Newsletter

Reportagen

Baden gehen

Die Kolonnade der Ferdinandquelle befindet sich im Auschowitzpark von Marienbad. Sie ist nach Kaiser Ferdinand I. und König von Böhmen benannt und gilt als die älteste Mineralquelle.

Die Kolonnade der Ferdinandquelle befindet sich im Auschowitzpark von Marienbad. Sie ist nach Kaiser Ferdinand I. und König von Böhmen benannt und gilt als die älteste Mineralquelle.

© Josef Pavlovic/Piráti – Karlovarský kraj (pirati.cz)

Kuranwendung in Marienbad

Kuranwendung in Marienbad

© CzechTourism/David Marvan

 

Karlsbad gehört zu den berühmtesten und traditionsreichsten Kurorten der Welt.

Karlsbad gehört zu den berühmtesten und traditionsreichsten Kurorten der Welt.

© Adobe Stock/devnenski

Gewöhnungsbedürftig sind die Trinkkuren, hier in Karlsbad.

Gewöhnungsbedürftig sind die Trinkkuren, hier in Karlsbad.

© Adobe Stock/emma

In Franzensbad, Illustration aus dem 19. Jh.

In Franzensbad, Illustration aus dem 19. Jh.

© iStock/clu

Spaziergang entlang der Kurallee in Franzensbad mit zahlreichen Bauten aus der Jahrhundertwende

Spaziergang entlang der Kurallee in Franzensbad mit zahlreichen Bauten aus der Jahrhundertwende

© iStock/Dynamoland

Pavillon der Mineralwasserquelle in Franzensbad

Pavillon der Mineralwasserquelle in Franzensbad

© iStock/Jiri Vanicek

Büste von Ludwig van Beethoven vorm musikalischen Pavillon im Kurpark in Franzensbad

Büste von Ludwig van Beethoven vorm musikalischen Pavillon im Kurpark in Franzensbad

© Adobe Stock/DrObjektiff

Es ist kein Wunder, dass die UNESCO Karlsbad, Marienbad und Franzensbad zum Weltkulturerbe erklärt hat. Nur, dass es erst jetzt passiert ist. 

Frauke Gans (Text)

Seit Jahrhunderten kurt die Welt im dicht bewaldeten, heute tschechischen Westen. Mal mehr, mal weniger, zurzeit geben Burn-outs dem Kururlaub neuen Auftrieb. Die drei Orte ergänzen sich gegenseitig mit Karlsbad als Stadt von Welt, Marienbad als Ort der Ruhe und Franzensbad als Rückzugsstätte, früher überwiegend für Frauen. Wer noch nicht auf böhmischem Boden Regenerierungsurlaub genossen hat, kommt durch das Urteil der UNESCO eventuell auf den Geschmack. Wenn vielleicht auch nicht auf den gewöhnungsbedürftigen des Wassers. Zwischen Dutzenden heißen und kalten Quellen und einem Architekturmix der Prunkfassaden und Kolonnaden verlieben sich Kurgäste, vollenden Bücher und Kompositionen oder fällen politische Entscheidungen. Bei einem Streifzug durch das Böhmische Bäderdreieck scheint es vor Geschichten prominenter Persönlichkeiten, überraschenden Fakten der Naturwissenschaft und historischen Ereignissen überzuquellen.

Karlsbad – Karlovy Vary

Im Karlsbader Wasser stecken angeblich 40 Elemente des Periodensystems. Nur gesunde natürlich. In so rauen Mengen, dass Wasserrohre durch die Ablagerungen bereits nach wenigen Jahren vollkommen verschlossen sind. Wer sich das anschauen oder mehr über die Entstehung der Karlsbader Quellen erfahren möchte, steigt am besten in den Untergrund. Wo Orts- und Geschichtskundige auch erklären, welche der Quellen von 30 bis über 70 Grad heiß sind. So dass vor dem Baden das Wasser oft heruntergekühlt werden muss und aus Brunnen und Gullis Dampf wie warmer Winternebel aufsteigt.

Weil viele Promis der Politik in Karlsbad kuren, wurden schon etliche weltbewegende Entscheidungen zwischen Arztbesuch und Kohlensäurebad getroffen. Deshalb gilt die Stadt als Vorsaal des Ersten Weltkrieges und ist natürlich Geburtsort der Karlsbader Beschlüsse. Die Ministerialkonferenzen 1819 wurden als zufälliges Treffen im Badezuber getarnt, damit die Öffentlichkeit davon keinen Wind bekam. Denn Grund für das Treffen war die Angst vor einer Revolution. Zu ihrem Glück gab es damals noch keine Minikameras mit Mikrofon.

Die Promidichte Karlsbads beruht heute aber nicht allein auf den Heilquellen, sondern immer Anfang Juli auch auf dem Internationalen Film-
festival „Karlovy Vary“. Wenn an Schauspieler und Regisseure für besondere Leistungen ein kristallener Globus verliehen wird, lockt das Größen wie Renée Zellweger, Morgan Freeman oder Danny Devito nach Böhmen. Zwar musste das Festival eine Corona-Pause einlegen, aber dieses Jahr trifft sich im Sommer wieder das Who is Who der Filmwelt in dem Kurort – zum 56. Mal (kviff.com/en/homepage).

