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Medizin

Symbolbild Angst
Alltagsängste sind normal und betreffen jeden Menschen. Wenn sie aber die Kontrolle über das Leben übernehmen, kommt es zu einer Angststörung.
© AdobeStock/terovesalainen

Wenn Angst das Leben bestimmt

Etwa 14% der Erwachsenen leiden unter einer Angsterkrankung, bei circa 3% kommt eine psychische Begleiterkrankung dazu. Wie es zu krankhafter Angst kommt, warum Stress dabei eine Rolle spielt und welche Formen von Angststörungen unterschieden werden. Ein Überblick von Dr. Andreas Hagemann, Eschweiler

Evolutionsgeschichtlich ist Angst äußerst sinnvoll, um sich vor einer realen oder antizipierten Gefahr zu schützen bzw. sich gar nicht erst darein zu begeben. Sie ist ein Anpassungs-mechanismus, um den Organismus auf die mögliche Bedrohung anzupassen. Dabei ist unter anderem das autonome Nervensystem mit Sympathikus und Parasympathikus von herausragender Bedeutung.

Beim plötzlichen Auftreten eines Stressors beginnt die Gefahrenabschätzung auf neuronaler Ebene. Diese hinkt jedoch der Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin sowie Cortisol hinterher. Hierüber aktiviert der Sympathikus den Organismus durch eine Erhöhung von Herzfrequenz und Blutdruck. Zudem wird die Muskulatur angespannt und die Bronchien werden zur Erhöhung der Sauerstoffaufnahme erweitert. Durch eine Erhöhung des Blutzuckers wird Energie bereitgestellt, um bei einer sich bewahrheitenden Bedrohung reagieren, d.h. fliehen oder kämpfen zu können. Der gesamte Organismus wird maximal aktiviert. Als Regulativ dient der Parasympathikus, der den Organismus passiv wieder in den „Normalzustand“ zurückführt.

Während Adrenalin und Noradrenalin kurzfristig zu einer maximalen Aktivierung führen, spielt Cortisol insbesondere bei dauerhaften Angstzuständen, wie z.B. bei einer Angsterkrankung, eine zunehmend wichtige Rolle. Cortisol ist ein Stresshormon, welches eine längerfristige Aktivierung des Organismus zur Folge hat – jedoch ohne die maximale Aktivierung z.B. des Adrenalins. Ursprünglich bei dauerhaften Stresszuständen, wie Nahrungsmittel- (Hunger) oder Revierstress evolutionär sinnvoll, aktiviert es verschiedene Anpassungsvorgänge im Organismus. Es führt zu einer Reduktion der Sexualhormone, so dass die Empfängnis- und Zeugungsfähigkeit sowie die Libido eingeschränkt werden.

Kurzfristig verhindert es Entzündungen, längerfristig führt es zu einer Schwächung des Immunsystems – wie auch aktuell zu beobachten ist. Nach fast drei Jahren der Pandemie, zunehmenden klimatischen Veränderungen, dem Ukrainekrieg und einer immer größeren Arbeitsverdichtung werden vermehrt „seltene“ Erkrankungen wie Herpes zoster etc. beobachtet.

Angst äußert sich auf verschiedenen Ebenen. Es gibt körperliche Symptome wie Tachykardie, Schwitzen und Muskelanspannung. Gedankliche Anteile mit Furcht vor einem Kontrollverlust, einen Herzanfall zu erleiden oder ähnliches. Gefühle wie Hilflosigkeit, Verzweiflung und ein entsprechendes Verhalten, wie z.B. Flucht oder in der Folge Vermeidung ähnlicher Situationen, in welchen antizipiert wird, dass diese Angst erneut auftritt. Jeder dieser Anteile ist wiederum individuell stärker oder schwächer ausgeprägt, spielt bei der Aufrechterhaltung einer Angsterkrankung jedoch eine wichtige Rolle.

Wann wird Angst zur Angststörung?

Wenn die Ängste unangemessen sind, sie zu häufig und zu lange auftreten, sie die Kontrolle übernehmen und insbesondere, wenn die Angst vor der Angst die Handlungen bestimmt – d.h. ohne eine reale Bedrohung werden Situationen gemieden, teilweise mit massiven Einschränkungen in einer selbstbestimmten Lebensführung.

Wie aber kommt es zu den Ängsten?

  • Ängste können durch negative Vorerfahrungen entstehen. Hierzu gehören unter anderem Trennungserlebnisse oder auch eine mangelnde Fürsorge durch z.B. die Eltern. Das Grundgefühl „es wird schon gut werden“ entwickelt sich unzureichend. Aber auch die Erfahrung im Aufzug stecken geblieben zu sein oder Angehörige bei einem Flugzeugabsturz verloren zu haben gehören hierzu.
  • Wenn in der Familie eine Angsterkrankung besteht, kann „Angst am Modell“ gelernt werden. Die Angst wird als ein möglicher Lösungsmechanismus für (innere und äußere) Konflikte weitergegeben.
  • Bei fehlenden Lernerfahrungen und der oft daraus resultierenden Vermeidung kann sich eine Angststörung entwickeln. Wenn eine Prüfung vermieden wird, ist initial eine große Entlastung da. Im nächsten Anlauf wird es jedoch nicht zwangsläufig besser, sondern oft die Hürde sogar größer. Insofern kann ein Vermeidungsverhalten eine Angsterkrankung mitbedingen.
  • Bei hormonellen Dysbalancen (etwa der Hypo- oder Hyperthyreose) oder körperlichen Erkrankungen kann es zu einer Angsterkrankung kommen.
  • Beim Dauergebrauch von Alkohol oder Drogen kann sich eine Angsterkrankung entwickeln bzw. sie ist teilweise der Auslöser für den Substanzgebrauch. Insbesondere Alkohol ist ein Anxiolytikum, welches im ersten Moment zu einer Befreiung der inneren Ängste führt.

