tower und Flughafengebäude mit Bistro

© Stefan Rambow

Motor-Kleinflugzeuge und Segler warten auf dem Flugfeld der Fliegerschule Wasserkuppe. Auch bei Seglern kommen zuweilen Rotorblätter zum Einsatz, doch bei guter Thermik sind auch ohne unterstützendem Motor lange Strecken möglich.

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Motorisiertes Ultraleichtflugzeug auf dem Flugplatz Mainbullau

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„Türmer“ Michael Picard gut gelaunt im Tower

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Mit Sternmotor und Spaß-Kennzeichen: Bodenpilot Alexander Obolonskys Schlepper „D-ESEL“ im Landeanflug am Weltenseglerhang der Wasserkuppe – nachdem er Dutzende Modellsegler in die Luft gezogen hat.

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Mitglieder des Oldtimer-Segelclubs Wasserkuppe posieren vor dem Tower mit der Ka 2b „Rhönschwalbe“.

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Auch Motor-, Segel- oder Modellflieger hatten Corona-bedingt Pause. Jetzt gibt es Nachholbedarf – in der Luft und am Boden.

Stefan Rambow (Bilder und Text)

Warum fällt mir ausgerechnet jetzt diese rumpelige Lehmpiste im philippinischen Dschungel wieder ein – und der schwitzende, sich vor dem Start bekreuzigende Pilot? Heute sitze ich doch auf dem deutschen Regional-Flugplatz Mainbullau direkt hinter Peter Duffeck im Cockpit seines Diamond Star-Leichtflugzeugs. Der graumelierte Fluglehrer checkt unsere Sprachverbindung über die Kopfhörer, schwitzt kein bisschen und strahlt vom glatten Start bis zur butterweichen Landung Routine aus. Also kann ich den Blick genießen – über die Hügel der von mittelalterlichen Burgen geprägten churfränkischen Landschaft rund um Miltenberg, zwischen Spessart und bayerischem Odenwald. Nur laut ist es hier oben. 

Die Bodencrew dagegen hat die Ruhe weg. Auf dem Logenplatz im Tower vor sich hin summend, hat Flugleiter Michael Picard Start- und Landebahn im Blick, die wie ein Flugzeugträger auf dem Hochplateau über dem Maintal liegt. Wenn die gerade startende gelbe A-22 Foxbat direkt nach dem Abheben aus der Sicht taucht, ist das kein Grund zur Sorge. „Unsere Piste geht bergab – die steigt gleich wieder.“

Es nimmt langsam Fahrt auf

Als einziger Festangestellter des den Platz tragenden Vereins ist „Captain“ Picard auch für das Feuerwehrmobil zuständig, das etwas eingewuchert neben dem proppenvollen Hangar parkt. „Nicht unterschätzen – neueste Technik, da träumt die Kreisfeuerwehr von. Aber hier passiert nie was.“ Diese Ruhe bedauern die Betreiber der Flugplatzgaststätte „Charlie“ eher – nach der Corona-Pause noch unterbeschäftigt –, obwohl in Mainbullau landende Privatflieger für ihre Landegebühren einen Cappuccino-Gutschein erhalten. 

„Türmer“ Michael Picard, im Nebenjob beim Amorbacher Klosterchor als Faschelnacht-Sänger „Bruder Luftikus“ tätig, tendiert sommers eher zu Kaltgetränken, denn hinter den großen Glasflächen seiner Towerfenster staut sich die Hitze – trotz Ventilator. 

Rekord-Gleitflüge

Das heutige Netz von über 500 deutschen Zivilflugplätzen gäbe es nicht ohne die Pioniertaten auf der Wasserkuppe im hessischen Teil der Rhön, „950 Meter über dem Alltag“. Auf dem legendären Fliegerberg führten Darmstädter Schüler ab 1911 regelmäßige Rekord-Gleitflüge mit selbst gebauten Tragflächen-Apparaten in der Tradition Otto Lilienthals durch, die nach dem Ersten Weltkrieg in den berühmten Rhön-Wettbewerben aufgingen. 

