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Reportagen

Im Bann der Walser

Auf 871 m Höhe liegt die Berggemeinde Bürserberg im westlichsten Bundesland Österreichs, Vorarlberg, im Bezirk Bludenz.

Auf 871 m Höhe liegt die Berggemeinde Bürserberg im westlichsten Bundesland Österreichs, Vorarlberg, im Bezirk Bludenz.

© Alpenregion Bludenz Tourismus GmbH

In seinem Laden „Die Spezerei“ offeriert Hannes Durnwalder regionale Weine, Köstlichkeiten und „Waren aller Art“.

In seinem Laden „Die Spezerei“ offeriert Hannes Durnwalder regionale Weine, Köstlichkeiten und „Waren aller Art“.

© Nicola Förg

 

Im Brandnertal finden Skifahrer unendliches Pistenglück.

Im Brandnertal finden Skifahrer unendliches Pistenglück.

© Michael Marte/Bergbahnen Brandnertal GesmbH

Nach einem aktiven Wintertag im Brandnertal freut man sich auf die Einkehr auf einer Hütte.

Nach einem aktiven Wintertag im Brandnertal freut man sich auf die Einkehr auf einer Hütte.

© Michael Marte/Bergbahnen Brandnertal GesmbH

Im Brandnertal findet man viel Ruhe, hervorragende regionale Spezialitäten, durchdachte Nachhaltigkeit und originelle Typen.

Nicola Förg (Text)

In der Karte steckt ein Pin. Genau 200 Kilometer hat Hannes Durnwalder rund um Brand gelegt. Aus diesem Umkreis stammen die Produkte im Laden „Die Spezerei“. Hannes Durnwalder – der Name lässt es ahnen – ist gebürtiger Südtiroler, und wenn er von etwas Ahnung hat, dann von Wein. Er hat in Wien Weinbau studiert und lange in Kaltern in der Kellerei gearbeitet.

„Die  Österreicher sind beim Wein ja ein bisschen nationalistisch“, lächelt er. „Aber regional heißt doch nicht national!“ Hannes Durnwalder stellt sein Konzept in einen größeren Kontext, und das sind die Walser.

Warum die Walser das Wallis verließen, ist bis heute ungeklärt. Vermutungen ranken sich um die Erbfolge – nur der Erstgeborene erbt –, politische Unruhen im Wallis und Naturkatastrophen wie Murenabgänge oder Überschwemmungen, die ganze Sippen zur Abwanderung zwangen.

Die Walser begannen im 13. Jahrhundert in hochgelegene Täler einzuwandern, gerufen und unterstützt durch mittelalterliche Lehnsherren, die sich dadurch einen Gewinn an Kulturland erhofften. Ausgehend von ihren hochgelegenen Streusiedlungen, begannen die Walser zu roden. Ihre Häuser bauten sie aus Holz, sozusagen aus Rodungsabfällen, oder in der so genannten Holzstrickbauweise, wo der untere Bereich des Hauses aus Stein besteht, der obere aus Holz. Mit „gestrickten“ Bauernhäusern ist eine Bauweise gemeint, bei der die tragenden Wände durch waagrecht aufeinandergeschichtete  verdübelte  Balken  entstehen – ein System wie im Fadenwerk eines Strickpullovers.

Ein alpines Genussparadies

Das Brandnertal ist wie das Große Walsertal eine Walsergründung. Und Walser sind auch ein kulinarischer roter Faden durch „Die Spezerei“, die das Alpine, Wertige und Handwerkliche in den Fokus rückt: Bündnerfleisch aus Graubünden, Kekse aus dem Großen dem Kleinen Walsertal, Weine aus der Bündner Herrschaft, Bier aus Lech, Käse aus dem Brandnertal.

Im Genussparadies gibt es auch Kleinigkeiten zum Schnabulieren, beispielsweise Schüttelbrotnudeln oder auch einmal eine Bündner Nusstorte, die köstlich ist! Die wird allen Ernstes von einer argentinischen Köchin gezaubert, die in Corona-Zeiten im Frühling 2020 im Brandnertal strandete – und blieb.

Wie gemacht für Winterfreuden

Weil das Tal sich sehr schnell in Herzen schummelt  –  denn bei allen inneren Werten, der erste Blick zählt eben doch, und das Brandnertal ist ein Tal wie gemalt, nicht zu eng, keine Hotelarchitekturfurunkel, ein anmutiger Talschluss. Hoch oben drüber, auf 1970 Metern am Fuße der alles überstrahlenden Schesaplana, liegt der Lünersee, Stausee des Pumpspeicherkraftwerks. Winterwanderwege, Schneeschuhtrails und Langlaufloipen schlängeln sich hier fast immer auf sonnigen Plateaus, und auch ganz obenauf gibt es den Themenwanderweg für Kids sowie eine launige Rodelsafari, eine Kombination aus Abfahrten und Winterwandern – von der Bergstation der Panoramabahn hinunter nach Bürserberg. Wo die „Hofkäserei Kegele“ Bündner Strahlenziegen züchtet und beweist, dass Ziegenkäse eben nicht von Natur aus „bockeln“ muss.

