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Medizin

Prof. Dr. Aileen Oeberst
Prof. Dr. Aileen Oeberst von der FernUniversität in Hagen leitete die Studie.
© JCB DMMLR

Erinnerung an etwas, das nie passiert ist

Manche Menschen erinnern sich an Dinge, die nie geschehen sind. Eine Studie untersuchte nun, wie es zu diesem Phänomen kommt und ob sich eingebildete Erinnerungen wieder zurückbilden lassen.

Viele kennen solche Szenen aus dem Fernsehen: Ein Patient liegt auf einer Couch. Die Psychiaterin stellt ihm Fragen, gräbt in seinem Unterbewusstsein. Plötzlich löst sie etwas in ihm aus. Der Patient ist überwältigt von Bildern, die er lange verdrängt hatte. Mit dem tatsächlichen Erkenntnisstand der Psychologie sind solche Fiktionen schwer in Einklang zu bringen. Längst ist bekannt: Das menschliche Gedächtnis funktioniert anders. Erinnerungen werden weder von einem inneren Recorder aufgenommen und bei Bedarf im Hirn abgespult, noch sind sie als unveränderliche Aufnahmen in einer Schublade des Unterbewusstseins versteckt. Vielmehr sind sie situative Rekonstruktionen, die sich sogar aus fremden Quellen speisen können. Manche Kindheitserinnerungen setzen sich zum Beispiel allein aus anschaulichen Erzählungen der Eltern zusammen. So können sich unbemerkt auch falsche Erinnerungen ins Gedächtnis einschleichen. „Das ist höchst relevant für die psychologische Praxis“, erklärt Prof. Dr. Aileen Oeberst von der FernUniversität in Hagen. Die Leiterin des Lehrgebiets Medienpsychologie hat gemeinsam mit ihrem Team unlängst eine Studie zu dem Thema veröffentlicht.

Falsche Erinnerungen einschleusen …

„Uns ging es um die Frage, ob man falsche Erinnerungen auch wieder rückgängig machen kann“, erklärt Oeberst. „Und zwar auf eine Art, die sich in der Praxis auch tatsächlich umsetzen ließe.“ Um das zu untersuchen, mussten erst einmal falsche Erinnerungen her. Hierfür interviewte das Forschungsteam unter einem Vorwand 52 erwachsene Versuchspersonen in einem festgelegten Rhythmus und Zeitraum. Mittels Suggestion – also zum Beispiel durch wiederholtes Nachfragen – gelang es, innerhalb von zwei Wochen bei über der Hälfte der Testpersonen unechte Kindheitserinnerungen hervorzurufen. Dabei handelte es sich um negative aber nicht traumatische Erinnerungen. Manchen machte das Forschungsteam zum Beispiel glauben, sie seien als Kind im Urlaub verloren gegangen oder ein Hund hätte sie angefallen. Die Eltern der Proband:innen halfen dabei, die erfundenen Geschichten zu plausibilisieren, indem sie den Forschenden Kontextinfos lieferten. Zum Abgleich der Resultate beschrieben sie zudem Ereignisse, die ihre Kinder tatsächlich erlebt hatten.

… und Falsches wieder ausladen

Im zweiten Teil der Studie folgte dann der Versuch, die Fehler im Gedächtnis zu korrigieren. Das Ergebnis ist erstmal beruhigend: Falsche Erinnerungen sind korrigierbar. Der überwiegende Teil der Testpersonen schaffte es nach erneuten Interviews, ihre oft sehr detailreichen Einbildungen als solche zu entlarven. Team-Mitglied Merle Wachendörfer erklärt, wie: „Die erste Maßnahme war ein Quellen-Monitoring. Hier haben wir die Versuchspersonen gebeten, nochmal zu überlegen, ob sie wirklich selbst die Quelle ihrer Erinnerung sind – oder nicht vielleicht doch ein Foto oder die Erzählung von Verwandten.“ Die zweite Maßnahme sollte die Proband:innen noch weiter sensibilisieren, sagt Wachendörfer: „Wir haben erklärt, was die Forschung über falsche Erinnerungen weiß und dass wiederholtes Abrufen von Kindheitserinnerungen gelegentlich dazu führen kann, dass man sich an etwas erinnert, das gar nicht stattgefunden hat.“ Danach wurden die Versuchspersonen gebeten, ihre Erinnerungen nochmal durchzugehen und sich zu melden, sollte ihnen zufällig auch eine ihrer Erinnerungen falsch vorkommen. Die meisten meldeten sich. Im Irrglauben ließ das Team niemanden: „Wir haben am Ende natürlich alle aufgeklärt, worum es in der Studie ging“, versichert Oeberst.

Risiken für die Praxis

Die Studie bildet eine wichtige Grundlage für die weitere Forschung. Mehr Erkenntnisse zu gewinnen, aufzuklären und die Sensibilität zu erhöhen, ist aus Sicht der Psychologinnen von großer Bedeutung. Denn die suggestive Beeinflussbarkeit von Erinnerungen birgt handfeste Risiken – etwa, wenn es im juristischen Kontext zu Aussagen aufgrund falscher Erinnerungen kommt. Aber auch in klassischen Therapie-Situationen: Sind Therapierende überzeugt von einer bestimmten Theorie, könnten sie den Patient:innen versehentlich die dazu passenden Erinnerungen einpflanzen. „Über die Hälfte unserer Versuchspersonen hat in nur zwei Wochen falsche Erinnerungen entwickelt. Was macht dann eine suggestive Therapie mit einem, die über Monate und Jahre geht?“, zeigt sich Oeberst besorgt. „Leuten, die erst nach vielen Jahren in der Therapie anfangen zu glauben, ihnen sei in der Kindheit dieses und jenes passiert, muss man also sagen: es ist nicht unwahrscheinlich, dass es sich dabei um falsche Erinnerungen handelt.“

Benedikt Reuse

Quelle: FernUniversität in Hagen