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Reportagen

Wir sind Europa: Esch 2022

Remix Europe: Das Theaterkollektiv Transquinquennal präsentiert das Stück „Idiomatic“, in dem Schauspieler versuchen, Brücken über ihre Spachbarrieren zu schlagen.

© www.esch2022.lu/Transquinquennal/ Idiomatic Escher Theater

 

Schafherde vor Hochöfen; das Bild (© Jos Rinaldi) war Teil der Ausstellung „Remixing Industrial Pasts: Constructing the Identity of the Minett“ in der Massenoire

© www.esch2022.lu

 

Projekt „PLAYFUL CONNECT – Together we build a City by Floris Hovers“, präsentiert im Annexe22 am Place du Brill, einer Art Projektionsraum für Ideen für die Zukunft; © www.esch2022.lu/Floris Hovers

Der berühmteste Einwohner von Esch trägt eine Zipfelmütze und ist 12 m groß. Klar, dass auch der Riese, der gemütlich im Waldboden des Parc Merveilleux in Bettembourg liegt, bei der Kulturhauptstadt nicht fehlen darf. Das Festival „Literatour 2022“ widmet ihm einen Comic und einen Themenweg durch die Gemeinde.

© www.esch2022.lu/Emite Hengen

Remix Nature: Der „Minett-Trail“ verläuft 70 km durch den ganzen Süden des Landes Luxemburg und ist Teil des Programms für die Kulturhauptstadt.

© Zoom Nature/www.esch2022.lu

Früher wurde Eisenerz transportiert, heute Touristen: der „Train 1900“ in Fond-de-Gras.

© www.esch2022.lu

Gemütliche Einkehr im Restaurant „Bei der Giedel“ im Freilichtmuseum Fond-de-Gras

© Bettina Rubow

Das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt Esch-sur-Alzette in Luxemburg steht unter dem Motto „Remix Culture“. Man will das Zusammenspiel aus Kulture in der Region präsentieren, aber auch die alte Industriekultur mit Neuem vermengen.

Bettina Rubow (Text)

Wie es Luxemburg schaffte, aus einer von Schwerindustrie geprägten Region einen modernen Wissensstandort zu machen, ist einmalig in Europa. Die Metamorphose von Stadt, Dorf und Land, die sich im Süden des kleinen Landes ereignet hat, hat nicht nur den Europäischen Rat schwer beeindruckt, die Cité des Sciences und ihre grüne Umgebung begeistern auch Besucherinnen und Besucher, die sich dieses Jahr überdies an zahlreichen Kulturveranstaltungen erfreuen dürfen.  

” So eine alte Industriearchitektur bekommt man nicht kaputt. "

Luxemburgs Kulturhauptstadt ist mehr als das Städtchen Esch-sur-Alzette mit seinem imposanten neuen Stadtteil Belval. Insgesamt haben sich 18 Nachbargemeinden, darunter zehn französische Ortschaften, an dem Projekt beteiligt. Dennoch sollte man seinen Besuch genau dort beginnen, wo sich eiserne Industriegiganten selbstbewusst neben (und in!) den Bauten des Informationszeitalters erheben. Das gewaltige Neubauprojekt der Cité des Sciences in Belval bekennt sich zur Moderne aus Wissen, Technologie und Kommunika-tion, will aber zugleich den Ursprung des Luxemburger Reichtums nicht vergessen.

Die Hochöfen der ehemaligen Hüttenstadt erstrahlen heute in neuem Glanz, bevor sie über Nacht vom Lichtkünstler Ingo Maurer in bizarre Industrieschlösser verzaubert werden. Tagsüber sollte man unbedingt auf den Hochofen A steigen und den weiten Blick übers Hügelland genießen. Man wird staunen, wie viel Grün da inzwischen wieder ist.

Neue Funktionalität für Fabrik-Ruinen

Der Übergang vom Industriezeitalter zur heutigen Moderne war nicht einfach, wie man in einer der Führungen übers Gelände erfahren kann. Luxemburgs Süden war noch in den 1990er Jahren das Armenhaus des Großherzogtums. Dann gelang dem Land (als Finanzmetropole) der Turn-around, und aus den Ruinen des Industriezeitalters wuchsen die junge Universität inklusive medizinischer Fakultät, eine hochmoderne Bibliothek und das Nationalarchiv (im Bau), um nur die soziokulturell bedeutenden Bauten zu nennen.

Nach dem Besuch einer der Kunstausstellungen in der Möllerei, durch die noch ein Schienenstrang mit Lore führt, und der Massenoire, wo die Geschichte des Ortes eindrucksvoll erzählt wird (Remixing Industrial Pasts), hat man sich einen Imbiss im „Café Saga“ redlich verdient. Hinter der Bar leuchtet ein Schornstein in XXL rot wie die Terre rouge, die rote Erde des Eisenerzes.

Von der Erde zum Stahl und wieder zurück

Im Bergbaumuseum der Cockerill Mine zeigt ein alter Plan, wie dicht gedrängt die Stollen unter der Erde lagen, ihr 1500 Kilometer langes Netz spann sich bis ins 90 Kilometer entfernte Nancy. Für die Kumpel, zunächst aus Luxemburg, dann auch aus Italien und Polen, die mit der Bahn in die Grube fuhren, waren Einbrüche und Unfälle an der Tagesordnung. Aber auch oberirdisch hinterließ der Eisenerzabbau tiefe Wunden in einer geschundenen Landschaft. Und das alles für die Minette, die kleine Mine oder das vergleichsweise wenige Eisen, das im Erz zu finden war. Heute gibt man die Landschaft, de Minett, wie man hier sagt, der Natur zurück und greift nur vorsichtig in deren Rekonvaleszenz ein. 

Der Ellergronn, UNESCO-Biosphären-Reservat seit 2020, schmückt sich inzwischen mit siebzig verschiedenen wild blühenden Orchideenarten auf ausgedehnten Trockenwiesen, mit
Vögeln, Fledermäusen und Amphibien sowie seltenen Farnen, die an den Hängen eingestürzter Schächte gedeihen. Erlen tauchen ihre Füße ins Wasser der kleinen Teiche. Auf dem
Minett Trail erlebt man insbesondere im Frühsommer eine Explosion in Grün.

Minette forever  

Jean Pütz arbeitete während der Semesterferien im Stahlwerk, Desirée Nosbusch wurde in Esch geboren. Früher keine herzeigbare Herkunft, heute aber präsentiert sich die Region der roten Erde mit Stolz. Beim Fahren über Land zu Bergbauattraktionen wie dem Fond-de-Gras säumen typische Bergarbeiter-dörfer die Straße, kein lungenzerfressender Staub mehr, sondern bunt gestrichene Wohnhäuser aus der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts.

Unser Guide schwärmt vom italienischen Viertel in Esch, wo es früher in gefühlt jedem zweiten Haus eine Kneipe gab. Polyglott war Luxemburg schon in industrieller Zeit, das merkt man den Luxemburgern an, die vom Luxemburgisch unbeschwert ins Französische oder Deutsche wechseln. 120 verschiedene Nationalitäten sind hier beheimatet, viele sind Töchter oder Söhne der ehemaligen Gastarbeiter, andere ziehen wegen interessanter Studien- und Arbeitsmöglichkeiten zu.