Wertige Produkte, Wirtschaften  mit den Jahreszeiten, Respekt vor den „tierischen“ Mitarbeiterinnen war auch Gradmesser beim Projekt „Brandner Almochs“. Lothar Schedler vom „Hotel Sarotla“ und Martin Wieland vom „Alpensteakhaus“ sind Partner: Tiroler Grauvieh darf ein Jahr lang langsam auf der Alm heranwachsen. Im zweiten Jahr grasen die Tiere im Tal kurzrasigen Boden, was sich auf die fein marmorierte Fleischqualität auswirkt. Nach dem Schlachten bei einem Biometzger muss das Fleisch lagern, verwertet wird alles – nachhaltig und einzigartig. „Gerade das Beuschel kam sehr gut an“, freut sich Schedler.

Gut zum Klima

Auch das „Hotel Lün“ setzt voll auf regionale Produkte. Einst betrieb die Oma eine Frühstückspension, bis sie knapp Neunzig war. „Es hat unsere Mama quasi übersprungen“, lächelt Mario Greber. Er und Bruder Daniel waren gefragt und schufen Österreichs erstes klimaneutrales Hotel, u.a. mit Pelletsheizung aus „Ländle-Holz“ und einer E-Tankstelle. Seit 2019 sponsern die Brüder pro Buchung einen Baum, gepflanzt vom Unternehmen „onetreeplanted“, einer Non-Profit-Organisation aus den USA. Die Brüder tragen Kleidung vom fairen Hersteller „Nikin“ aus der Schweiz. „Natürlich kann jeder Einzelne etwas tun!“, sagt Mario Greber.

Das findet auch Hannes Durnwalder, der aus einer Garage seine „Spezerei“ geschaffen hat, und dessen neuestes Projekt wieder eine Verbeugung vor der Region ist. „Im Älmele haben wir selbst bis 2013 gewohnt, in einem kleinen kuscheligen Holzhaus.“ Dazu gesellten sich jetzt fünf Waldchalets am Lärchenwald, über dem Wildbach, in klaren Linien und doch heimelig. Holzduft, die große Glasfront, die innen und außen aufbricht. Aber doch Abstand zum Nebenhaus hält, wie es die Walser getan haben. Sie galten als nicht so gesellig – im heutigen Brandnertal geht beides. Bergeinsamkeit oder lässige Plaudereien bei einem Haida (Walliser AOC-zertifizierter Weißwein) aus Visperterminen an Hannes Theke.

Die Füße im Sand, das Herz in der Hand

Die Räder stellen wir an vorgegebener Stelle bei den Schutzdünen ab. Ein markierter Weg, der hügelig über die Dünen direkt zum Strand führt, trennt uns jetzt noch vom Meer. 

Das ist mein Moment! Auf den freue ich mich das ganze Jahr. Vom Meer sieht man noch nichts, riecht und hört es aber schon. Mein Herz klopft, auch vom kleinen Anstieg. Je weiter wir gehen, desto lauter wird das Rauschen. Auch tauchen jetzt nach jeder Anhöhe Meer und Strand immer mal kurz auf. Doch erst am Dünenrand öffnen sich Blick und Horizont – da liegt sie vor einem, die raue Nordsee, wie sie am malerischen Naturstrand leckt. 

Barfuß und jauchzend sause ich im weichen Sand den Pfad hinunter. Schnell die Strandmuschel aufbauen, eincremen, Badesachen an und hinein ins Wellenspektakel. Danach sich von Wind und Sonne trocknen lassen und beim Verzehr der taufrischen Brötchen die endlose Weite genießen. Am Strand spazieren und Muscheln sammeln gehen. Dabei die salzige Seeluft bis tief in die Lungenspitzen ein- und ausatmen. Wind, Wellen, Weite – ein Tag voller Glück!

Auf dem Rückweg fällt das Treten leicht, aber der Abschied schwer. Im vollen Zug ergattern wir noch einen Sitzplatz und auf der Fähre auch einen auf dem Brückendeck. Wehmütig schaue ich noch einmal zurück. Ich komme wieder, Langeoog, meine „Insel fürs Leben“!