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Reportagen

Die russische Sängerkolonie

Auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. wurden die Holzhäuser in der Kolonie Alexandrowka im russichen Stil erbaut. Vorbild war das Künstlerdorf Glasowo bei St. Petersburg.

Auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. wurden die Holzhäuser in der Kolonie Alexandrowka im russichen Stil erbaut. Vorbild war das Künstlerdorf Glasowo bei St. Petersburg.

© iStock/Hermsdorf

Das im Januar 2005 eröffnete Museum in Haus Nr. 2 ist ein begehbares Baudenkmal aus dem Jahr 1826 und dient heute als Ort der Kommunikation und Information. Das dazugehörige Café lädt zum Verweilen ein.

Das im Januar 2005 eröffnete Museum in Haus Nr. 2 ist ein begehbares Baudenkmal aus dem Jahr 1826 und dient heute als Ort der Kommunikation und Information. Das dazugehörige Café lädt zum Verweilen ein.

© iStock/Siempreverde22

Hinweisschild in der Kolonie Alexandrowka

Hinweisschild in der Kolonie Alexandrowka

© Adobe Stock/nmann77

Die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurde zwischen 1826 und 1829 auf dem nördlich an die Kolonie grenzenden Kapellenberg errichtet.

Die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurde zwischen 1826 und 1829 auf dem nördlich an die Kolonie grenzenden Kapellenberg errichtet.

© Adobe Stock/Christian Tobler

Holzhäuser wie in der Taiga. Obstbäume wie früher. Die Kolonie Alexandrowka ist ein Stück Russland in Potsdam, die Entstehungsgeschichte mehr als kurios.

Jochen Müssig (Text)

In Haus Nr. 1 wird mächtig aufgetischt: Es gibt Bortsch, diesen gehaltvollen Rote-Bete-Eintopf, und danach noch Boeuf Stroganoff. Russisch. Deftig. Viel. Da darf ein Wodka natürlich nicht fehlen. Glücklicherweise gibt es ihn im 2-cl-Gläschen statt in einer Stopka, also dem in Russland durchaus üblichen Glas mit 100 ml. Also: „na zdarovje!“ – „zum Wohl!“ 

Später am Nachmittag bringt Olga, wie alle ihre Kellnerkolleginnen in der Alexandrowka eine gebürtige Russin, in Haus Nr. 2 Tee aus dem Samowar an den Tisch. Aus einem ehemaligen Stallgebäude wurde ein Museum mit Café und schönem Garten. Der Tee riecht fein, und die Honigtorte dazu sieht verführerisch aus. 

Aber wie geht das alles zusammen? Dieses Stück Russland in Potsdam? Was hatten König Friedrich Wilhelm III. und Zar Alexander I. mit dieser russischen Kolonie zu tun? Warum waren Kriegsgefangene ein Geschenk? Und warum wurden die Gefangenen zu Sängern? Der Reihe nach …

Erst Gefangene, dann Sänger

Die Alexandrowka besteht aus insgesamt 13 Holzhäusern, unweit der Potsdamer Innenstadt und von Schloss Sanssouci gelegen, die 1826 auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. im russischen Stil erbaut wurden. Vorbild war das Künstlerdorf Glasowo bei St. Petersburg. Holzbaukunst ist bis heute die vorherrschende Architektur für die einfachen Bevölkerungsschichten auf dem russischen Lande. Doch in der Alexandrowka ist alles ein bisschen anders. 

In den von Peter Joseph Lenné entworfenen umgebenden Gartenanlagen – samt Hunderter Obstbäume – sollten russische Sänger die passende Atmosphäre für ihre Musik und ihre Muse haben. Lenné war kein Geringerer als der General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten. Doch wie kamen die russischen Sänger Anfang des 19. Jahrhunderts eigentlich nach Potsdam?