Schmuckstücke der Flieger-Geschichte

Deren Geschichte wird im wiedergeöffneten Deutschen Segelflugmuseum erlebbar, wo sich historische Flugzeuge wie der legendäre „Vampyr“, zwei „Grunau Baby“-Varianten sowie ein ganzer Schwarm verdienstvoller Lokalmatadore des weltweit ersten Segelflugzeug-Serienherstellers direkt vom Fuß der Wasserkuppe finden: „Rhönadler“, „Rhönbussard“ oder „Rhönlerche“. Komplettiert wird die Vogelschar vom Ludwigshafener Knickflügel-„Rhönsperber“, in den 1930ern von der berühmten Pilotin Hanna Reitsch geflogen, oder der „Rhönschwalbe“, einem Fifties-Rekord-Zweisitzer, der draußen auf dem Flugplatz wieder im Einsatz ist. 

„Auch andere unserer Schmuckstücke wären sofort flugfähig“, betonen die Museums-Vorstände Bernd Vogt und Ulrich Braune inmitten der 60 Originale und Nachbauten. „Deutschland ist bis heute führend im Segel- und Modellflug.“ Trotz zweier Hallen – Platz ist knapp. „Wir werden der Nachlässe kaum Herr“, sagt Vogt, „alle Nase lang stellt jemand was auf den Hof.“

Vis-à-vis auf dem Flugfeld der Fliegerschule zieht ein ähnlich museal anmutender Traktor des Vereins „Rhönflug Poppenhausen“ einen der Segelflieger in Position. Heute werden sie nicht per Seilwinde, sondern via F-Schlepp von einem Motorflugzeug in die Luft gebracht. In etwa 500 Meter Höhe klinkt sich der Segler im Aufwind aus, dreht nach rechts und versucht mit Thermik, von der Sonne erwärmter Luft, weiter zu steigen, während der Schlepper nach einer Linkskurve wieder landet. 

Einer für Alle

Alles unter den strengen Augen von Flugleiter Harald Jörges, der in Shorts und Baseballkappe mit seinem gelben Funkgerät über das Flugfeld wirbelt: „Delta – Echo Charlie Zulu India – Piste 24 frei“, und schon darf der Gast, die einmotorige J3 Piper Cub, nach der Erlaubnis im internationalen Fliegerjargon die Landung beginnen. Für alle in der Luft und auf dem Platz ist Jörges erster Adressat: für die bergab auf Asphalt startenden Rundflüge und Motorschlepper sowie die nebenan in entgegengesetzter Richtung weich auf Gras landenden Segler. 

Das hat sich kaum geändert, seit Jörges nach 20 Jahren die Leitung der Fliegerschule abgegeben hat und „nur ab und zu noch aushilft“. Auch haben Fluglehrer und -schüler, Greenkeeper oder Eltern Gesprächsbedarf, deren Nachwuchs die Spielzeugflieger im Zuschauerbereich okkupiert, eine Portion Flieger-Pommes oder Schleppseil-Spaghetti vom „Weltensegler“-Restaurant des Luftsportzentrums im Bauch. 

„Als kleiner Junge habe ich hier den Flugzeugen zugeschaut.“ Vom Bauernhof seiner Eltern in Sicht- und Hörweite des Landeplatzes erkannte der kleine Harald Maschinen schon am Motorengeräusch. Auch bei Seglern greifen – nicht nur im Schlepp – zuweilen Rotorblätter: Jörges lässt auf Knopfdruck den Propeller einer 30-PS-Rückkehrhilfe hinter dem Cockpit eines Flugschulseglers herausfahren – einem „James Bond“-Gadget gleich. Doch auch ohne diesen unterstützenden Motor sind bei guter Thermik lange Strecken möglich. Haralds Sohn Chris Jörges ist gerade mit Wiederbeginn des Flugsportbetriebes Ende Mai in den Club der 1000- Kilometer-Segler aufgestiegen.

