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Reportagen

Alzheimer – Arzt und Krankheit

Eigenhändig von Alzheimer gezeichnete histologische Tafeln (Quelle: Konrad und Ulrike Maurer, „Alzheimer. Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit“ Piper, 1998)

© Lilly Deutschland GmbH/Alzheimer Haus/Ulrike und Konrad Maurer

Kopie der Krankenakte von Auguste Deter; der Ursprung der Bezeichnung „Alzheimer-Krankheit“ geht auf den Fall der 51-jährigen Patientin zurück, die am 25. November 1901 in der Frankfurter Klinik mit den Zeichen einer Demenz aufgenommen wurde.

Kopie der Krankenakte von Auguste Deter; der Ursprung der Bezeichnung „Alzheimer-Krankheit“ geht auf den Fall der 51-jährigen Patientin zurück, die am 25. November 1901 in der Frankfurter Klinik mit den Zeichen einer Demenz aufgenommen wurde.

© Lilly Deutschland GmbH/Alzheimer Haus/Ulrike und Konrad Maurer

Alzheimers Geburtshaus in Marktbreit, 1995 erwarb die Firma „Lilly Deutschland GmbH“ das Haus; es wird seither als Gedenk- und Tagungsstätte genutzt.

Alzheimers Geburtshaus in Marktbreit, 1995 erwarb die Firma „Lilly Deutschland GmbH“ das Haus; es wird seither als Gedenk- und Tagungsstätte genutzt.

© Lilly Deutschland GmbH/Alzheimer Haus/Ulrike und Konrad Maurer

Sein Name steht für eine Erkrankung des Gehirns, die wir alle fürchten: die Alzheimer-Demenz.

Bettina Rubow (Text)

Tatsächlich hat Alois Alzheimer, der 1864 im unterfränkischen Marktbreit geboren wurde, die Erkrankung als Erster nicht nur beschrieben, sondern sie auch neuropathologisch nachgewiesen. Dass er dafür zu Lebzeiten nicht berühmt wurde, liegt wahrscheinlich auch an der Krankheit, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch selten war.

Wer war Alois Alzheimer?

Der Sohn eines Notars war nach dem Medizinstudium als Assistenzarzt in der „Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt in Main tätig, als ihm 1901 die Patientin seines Lebens, Auguste Deter, lange nur als Auguste D. bekannt, vorgestellt wurde. Ihr überforderter Ehemann hatte die 51-Jährige in die Anstalt gebracht, sie litt offensichtlich unter Dementia, was an sich nichts Neues war, ungewöhnlich war allerdings ihr auch für diese Zeit noch junges Alter. 

Sie verstarb 1906 ebendort, aber da hatte Alzheimer die fortschrittliche Klinik (ohne Zwangsbehandlungen) bereits verlassen und arbeitete unter dem berühmten Psychiater Emil Kraepelin in München. Dort setzte er seine hirnanatomische Forschung fort, immer auf der Suche nach Korrelaten psychischer und neurologischer Erkrankungen. Er un-
tersuchte Alkoholsucht, Epilepsie sowie die progressive Paralyse (die „Gehirner-weichung“ als Spätfolge der Syphilis war damals noch unbekannt) und erwies sich als vorurteilsfreier Forensiker. 

Dennoch muss man sich den „Irrenarzt mit dem Mikroskop“ nicht als Labormaus vorstellen, zu seiner Zeit war er für seinen mitmenschlichen Umgang mit Patienten ebenso bekannt. 1906 also erfährt er vom Tod seiner ehemaligen Patientin Auguste Deter – und lässt sich sogleich deren Krankenakte sowie auch ihr Gehirn nach München schicken. Und es fällt ihm wie Schuppen von den Augen: Die Plaques und verklebten Fibrillen im deutlich geschrumpften Cortex von Frau Deter müssen die Ursache für die neuartige „Krankheit des Vergessens“ sein, wie Alzheimer die hirnorganische Störung fortan nennt. 

Alzheimer hat eine bahnbrechende Entdeckung gemacht, die bis heute gültig ist, aber die Medizin seiner Zeit nicht sonderlich beeindruckt. Für seine Erkenntnisse bekommt er nicht den Nobelpreis, nur Kraepelin nimmt unter dem Namen „Alzheimers Krankheit“ die neu definierte Erkrankung in das psychiatrische Lehrbuch der Zeit auf.

Die Karriere einer Gehirnerkrankung 

Inzwischen hat Morbus Alzheimer epidemische Ausmaße angenommen, allein in Deutschland, schätzt man, sind 1,6 Millionen Menschen von der häufigsten Art der Demenz betroffen. Tendenz steigend. Denn mit wachsendem Lebensalter steigt das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, rasant an. Die Krankheit hat ihren Entdecker in Sachen Publicity längst überholt. Eine Erwähnung wert ist darüber hinaus die Entdeckung der Auguste-Deter-Krankenakte, die im Archiv der Frankfurter Universitätsklinik für Psychiatrie verschwunden war, bevor sie ein engagierter Psychiater und Buchautor unserer Zeit, Konrad Maurer, 1998 wiederentdeckte. 

Gemeinsam mit seiner Frau sowie den Alzheimer-Enkeln sorgte der ehemalige Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Frankfurter Universitätsklinikum u.a. dafür, dass das Alzheimer-Geburts-haus in Marktbreit mit Unterstützung der Pharmafirma „Lilly“ als Gedenkstätte eingerichtet wurde. Sein Parterre dient heute als Museum, in dem ein Faksimile der Krankenakte von Auguste Deter, das Mikroskop des Professors sowie seine Büste daran erinnern, dass man bereits zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende psychischen und neurologischen Störungen dicht auf der Spur war. 

Geburtshaus und Grabstätte

Marktbreit am Main ist eines der hübschen Städtchen des fränkischen Weinlandes, dessen Besuch sich auch über das medizinhistorische Interesse hinaus lohnt. Das Geburtshaus von Alois Alzheimer in der Ochsenfurter Straße 15 a lässt sich auf Anfrage besichtigen. (Kontakt: Touristinfo Marktbreit, www.marktbreit.de, Tel. 09332/591595 oder Gästeführerin Ulrike Zink, Tel. 0176/34934997). 

Auch das Wohnhaus in Frankfurt am Main, in dem Alzheimer mit seiner Familie einige Jahre glücklich verbrachte, bevor seine Ehefrau Cecilie 1901 verstarb, steht noch (Liebigstraße 53). Auf dem Campus Westend der Frankfurter Universität gibt es ein Denkmal, das an den Pionier der Hirnforschung erinnert. Das „Irrenschloss“ am Affenstein, wie der Volksmund die damalige Psychiatrie im Frankfurter Westend nannte, ist inzwischen durch einen Neubau im Bauhausstil ersetzt. Alois Alzheimer ist neben seiner Frau Cecilie inmitten berühmter Persönlichkeiten auf dem Hauptfriedhof von Frankfurt am Main beigesetzt.

Quelle: Konrad und Ulrike Maurer, „Alzheimer. Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit“. Piper, 1998