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Reportagen

Chanson, mon amour!

Zwei Größen des Chansons gemeinsam am Klavier: Für Dalida komponierte Gilbert Bécaud den Welthit „Am Tag, als der Regen kam“.

Zwei Größen des Chansons gemeinsam am Klavier: Für Dalida komponierte Gilbert Bécaud den Welthit „Am Tag, als der Regen kam“.

@ akg-images/picture-alliance/dpa

Angèle gilt als eine der Botschafterinnen des innovativen, zeitgenössischen Chansons.

Angèle gilt als eine der Botschafterinnen des innovativen, zeitgenössischen Chansons.

© Wikimedia Commons/Thesupermat/CC BY-SA 4.0

Sie waren das Glamour-Paar der 1970er Jahre: Serge Gainsbourg und Jane Birkin.

Sie waren das Glamour-Paar der 1970er Jahre: Serge Gainsbourg und Jane Birkin.

© mauritius images/Keystone Press/Alamy

Neben Mode und Wein ist es eines der nationalen Heiligtümer Frankreichs: Das Chanson. Wie kaum ein anderes musikalisches Genre vereint es in sich Lebensfreude, Leidenschaft und Melancholie par excellence.

Martha-Luise Storre (Text)

Aber was ist überhaupt ein Chanson? Der neu erschienene Bildband „Chanson“ von Olaf Salié geht dem auf den Grund und nimmt den Leser mit auf eine musikalische Reise von den Anfängen bis zur Moderne.
Eine klare Definition zu finden, ist laut Salié auf den ersten Blick nicht leicht: „Die große Wandlungsfähigkeit des Chansons macht die Sache nicht einfach. Ein Chanson kann ein Tango oder ein Walzer sein, Blues oder Jazz, Swing, Rock oder Hip-Hop.“
Das Chanson lässt sich in all seiner Vielfalt also nicht in eine Form pressen. Es kann sowohl Liebeslied als auch politisches Kampflied sein. Stets mit einer eingängigen Melodie und – viel wichtiger – einem anspruchsvollen Text: „La chanson, c’est surtout le texte“ – das Chanson ist vor allem der Text, sagte einst der berühmte Chansonnier Charles Aznavour, als er nach dem Wesen dieses Genres gefragt wurde. Man könnte es gar als literarische Disziplin bezeichnen, mit seinem in die Tiefe gehenden Narrativ.

Vom Krieg und von der Liebe

Seinen Ursprung hat das Chanson im Mittelalter. Damals handelten die Lieder zum einen von der höfischen Liebe – der so genannten Minne. Reisende Troubadoure zogen von Burg zu Burg und unterhielten mit ihren Liedern den Adel. Zur selben Zeit etablierte sich aber auch schon die satirische, kritische und teils kämpferische Seite des Chansons, die sich bis heute in den Texten findet.
Der wohl bedeutendste Dichter des französischen Spätmittelalters, François Villon, war hierfür prägend: „Als subversiver Kritiker der bestehenden Verhältnisse, als Künstler, der sich bewusst außerhalb aller bürgerlichen Gepflogenheiten verortet, ist er gewissermaßen der Ahnherr nicht nur von anarchistischen Chanson-Größen wie Léo Ferré oder Serge Gainsbourg, sondern einer charakteristischen Haltung insgesamt, die sich wie ein roter Faden durch die Sujets der französischen Chansons ziehen“, weiß Salié zu berichten.

 

Die Musik der kleinen Leute

Das Chanson ist also neben l’amour auch politisch. Während der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts diente es dazu, die Unterdrückten zu vereinen und aufzustacheln, frei nach den Leitmotiven liberté, egalité, fraternité – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Bis hinein in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die industrielle Revolution der Gesellschaft ihren Stempel aufdrückte, hielt es die arbeitende Bevölkerung mit seiner kämpferischen Natur zusammen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte dann auch die Bohème, also die eher links verorteten Künstler, das Genre für sich. Der Experte formuliert es wie folgt: „Nach wie vor ist das Chanson die Musik der kleinen Leute, nach wie vor ist es ein politisches Instrument im Kampf gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Es wäre jedoch viel zu kurz gegriffen, würde man das Chanson nur auf seine politische Dimension verkürzen. In erster Linie ist es vor allem dies: ein wunderschönes Musikvergnügen.“