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Reportagen

Dr. Rudolf Virchow: Pathologe und Prähistoriker

Büste von Rudolf Virchow im Präparatesaal des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité (derzeit geschlossen)

© Charité/Nina Diezemann

Luftbildaufnahme des Rudolf-Virchow-Krankenhauses um 1920

© Postkartensammlung Matthias David

Rudolf Virchow in seinem Arbeitszimmer an der Königlichen Charité

© Wikimedia Commons/Le monde moderne/Internet Archive Books Images

Postkarte mit Ansicht des Rudolf-Virchow-Krankenhauses (Küche und Wasserturm) um 1912

© Postkartensammlung Matthias David

Blick auf den Wasserturm, 2021

© Matthias David

Rudolf-Virchow-Krankenhaus, Innenhof heute

© Matthias David

Am 13. Oktober vor 200 Jahren 2021 wurde der Begründer der modernen Zellularpathologie, Rudolf Virchow, geboren. Auch als Sozialpolitiker setzte er sich für ein fortschrittliches Gesundheitswesen ein.

Michael Juhran (Text)

Ein Medizinstudium in dreieinhalb Jahren, die Dissertation im Alter von 22 und die Habilitation mit 26 Jahren – früh ließ Rudolf Ludwig Carl Virchow (geb. 13. Okt. 1821 in Schivelbein/Hinterpommern, gest. 5. Sept. 1902 in Berlin) erkennen, dass er bald zu den Wissenschaftspionieren seiner Zeit gehören wird. In der Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen sich dynamische Umbrüche – wissenschaftlich, politisch, wirtschaftlich und sozial. Ein breiter wissenschaftlich-technischer Fortschritt leitete die Industrielle Revolution ein, die geistigen Anforderungen an die Gesellschaft stiegen, und die Naturwissenschaften etablierten sich mit innovativen Erkenntnissen und Ideen.

Jede Zelle entsteht aus einer Zelle

Virchow stürzte sich mit Leib und Seele in die wissenschaftliche Arbeit, studierte, experimentierte, ging mit damals modernster Mikroskoptechnik den Sachen auf den Grund, bis er selbst zu neuen Erkenntnissen gelangte. Zu seinen größten Verdiensten gehört die Weiterentwicklung der Zellentheorie von Schwann und Schleiden zu einer wissenschaftlichen Zellularpathologie, indem er erkannte, dass sich menschliche Zellen, wie pflanzliche und tierische, stets aus Zellen entwickeln und die Zelle das kleinste Modul des menschlichen Körpers darstellt – eine Revolution gegenüber der bis dahin auf der Vier-Säfte-Lehre der Antike gründenden Humoralpathologie. 

Schlussfolgernd, dass sich aus Störungen der Zellstrukturen Krankheiten entwickeln können, lenkte Virchow die medizinische Wissenschaft in völlig neue Bahnen. Seine Forschungsergebnisse zu den Themen Leukämie, Blutgerinnung, Thrombose und Geschwülste waren wegweisend.

Aufklärer und Sozialkritiker

Virchow war ein vehementer Verfechter einer naturwissenschaftlich begründeten und sozial orientierten Medizin. Schon als junger Freigeist scheute er keine Auseinandersetzungen mit der Politik. Als er im Auftrag der preußischen Regierung die Ursachen einer Fleckfieber-Epidemie in Oberschlesien untersuchen sollte, identifizierte er zum Ärger seiner Auftraggeber Hunger und die schlechten hygienischen Verhältnisse als Hauptursachen und forderte „ ... Demokratie ... und Bildung mit ihren Töchtern Freiheit und Wohlstand“. 

1848 unterstützte er die Aufständischen in Berlin, und 1870 ließ er Verletzte von der deutsch-französischen Front mit Lazarettzügen abholen, um sie auf dem Tempelhofer Feld zu behandeln. Auf das Wohlergehen breiter Bevölkerungsschichten bedacht, setzte er sich als Stadtverordneter in Berlin für eine medizinische Grundversorgung und die Errichtung öffentlicher Krankenhäuser ein, die in der Folge in Friedrichshain, Moabit und Am Urban entstanden. Auch seine Forderung nach einer professionellen Ausbildung zur Krankenpflege brachte das Gesundheitswesen voran.

Massiver Einsatz für Hygiene-Fortschritte

Immense Fortschritte initiierte Virchow auf dem Gebiet der Hygiene. So hatte er beispielsweise maßgeblichen Anteil daran, dass Berlin 1870 eine zentrale Wasserversorgung und Abwasserentsorgung erhielt. Nachdem die Cholera 1866 tausende Tote gefordert hatte, konnte nun der Unrat der Millionenmetropole mittels Kanalisation in umliegende Rieselfelder abgeleitet werden. Er sorgte zudem für die obligatorische Trichinenschau auf Schlachthöfen und für hygie-nische Zustände in Markthallen. Norwegen und andere Länder zogen ihn bei der Linderung von Seuchen hinzu. 

Charakteristisch für Virchow war sein interdisziplinäres Denken. Ähnlich wie Humboldt oder Goethe beließ Virchow seine Forschungen nicht allein auf medizinischem Gebiet. Auf anthropologischem Gebiet beteiligte er sich im damaligen Zeitgeist an den Untersuchungen zum Ursprung und der Entwicklung des Menschen, gelangte bei seinen Erhebungen zur Rassenverteilung aber zu der Erkenntnis: „Am Ende sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen größer als die zwischen den Rassen.“ 

In der NS-Zeit diffamiert

Das von ihm in diesem Zusammenhang praktizierte Sammeln von Schädeln unterschiedlichster Herkunft und deren Vermessung sowie seine Beteiligung an Völkerschauen werden heute kritisch gesehen. „Dass später das Rassekonzept von den Nationalsozialisten pervertiert wurde, kann man Rudolf Virchow nicht anlasten. Er  wurde ja in der NS-Zeit als jüdisch und ‚Feind‘ des deutschen Bakteriologie-Helden Robert Koch diffamiert“, stellt Professor Matthias David klar. 

Auf prähistorische Pfade begab sich Virchow 1879, als er an Schliemanns Troja-Grabungen teilnahm und mit dem berühmten Archäologen 1888 eine Expedition nach Ägypten leitete.

Emsiger Mit-Gründer von Museen

Für Virchow war eine Theorie ohne eindeutige Beweisführung inakzeptabel. Auf seine Erfahrungen und Kenntnisse aus der frühen Zeit als Prosektor an der Berliner Charité aufbauend, sammelte er 23.000 medizinische Präparate. Es verging kaum ein Tag ohne ein Präparat. 1899 konnte Virchow so das erste pathologische Museum an der Charité eröffnen, von dem heute trotz Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg noch immer 750 Präparate im – aufgrund von Umbauarbeiten bis Herbst 2022 geschlossenen – Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité (www.bmm-charite.de) vorhanden sind. 

Darüber hinaus war Virchow maßgeblich an der Gründung weiterer Museen in Berlin beteiligt, wie dem heutigen Märkischen Museum, dem Ethnologischen Museum (früher Museum für Völkerkunde) und dem Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes.