Newsletter

Reportagen

Milton H. Erickson: Der Begründer der modernen Hypnotherapie

Hypnotherapie wird bei chronischen und akuten Schmerzen sowie psychischen Belastungen wie Trauma, Zwang, Depression und Angst eingesetzt.

Hypnotherapie wird bei chronischen und akuten Schmerzen sowie psychischen Belastungen wie Trauma, Zwang, Depression und Angst eingesetzt.

© Adobe Stock/Lightfield Studios

Der farbenblinde Erickson trug zeitlebens nur lila Hemden.

© Wikimedia Commons/Sonenpanda/CC BY 4.0

Hypnose war, seit Sigmund Freud sich von ihr abgewandt hatte, lang kein anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren mehr. Der US-amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Milton Hyland Erickson (1901-1980) sorgte für ihr Comeback, indem er sie komplett neu aufsetzte. Zu Hilfe kamen ihm dabei seine eigene Leiderfahrung und ein tiefverwurzelter Glaube an die Heilung von innen.

Bettina Rubow (Text)

Milton H. Erickson war einer der großen Lehrer der Psychotherapie, der nicht nur Persönlichkeiten wie Margaret Mead und Paul Watzlawick beeinflusst hat, sondern auch ganze Richtungen der Psychotherapie. Familientherapie, systemisches Arbeiten, aktives Zuhören, NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) und Psychosomatik haben dem Mitbegründer der American Society of Clinical Hypnosis (ASCH) viel zu verdanken. 

Im Unterschied zur Psychoanalyse begegnete Erickson dem Unbewussten grundsätzlich positiv. Im Unbewussten findet sich bei jedem Menschen, davon war er überzeugt, eine Quelle für produktive und liebevolle Problemlösungen. Mithilfe der Hypnose kann man diese Quelle, Psychologen und Psychiater sprechen lieber von Ressource, für sich selbst nutzbar machen. Der Zustand ist dabei eine Art Trance, in der äußere Wahrnehmung und rationales Bewusstsein zurücktreten und Platz für innere Bilder (Erinnerungen, Sehnsuchtsorte) entsteht.

Milton H. Erickson hatte es nicht leicht im Leben. Als zweites von neun Kindern in Nevada geboren, zog er als Fünfjähriger mit seinen Eltern auf eine Farm nach Wisconsin, wo er zur Schule ging und später auch Psychologie und Medizin studierte. Dass er überhaupt so weit kam, war bereits ein kleines Wunder, denn er war nicht nur farbenblind und unmusikalisch, sondern litt auch unter Legasthenie. 

Die Fähigkeit, Dinge zu visualisieren, kam ihm zu Hilfe, als er mit 17 Jahren an Polio erkrankte und nach drei Tagen im Koma fast vollständig gelähmt und verstummt erwachte. Über ein Jahr lang kämpfte er sich zurück ins Leben, indem er immer wieder versuchte, seine inneren Antriebskräfte zu mobilisieren. Seine Muskeln mussten „nur“ an ihre ursprüngliche Tätigkeit erinnert werden, um sich wieder zu bewegen. Täglich beobachtete er sein Umfeld und fokussierte auf sein Körpergedächtnis, das ja nicht verloren war. Er solle seinen Oberkörper trainieren, wurde ihm dann zu Beginn seines Studiums nahegelegt, und er begab sich während der Sommermonate in ein Kanu, um dort allein Hunderte von Meilen über Seen und Flüsse zurückzulegen. Ein wahnwitziges Unterfangen, das ihn gestärkt an Land gehen ließ, danach brauchte er nur noch einen Stock zum Gehen.

"Die Ressourcen, die du brauchst, findest du in deiner eigenen
Geschichte."

(Milton H. Erickson)

Milton H. Erickson hat in seinem Berufsleben als Psychotherapeut hunderte Klienten gesehen und über seine Fälle in ebenfalls hunderten Artikeln geschrieben, unter anderem in der von ihm gegründeten Zeitschrift über Hypnose (The American Journal of Clinical Hypnosis). Dennoch war die Hypnose nicht seine einzige Praxis, ja, er wandte sie nur in den Fällen an, wo sie seiner Meinung nach Erfolg versprach.

Überhaupt war er als Psychotherapeut unkonventionell und ging grundsätzlich flexibel auf seine Klienten ein. Einem Alkoholiker soll er etwa empfohlen haben, täglich für einige Minuten einen Kaktus im Park zu beobachten, der käme drei Jahre lang ohne Wasser aus. Einem Zwangsneurotiker riet er, sich 100-mal am Tag die Hände zu waschen und damit seine „Dosis“ von 50 zu verdoppeln. Hauptsache, die Methode half dem Einzelnen. 

Die lösungs- und ressourcenorientierte Kurzzeittherapie war geboren. Bis zu seinem letzten Lebensjahrzehnt, in dem er wegen eines schweren Post-Polio-Syndroms mit starken Schmerzen und Lähmungen wieder an den Rollstuhl gefesselt war, war Erickson ein viel gefragter Lehrer. Er galt als leuchtendes Vorbild für Menschen mit Einschränkungen, auch psychischen Einschränkungen wie Zwangsstörungen oder Ängsten, und als Musterbeispiel für intelligente psychotherapeutische Intervention. Dabei hatte er selbst kein Schema, nach dem er Menschen therapierte, sondern ließ sich auf jede Person neu ein. 

Hayword House in Phoenix, wo er mit seiner Frau lebte und auch praktizierte, kann mit Anmeldung besichtigt werden (www.ericksonmuseum.org).