Die verschiedenen Formen der Angststörung

Die Panikstörung ist schlussendlich nichts weiter als eine intensive Schreck- Angst-Reaktion. Sie geht einher mit den typischen Symptomen einer Adrenalinausschüttung wie Herzklopfen (Tachykardie), Engegefühl (Atemfrequenz erhöht, Bronchienerweiterung), Schwindel (Hyperventilation) etc. mit katastrophenartigen Gedanken und der Angst vor weiteren Attacken.

Ein Auslöser ist dabei per Definition nicht vorhanden. Um eine Erklärung für die Panik zu finden, werden oft Zusammenhänge hergestellt, welche einer Überprüfung bei näherer Betrachtung nicht standhalten. Die reine Panikattacke ist insofern sehr selten, sie geht in der Regel in eine Angsterkrankung mit panikartigen Anfällen über.

Phobien beziehen sich auf eng umschriebene Situationen oder Objekte, welche nicht gefährlich sind. Oft gehen sie einher mit dem Versuch, die auslösende Situation zu vermeiden. Sollte dies nicht möglich sein, können körperliche Symptome auftreten, welche sich bis zum Panikerleben steigern können. Dies kann soweit gehen, dass bereits die Vorstellung an die Situation oder das Objekt eine Erwartungsangst auslöst.

Agoraphobie: Hier ist das Hauptmerkmal die Angst, aus komplexen Situationen nicht fliehen zu können bzw. diesen ausgeliefert zu sein. Oft ist es jedoch möglich, diese Situationen mit einer Vertrauensperson, auf welche die eigene Sicherheit projiziert wird, zu meistern.

Soziale Phobie: Hier bestehen unangemessen starke Erwartungsängste und Panikgefühle in sozialen Situationen. Oft steht die Angst sich zu blamieren oder negativ bewertet und abgelehnt zu werden im Vordergrund. Soziale Situationen werden vermieden und münden nicht selten in einem kompletten sozialen Rückzug, mit den entsprechenden beruflichen und privaten Konflikten.

Ausstieg aus dem Teufelskreis

Wie aber kann sich die Angst selber verstärken. Dies erklärt zum Beispiel der Teufelskreis der Angst. Über einen gedanklichen oder körperlichen Einstieg kommt es zu einer Wahrnehmung, welche als Gefahr bewertet wird. Dies führt wiederum zu Angst, mit den entsprechenden körperlichen Veränderungen und Symptomen. Diese wiederum werden wahrgenommen, als Gefahr bewertet und lösen Angst mit den körperlichen Veränderungen und Symptomen aus … Ausstieg aus dem Teufelskreis ist entweder die Flucht, die Vermeidung oder, im Idealfall, die Bewältigung der Angst.

Da Angst jedoch immer auch etwas Individuelles hat und vielen verschiedenen Faktoren unterliegt, sollte die Herangehensweise in der Therapie immer angepasst werden. Den Therapien zugrunde liegen verschiedene Annahmen. Eine ist z.B., dass zwischen Gedanken und Gefühlen eine unmittelbare Rückkopplung besteht. Sobald negative Gedanken auftreten, sollte diese Rückkopplung durchbrochen werden. Auch die Annahme, dass keine gefährliche Situation der (unbegründeten) Angst zugrunde liegt, sondern lediglich die Bewertung einer Situation oder die Vorstellung, was alles entstehen könnte, kann in der Therapie eingesetzt werden, um die Angst zu reduzieren. Bei der Exposition z.B. besteht immer die Grundannahme, dass keine gefährliche Situation zugrunde liegt. Die Angstsymptome sind zwar extrem unangenehm, aber nur Ausdruck einer Übersteigerung einer „normalen“ Körperreaktion in Stresssituationen.

Kontrolle statt Angst

Ähnliche Körperreaktionen (Blutdruck und Pulssteigerung, Erhöhung der Atemfrequenz und Schweißausbrüche mit muskulärer Anspannung) erleben wir z.B. bei sportlicher Aktivität. Entscheidend ist hier jedoch die gedankliche Einordnung, welche einerseits als angenehm und andererseits als extrem unangenehm getroffen wird. Angst macht also nicht die Körpersensation als solche, sondern die Bewertung, was aus dieser Situation alles entstehen könnte. Bei der Exposition z.B. wird immer wieder darauf verwiesen in der aktuellen Situation zu bleiben und nicht „angstvoll“ zu interpretieren, was alles entstehen könnte. Dominiert die Erfahrung, dass die Angst von alleine kommt und auch von alleine geht, verliert sie zunehmend die Macht und die Kontrolle kehrt zurück.

Autor: Dr. Andreas Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor der Privatkliniken Duisburg, Eschweiler und Merbeck. Die Einrichtungen sind spezialisiert auf Angst- und Panikstörungen, chronische Schmerzen, Burnout und Depressionen.