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Reportagen

Dr. Emil Pfeiffer: Entdecker des Drüsenfiebers und Schöngeist

Pfeiffer hat die Krankheit beschrieben, aber ihr Verursacher, das Epstein-Barr-Virus, wurde erst in den 1960er Jahren identifiziert.

Pfeiffer hat die Krankheit beschrieben, aber ihr Verursacher, das Epstein-Barr-Virus, wurde erst in den 1960er Jahren identifiziert.

© Adobe Stock/Kateryna_Kon

llustration der Wirkweise des Epstein-Barr-Virus

llustration der Wirkweise des Epstein-Barr-Virus

© Adobe Stock/VectorMine

Er charakterisierte die Krankheit 1889 als einen infektiösen Prozess mit Fieber, einer generalisierten Schwellung der Lymphknoten sowie einer Leber- und Milzvergrößerung und mit einer Pharyngitis. Dies war der Anfang eines sehr interessanten Kapitels der medizinischen Forschung in den nächsten 100 Jahren. 

Bettina Rubow (Text)

Der Namensgeber des Pfeifferschen Drüsenfiebers war ein praktischer Arzt, wie er im Buche steht, und so vielseitig wie viele seiner Kollegen bis heute. Als Stadtarzt von Wiesbaden – die Bezeichnung schloss die ärztliche Versorgung der Armen ein – suchte er seine Kranken grundsätzlich zu Fuß auf, weil ihm das für die eigene Gesundheit günstig erschien. Er beobachtete die Leiden seiner kleinen und großen Patienten genau und versuchte zeitlebens, seine ärztliche Tätigkeit mit der medizinischen Forschung zu verbinden. Nachhaltig gelang ihm dies mit der Beschreibung einer Virusinfektion, die bis heute seinen Namen trägt, dem Pfeifferschen Drüsenfieber (infektiöse Mononukleose). 

Einsatz für das Wohl unehelicher Kinder

Er bereicherte die Medizin seinerzeit aber auch mit zahlreichen Publikationen zu Gicht, Nierensteinen, Kindersterblichkeit und Säuglingsernährung. Darüber hinaus interessierte er sich für die heimische Flora, forschte aber auch über die Heilwässer seiner Heimat, was ihm bei seinen Verordnungen als Badearzt zugutekam. Wie Rudolf Virchow, den er während seines Studiums an der Charité gehört hatte, engagierte sich Pfeiffer für eine allgemeine Gesundheitsvorsorge sowie das Wohl unehelicher Kinder und war in Wiesbaden auch als Impfarzt tätig. Acht Jahre lang war er Sekretär der Gesellschaft für Kinderheilkunde und organisierte über 32 Jahre den Kongress für Innere Medizin, den er im Jahr 1882 mitgegründet hatte. Seine Publikationen über Gicht (im The Lancet) sind heute überholt, führten ihn aber 1897 sogar zum Schah von Persien, der an Hyperurikämie litt.

Bei uns sagt der Volksmund „Pfeiffersches Drüsenfieber“, in England nennt man die Krankheit „Kissing Disease“.

Emil Pfeiffer machte keinen großen Wind aus seiner Entdeckung des Drüsenfiebers, das er 1888 in einem kurzen Vortrag (der im Jahr darauf publiziert wurde) und dann noch einmal im Jahr 1908 vor dem Kongress für Innere Medizin beschrieb. Allerdings wusste er, dass die „Hausinfektion“, wie er sie charakterisierte, noch in keinem Lehrbuch vorgekommen war. (Dass ein russischer Kinderarzt sie kurz vor ihm ebenfalls beschrieben hatte, konnte er nicht ahnen, die Übersetzung ins Deutsche erschien erst 1890.) 

Entscheidend für Pfeiffers Entdeckung bleibt, dass hier ein Arzt allein aus klinischer Erfahrung eine Krankheit definierte, deren offizielle Bestätigung noch Jahrzehnte brauchen würde. Erst 1930 wurde das „lymphaemoide Drüsenfieber“* als eigenständige Erkrankung medizinisch anerkannt. Dabei hatte Pfeiffer die bis heute auffälligsten Symptome des EBV genau notiert: Fieber, Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit sowie vor allem geschwollene, schmerzhafte Lymphdrüsen an Hals und Nacken. Nur die Pharyngitis oder auch Belag-Angina, wie sie heute als typisch erachtet wird, hat Pfeiffer bei seinen Kranken nicht gesehen. Sie klagten höchstens über Schluckbeschwerden. Pfeiffer beschrieb auch die schwereren Verläufe, wie sie bis heute auftreten. Darunter das tagelange Andauern des hohen Fiebers, eine „ausgeprägte Energielosigkeit des ganzen Organismus“ sowie die Vergrößerung von Leber und Milz, die der Hausarzt tasten kann.

Es gibt nach wie vor weder eine Impfung noch eine ursächliche Behandlung gegen das Epstein-Barr-Virus. Die Impfstoff-Forschung gegen EBV tritt aber demnächst in die heiße Phase ein, man rechnet mit klinischen Studien ab 2022.

Pflanzenforscher und Aquarell-Zeichner

Emil Pfeiffer war seiner Heimat Wiesbaden und im weiteren Sinne dem Nassauer Land eng verbunden. Angepasst ans militärisch ausgerichtete Preußen war der „Friedfertige“, wie Pfeiffer sich selbst in einem Zeitungsartikel bezeichnete, nicht. Als Feldassistenzarzt hatte er im Krieg gegen Frankreich gesehen, was es heißt, schwer verwundet und ohne ärztliche Hilfe zu sein. Nach 1914 widmete er sich lokalhistorischen Themen und schrieb über das Wiesbadener Rathaus oder auch Goethes Aufenthalt in Wiesbaden. Inspiriert von seiner Mutter sowie von seiner blumenbegeisterten Frau züchtete er Irisarten und forschte über lokale Wildpflanzen. Er fertigte unzählige Aquarelle von Blüten und Bäumen an, kopierte aber auch Inkunablen (die Anfangsbuchstaben mittelalterlicher Handschriften) sowie Szenen aus mittelalterlichen Kodizes.

1200 Aquarelle aus seiner Hand bewahrt das Museum Wiesbaden, das gleich gegenüber seiner ersten Wohnung (im dritten Stock des Elternhauses) in der Wilhelmstraße liegt, in seiner naturwissenschaftlichen Sammlung. Im Jahr 2025 plant das Museum eine weitere Ausstellung mit Pfeiffers Werken. 

*Eduard Glanzmann, Das lymphaemoide Drüsenfieber.