„O bozhe!“ – das sagen die Russen für unser „oh je“, und Olga beginnt damit ihre Erklärung, die sie pro Tag mehrfach pflichtbewusst aufsagt, obwohl sie doch Kellnerin und keine Touristenführerin ist. „Am 30. Dezember 1812 wurde der Kriegszustand zwischen Preußen und Russland beendet“, führt sie aus wie ein Guide, nur ohne Regenschirm und Mikro, dafür mit Tee aus dem Samowar und dem zweiten Stück Honigtorte, „König Friedrich Wilhelm III. und Zar Alexander I. näherten sich an, und so kam es, dass 62 russische Soldaten, die als Gefangene nach Potsdam gekommen waren, als Geschenk des Zaren am königlichen Hof in Potsdam bleiben und einen russischen Sängerchor bilden sollten.“ Der Blick der Reiseführer-Olga sagt, leicht genervt, so viel wie: „alles verstanden? Reicht das?“ Kellnerin Olgas Stimme hingegen fragt freundlich: „Darf es sonst noch etwas sein?“

Erbberechtigt waren nur die Söhne

Nach dem Willen des Königs durften die russischen Sänger nur dann in die Häuser einziehen, wenn sie verheiratet waren. Verstorbene Musiker wurden vom Zaren ersetzt. Heute undenkbar: ersetzt. Menschen! Damals schlicht und einfach Realität. Die Häuser durften auch nicht verkauft und nur in direkter männlicher Linie vererbt werden. Deshalb kamen einige der Gebäude in der Folgezeit wieder zurück an den König, der sie anschließend an verdiente Feldwebel vergab. 1861 verstarb der letzte Sänger der russischen Kolonie. 1927, also rund hundert Jahre nach der Gründung, waren nur noch vier der Häuser von direkten Nachkommen der Sänger bewohnt. Und 2008 verstarb auch der letzte der direkten Sängernachfahren in der Kolonie.

Olga hat mächtig zu tun im Café. Und sie antwortet tapfer auf die Fragen der Gäste. So sagt sie am Nachbartisch: „Lenné entwarf die Anlage in Form eines Hippodroms mit einem Alleensystem, dessen Mitte das Andreaskreuz bildete“. Das war natürlich eine Ehrerbietung für einen der wichtigsten Heiligen der russischen Kirche, dem Apostel Andreas. Nördlich der Kolonie kam auf dem Kapellenberg die Alexander-Newski-Gedächtniskirche dazu. Sie steht bis heute in linder rosa Farbe gut sichtbar über den Wohnhäusern, denen ursprünglich Gehöfte angeschlossen waren. Aufgrund seiner Einzigartigkeit wurde das Ensemble 1999 UNESCO-Weltkulturerbe. Denn die Mustersiedling Glasowo gibt es nicht mehr, weshalb Alexandrowka eine große Bedeutung für die Architekturgeschichte Russlands erlangte.

Die Lennésche Anlage wurde im Rahmen der „Bundesgartenschau 2001“ rekonstruiert, und seitdem sind wieder Hunderte alte Obstsorten dort beheimatet. Weitere vier Jahre später eröffnete das Museum in Haus Nr. 2, in dem Olga Tee aus dem Samowar serviert. Die begehbaren Räume wurden originalgetreu restauriert. Die anderen Häuser sind dagegen heute im Privatbesitz und bewohnt: von außen kaum von 1826 zu unterscheiden, innen jedoch mit den üblichen modernen Wohnstandards ausgestattet. Die heutigen Bewohner gehen kaum außer Haus, wenn viele Touristen unterwegs sind. Wahrscheinlich weil sie sich vorkommen wie „Schlümpfe“, „Feuersteins“ oder „Hobbits“, die in russischen Holzhäusern wohnen. Einer dieser „Hobbits“ war der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs, der während seiner Amtszeit (2002-2018) in einem der Häuser der Alexandrowka wohnte. Olga hat es nicht so gut. Sie lebt in einem günstigen Plattenbau am Stadtrand. Alexandrowka-Häuser sind ebenso begehrt wie teuer.

Filmreifer Stoff

Die Geschichte der russischen Kolonie in Potsdam wäre sicherlich ein filmreifer Stoff. Witzigerweise liegt das „Studio Babelsberg“, das älteste Groß-atelier-Filmstudio der Welt, nur ein paar Kilometer entfernt. Doch verfilmt wurde bislang leider nichts. Dafür bietet das Freiluftkino der Alexandrowka alljährlich im Sommer russische Filme an. „Nu togda“ – „na dann“ …