Auch Goethe war ein gern gesehener Gast in allen drei Kurorten, im Gegensatz zu seinem Denkmal. Büste samt Sockel standen vor dem Grandhotel „Pupp“, wo sie die Bombardierungen des Zweiten Weltkrieges überstanden. Dann sollten sie 1946 verschwinden, weil Goethe Deutscher war. Also wurde das Denkmal mit Brettern vernagelt, bis die Büste ins Museum gestellt wurde. Den Sockel benutzte man als Füllmaterial für einen Bombenkrater. Bauarbeiter stießen 2014 auf das marmorne Stück, woraufhin es vor dem Goethe-Institut in Prag aufgestellt wurde. Aber die Prager Stadtbehörden fanden, der Sockel behindere die Fußgänger, also reiste er zurück nach Karlsbad, um 2018 endlich seinen Platz wieder ganz nah bei seiner Büste einzunehmen – die dort inzwischen auf dem Goethe-Weg auf einen 1950er-Jahre-Sockel gesetzt worden war.

Marienbad – Mariánské Lázně

Das Wasser in Marienbad scheint einen besonderen Einfluss auf die Libido zu haben. Vielleicht ließ Goethe (1749-1832) es deshalb an der Uni in Jena untersuchen – übrigens mit ausgezeichnetem Ergebnis. Denn er verliebte sich in Marienbad Hals über Kopf mit Anfang 70 in die 17-jährige Ulrike von Levetzow. Auch Fryderyk Franciszek Chopin (1810-1849) wollte sich dort verloben, mit Maria Wodzinska. Obwohl der berühmte Kurschatten tatsächlich existiert, waren weder Ulrike – wenig überraschend – noch Marias Eltern mit einer Beziehung einverstanden. Beide Männer verarbeiteten ihren Liebeskummer kreativ, weshalb wir Goethes „Marienbader Elegie“ und Chopins „Abschiedswalzer“ auch ein bisschen dem Kurort Marienbad verdanken.

Genauso wie Mark Twains (1835-1910) satirischen Artikel „Marienbad – A Health Factory”. Der Schriftsteller hatte sich im Gästebuch mit seinem Originalnamen Samuel Langhorne Clemens eingetragen und wollte sich mit seinen Töchtern in dem Kurort nur umschauen. Aber dank der vielen Menschen, die über ihre Leber resümierten, habe er sich doch einiger Behandlungen unterzogen. Und amüsierte sich über die Besessenheit der Deutschen von einer guten Aussicht, weshalb sie auf dem höchsten Hügel Marienbads nutzloserweise einen Turm gebaut hätten. „Sie würden auch auf dem Mont Blanc einen Aussichtsturm errichten, wenn sie dürften“. Seine Erlebnisse haben ihn so beschäftigt, dass er sie in den „The London Illustrated News“ veröffentlichte. 

Goethe kurte und liebte nicht nur in Marienbad, sondern er beschäftigte sich auch intensiv mit der Geologie der Gegend – genauso wie Marie-Curie-Sklodowska und Alexander von Humboldt. Ein Lehrpfad am Rande der Kurstadt erklärt heute den Geoaufbau und die Flora des Kaiserwaldes. Kurgäste, die sich wie der Dichter verstärkt für das Thema interessieren, können im größeren und grenzüberschreitenden Bayrisch-Böhmischen Geopark komplett in die Materie abtauchen. Das Kurdreieck liegt mitsamt einem Teil des Bayerischen Waldes längs des Egergrabens. Die immer noch andauernden Bewegungen der Erdkruste sind mitverantwortlich für die vulkanischen Prozesse und damit für den hohen Wärmefluss, die CO2-Entgasung und die Thermalwasseraustritte. Viele der geologischen Objekte gelten heute als geschützte Naturdenkmäler oder technische Denkmäler. Auch der Kaiserwald selbst ist ein Landschaftsschutzgebiet (geoloci.cz, geopark-bayern.de).

Franzensbad – Františkovy Lázne

In Franzensbad wurden früher hauptsächlich Gesundheitsprobleme von Frauen behandelt. Eine der weiblichen Kur-gäste war die mährisch-österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), Autorin von „Krambambuli“, die ihren Arzt per Post über die Kur auf dem Laufenden hielt. Danach veröffentlichte sie die sehr satirische Briefserie unter dem Titel „Aus Franzensbad“. Allerdings mochte die Autorin diese Zusammenfassung der Kommunikation nicht besonders, während ihre anderen gesellschaftskritischen Bücher sehr erfolgreich waren.

Kuren bedeutete unter den Kolonnaden auch sehen und gesehen werden. Was die deutsche Schriftstellerin und Frauen-rechtlerin Fanny Lewald (1811-1889) amüsierte, aber auch etwas nervte. Im dritten Band ihrer Lebensgeschichte „Befreiung und Wanderleben“ meint sie, einigen Besuchern in dem etwas ruhigeren Kurort müsse so langweilig sein, dass sie und andere Promis zum einzigen Gegenstand der Unterhaltung mutierten: „‚Nun muß ich noch die Lewald sehen!‘, hörte ich wörtlich eines Morgens am Brunnen eine Dame mit dem größten Eifer sagen, deren aufgeregtes Wesen mir schon früher aufgefallen war.“ 

Mit den Epochen ändern sich die Krankheiten, die Präferenzen und die Kurprogramme. Deshalb wurden Paketbehandlungen für die COVID-19-Rekonvaleszenz entworfen, die auf die individuellen Folgeerscheinungen der Krankheit abgestimmt sind. Gäste, die zu ihrem reinen Vergnügen anreisen, können in Quellwasser mit Bier entspannen. Über einen Zapfhahn dosieren Besucher selbst, wie viel des Hopfensaftes sie als Badezusatz in ihrem Eichenzuber wünschen. Oder ob sie ihn auch innerlich genießen möchten – dann natürlich aus Gläsern. Danach legen sich die Kurgäste in Laken gehüllt auf ein Strohbett vor dem Kamin, um sich bei Treberbrot mit Schmalz und noch mehr Bier auszuruhen. Wohl bekomm’s!