Von der „Kupp“  ins All

Ich darf am Boden testweise in das schmale Cockpit des 170.000 Euro teuren Duo Discus schlüpfen – und stemme mich gegen den vorgeschriebenen Fallschirm in den Sitz. Musste Harald Jörges den je benutzen? „Nicht einmal – bei 40.000 Flügen! Und jetzt bringen wir Sie mal in die Luft.“ 

Auf 400 Meter Flughöhe stellt Pilot Hajo Koch den Rotor der HK 36 Super Dimona ab, und wir gleiten im Motorsegler sanft über das „Land der offenen Fernen“ im Dreiländereck Bayern, Hessen und Thüringen. Wir überfliegen das ehemalige Lauschradar aus dem Kalten Krieg, aber auch Felder, Streuobstwiesen und grasende Rhönschafe. „Die Kopfhörer können wir abnehmen.“ Öffnet man das kleine Schiebfenster in der Cockpithaube, ist lediglich ein leichtes Windgeräusch vernehmbar – himmlisch.

Der internationale Ruf der Fliegerschule ist erstklassig. 1970 war Neil Armstrong zum 50-jährigen Segelflugjubiläum auf der „Kupp“ zu Gast, enterte eine ASK 13 und meinte: „Ohne euch keine Mondrakete“. In der Tat: Im Modell- und Segelflug wurden hier aerodynamische Techniken erprobt, die Grundlagen für die Raumfahrt schufen. 

Fliegen mit Maske

Im Vergleich zu Passagier-, Hobby- und Sportbetrieb ist die Fliegerschule während der Lockdowns mit einem blauen Auge davongekommen. Geblieben ist das Fliegen mit Maske. Die aufzusetzen, gilt es auch in der Werkstatt des Rhönflug Oldtimer Segelflugclubs. 

In dessen Hangar, gegenüber der Eschenholzkufe des legendären Schulgleiters SG-38, parkt Wolfgang Onken seine drei selbst gebauten, oratexbespannten Modelle, mit denen er am ersten Hanggleiter-Flugtreffen seit zwei Jahren teilnimmt. „Drei von 40 – für jeden Wind eins. Ich hab zu Hause schon angebaut.“ Onkens Liebe gilt der Arbeit mit Holz. „Meist Fichte: enge Jahresringe, fest und dennoch biegsam.“ Ins Sägen, Beplanken, Schleifen und Lackieren der großen und kleinen Flugzeuge investiert er mit anderen Vereinsmitgliedern gern Tausende Arbeitsstunden und restauriert auch die Perlen des Segelflugmuseums gegenüber. Das Vereinsleben hat während Corona gelitten, der aus einer alten Tragfläche gefertigte Bartresen im Gemeinschaftsraum mit dem Dutzend schnapsglaskonformer Löcher ist verwaist. Onken strahlt dennoch. „Die ‚Kupp‘ – das ist meine Leidenschaft.“

Denn die „Rhöner Überflieger“ dürfen mit 50 weiteren Modellflug-Enthusiasten am Weltenseglerhang endlich wieder ihre bis in kleinste Details der Pilotenpuppen maßstabsgetreuen Bausätze in die Luft bringen: per geübtem Handstart in den Hangaufwind oder wie die großen Verwandten via F-Schlepp, auf bis zu 100 Meter vorgegebene Höhe. Der knallrote Box Fly-Sternmotor-Tiefdecker mit der Spaß-Kennung „D-ESEL“ zieht knatternd einen Segelflieger nach dem anderen ins himmelblaue Rhönfirmament. 

Eine Schau, die Fliegerei – aber bis heute ein Männerbetrieb? „In den letzten beiden Jahren wollten hier besonders viele Frauen das Fliegen lernen“, so Harald Jörges. „Da tut sich was.“