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Medizin

Spitzkegeliger Kahlkopf (Pilz)
Der Spitzkegelige Kahlkopf gilt außerhalb der Tropen als der am häufigsten vorkommende Pilz der Gattung Psilocybe.
© Colourbox/ #278241

Psychedelika: Reif für die klinische Praxis?

Was ist dran an dem Hype um Psychedelika? Die American Psychiatric Association Work Group on Biomarkers and Novel Treatments untersuchte die Wirksamkeit der Psychedelika LSD, Ayahuasca, Psilocybin und MDMA (3,4-Methylendioxymethamphetamin) für die Behandlung psychischer Störungsbilder.

Die Zahl von Studien zur Psychedelika-assistierten Psychotherapie nahm insbesondere in den 1950er-Jahren sprunghaft zu, wenngleich der Widerstand gegen diesen Therapieansatz auch in der Medizin bis in dieses Jahrtausend anhält. Psychedelika werden in vier Klassen anhand ihrer chemischen Struktur und ihres pharmakologischen Profils eingeteilt:

  •  Klassische Psychedelika (Serotonin-2A- (5-HT2A-)Rezeptoragonisten)
  •  Empathogene oder Entaktogene (gemischte Serotonin- und Dopamin-Wiederaufnahmehemmer und -Agonisten) wie 3,4-Methylendioxymethylamphetamin (MDMA)
  •  Dissoziative Anästhetika wie N-methyl-D-Aspartat-(NMDA-)Antagonisten
  • Atypische Halluzinogene, die multiple Neurotransmittersysteme beeinflussen.


Die Literatursuche beschäftigte sich mit den drei klassischen Psychedelika LSD, Psilocybin und Ayahuasca und dem Enaktogen MDMA. Ausgewertet wurden englischsprachige Studien in Peer-Review-Zeitschriften der Jahre 2007 bis 2019 in PubMed and PsycINFO. Von 1.603 Publikationen erfüllten nur 14 die Anforderungen an die gesuchten klinischen Studien. Geprüft wurde die Wirksamkeit bei der psychedelikaassistierten Psychotherapie vor allem von affektiven und Angststörungen, Trauma- und stressassoziierten Störungen, gegen Substanzmissbrauch und -abhängigkeit sowie bei der palliativen Sterbebegleitung.1

MDMA und Psilocybin

Die beste Datenbasis fand sich für MDMA und Psilocybin. Die erste randomisierte, klinische Studie (RCT) mit MDMA wurde 1994 in den USA durchgeführt. Inzwischen gibt es eine gute Datenbasis von RCT-Studien zur Wirksamkeit bei Patienten mit PTSD und tumorassoziierten Ängsten, so die APA-Arbeitsgruppe. MDMA wird gegenwärtig in weiteren Studien zur Wirksamkeit bei sozialen Angststörungen und Autismus-Spektrum-Erkrankungen sowie Ängsten im Zusammenhang mit lebensbedrohenden Krankheiten untersucht.

Auch für Psilocybin gibt es eine wachsende Evidenz zur Wirksamkeit bei therapierefraktären affektiven Störungen und der PTSD, so die Autoren. Darüber hinaus gibt es positive Daten aus Studien bei Patienten mit Zwangsstörungen, Ängsten im Rahmen terminaler Tumorerkrankungen sowie Nikotin- und Alkoholabusus. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Beobachtung, dass bereits wenige psilocybinassoziierte Psychotherapiesitzungen eine lang anhaltende antidepressive Wirksamkeit zeigten. Letztere Eigenschaft könnte möglicherweise einen Vorteil gegenüber Standardtherapien wie der transkraniellen Magnetstimulation, einer Ketamin-Infusionstherapie oder einer Elektrokrampftherapie darstellen. Mit Psilocybin laufen derzeit Studien bei einer Reihe weiterer psychiatrischer Störungen – Kokain- und Opioid-abusus, Anorexia nervosa und Depressionen bei Patienten mit Alzheimerdemenz.

Der Forschungsstand für LSD, insbesondere bei der Veränderung der Verarbeitung negativer Stimuli bei der Depression und Angststörungen, und Ayahuasca (Depression) ist noch nicht so weit fortgeschritten wie bei MDMA und Psilocybin, wird aber als Erfolg versprechend eingeschätzt. Für eine förmliche Zulassung reicht die Datenlage jedoch noch nicht, so die APA-Arbeitsgruppe.

Was ist dran am Microdosing?

Noch keine klare Haltung findet die Arbeitsgruppe zum sog. „Microdosing“, d. h. die (regelmäßige) Einnahme kleiner Dosen vor allem von LSD. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die steigende Beliebtheit in der (psychisch gesunden) Normalbevölkerung zur Selbstoptimierung – Steigerung der Produktivität und Kreativität oder der Stimmungslage. Allerdings gibt es laut der Studienautoren abseits von Fallberichten noch keine wissenschaftliche Studie, die für LSD den Effekt als „cognitive enhancer“ belegt, monieren die Studienautoren. Entsprechende Studien sind jedoch geplant.

Offene Fragen

Gegenwärtig ist noch unklar, welche der zahlreichen Formen Psychedelika assistierter Psychotherapien besser sind als andere, so die APA-Arbeitsgruppe. Nach ihrer Ansicht ist auch unklar, welches Psychedelikum den besten Ansatz für das angestrebte Behandlungsziel bietet. Die herkömmliche Studienstatistik kann zwar die Assoziation zwischen den mystischen Erfahrungen und der Veränderung der Zielsymptomatik messen. Dies entspricht jedoch nicht einer qualitativen Analyse individueller Therapiesitzungen und dem Verständnis der kognitiven oder emotionalen Prozesse, die zu einem günstigen Outcome führen, so die Studienautoren.

Ob dies jemals auf evidenzbasierter Grundlage möglich sein wird, muss die Zukunft zeigen. Gegenwärtig gibt es zahlreiche konfundierende Faktoren beim Design der Studien, auch die Patienten selbst sind sehr heterogen. Gleichzeitig ist es fraglich, wie generalisierbar hochselektierte RCT-Studienpopulationen für die angestrebte breite Anwendung in der klinischen Praxis sein können. Auch die pharmakodynamischen und pharmakokinetischen Profile der Psychedelika, insbesondere die Dosis-Response-Beziehung in der Akut- und Langzeittherapie und ihre unerwünschten Effekte sind nach Ansicht der Studienautoren noch nicht ausreichend erforscht.  

Dr. Alexander Kretzschmar

Literatur:
1. Reiff CM et al. Psychedelics and Psychedelic--Assisted Psychotherapy. Am J Psychiatry 2020; 177: 391–410
2. Johnson MW et al. The abuse potential of medical psilocybin according to the 8 factors of the Controlled Substances Act. Neuropharmacology 2018; 142: 143–66