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Medizin

Symbolbild Burn-out
Burn-out – vermutlich nicht nur bei Psychiatern ein weit verbreitetes Problem.

Patient in eigener Sache

Obwohl die Medizin enorme Fortschritte in dem Verständnis von Krankheiten und Interventionen zur Wiederherstellung der Gesundheit gemacht hat, haben viele Ärzte ihr persönliches Wohlergehen aus den Augen verloren. Eine aktuell im American Journal of Psychiatry publizierte Online-Umfrage unter 2.084 US-amerikanischen Psychiatern schlägt jetzt Alarm.

Krankheitsfördernde Belastungen nehmen zu und werden auch von den Ärzten wahrgenommen. Aber letztendlich „beziehen wir Krankheiten nicht auf uns. Krankheiten gehören zu unseren Patienten. Ärzte müssen lernen, wie man krank ist. Wir brauchen eine Erlaubnis, krank zu werden und zuzugeben, dass wir keine Superhelden sind.“ Diese Feststellung ist nicht neu, sondern wurde bereits 1997 von McKevitt & Morgan in ihrer Publikation „Illness doesn’t belong to us“ getroffen.1 Rund ein Vierteljahrhundert zuvor hatte der New Yorker Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger erstmals den Begriff Burn-out-Syndrom als einen Zustand erschöpfter physischer und mentaler Ressourcen durch andauernde oder wiederholte Belastungen bei Angehörigen heilender Berufe geprägt. Maslach et al. identifizierten drei Dimensionen von Burnout: emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung und subjektiv reduzierte Leistungsfähigkeit.2

Über die Abgrenzung von Burn-out und Depression wird bis heute kontrovers diskutiert. Einig ist man sich nur darin, dass es breite Überlappungen gibt und dass Burn-out eher als ein dimensionales Konstrukt anzusehen ist denn als kategoriale Diagnose.

Alarmierende Studiendaten

Für die USA ging man bis vor wenigen Jahren von einer Prävalenz eines Burnouts bei Ärzten von etwa 50% aus.3 Über das Burn-out-Risiko speziell bei Psychiatern gibt es nur wenige Daten. Valide Daten aus dem deutschen Sprachraum zur Prävalenz sind bereits mehr als zehn Jahre alt.4 Einige kleinere Studien weisen dagegen auf eine höhere Prävalenz bei Psychiatern hin. Summers et al. publizierten jetzt hochkarätig im American Journal of Psychiatry eine Onlineumfrage unter 2.084 US-amerikanischen Psychiatern, deren Ergebnisse selbst Pessimisten noch überrascht haben dürften. Die Online-Umfrage wurde zwischen Oktober 2017 und Dezember 2018, also deutlich vor den ersten Anzeichen der Corona-Pandemie, durchgeführt. Untersucht wurden die Prävalenz eines Burn-outs und einer Depression bei Psychiatern sowie die Beziehung zwischen Burn-out und Depression. Die Befragten waren in der Mehrzahl jünger als die APA-Mitglieder insgesamt (im Mittel 40,4 Jahre). Von den 2084 ausgewerteten Teilnehmern waren 58,5% weiblich, 25,7% waren ambulant tätig und jeweils rund 14% waren in akademischen Institutionen bzw. im Bereich der stationären Behandlung sowie in kommunalen Einrichtungen beschäftigt. 6,1% kamen aus staatlichen Institutionen und 25,6% war „multidisziplinär“ tätig. Als Bewertungsinstrumente wurden für den Burn-out das Oldenburg Burnout Inventar (OLBI; Cut off ≥ 35 von 64 Punkten) und für die Depression das Patient Health Question-naire-9 (PHQ-9; Cut off  ≥ 10 Punkte) benutzt.5

Die Auswertung ergab bei 78% der Befragten einen OLBI-Score ≥ 35, der für einen ausgeprägten Burn-out spricht, und 16,1% der Psychiater hatten einen PHQ-9-Score ≥ 10, der auf eine moderate bis schwere Major Depression hinweist. Das Alter korrelierte invers mit dem Burn-out-Risiko.

Signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede

In der vorliegenden Studie wurde erstmals die Beziehung zwischen Burn-out und Depression bei Psychiatern untersucht. Dabei wiesen 20,2% der Psychiater mit einem auffälligen OLBI-Score für Burn-out auch einen PHQ-9-Score für eine moderate bis schwere Major Depression auf. Sowohl beim Risiko eines Burn-out und einer Depression zeigten sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Vor allem Ärztinnen zeigen relativ früh im Beruf deutliche Entmutigungserscheinungen mit Überlastungssymptomen. Mehr als ein Drittel der geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Prävalenz einer Depression wurden durch Konflikte bei der Balance zwischen Beruf und Freizeit/Familie erklärt.

Die Suizidraten von Ärzten waren im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt erhöht, wobei vermehrt weibliche Ärzte betroffen waren. Eine Korrelation zwischen Burn-out und Depression zeigte sich in einer Regressionsanalyse nicht.

Schützt die Telepsychiatrie vor Burn-out?

Zu den Auswirkungen subjektiven und objektiven Auswirkungen der Telepsychiatrie auf das Burn-out-Risiko ist die Datenlage sehr begrenzt. Seit Beginn der  Corona-Pandemie liegen vermehrt vor allem positiv getönte kasuistische Berichte und monozentrische Erfahrungen vor.6 Die Telepsychiatrie hat jedoch aufgrund verbesserter technischer Voraussetzungen – einfacherer Internetzugang mit größeren Übertragungsbandbreiten – sowie nachgebesserter finanzieller Erstattung und höherer Akzeptanz durch die Patienten bereits vor der Corona-Pandemie erheblich an Beliebtheit gewonnen. Allerdings ist die Telepsychiatrie nicht für jeden Patienten und für jedes Setting das richtige Kommunikationsinstrument.

Neben der Vermeidung von Infektionsrisiken für Arzt und Patient sowie der Konfrontation mit gewaltigen oder agitierten Patienten ist die Telepsychiatrie in mehrfacher Hinsicht dazu geeignet, auch das Risiko eines Burn-out zu reduzieren und die Work-Life-Balance zu verbessern. Wesentliche Burn-out-Risikofaktoren sind die zunehmende Arbeitsverdichtung und Reglementierung der ärztlichen Tätigkeit. Gleichzeitig nimmt die Dauer der für den Patienten zur Verfügung stehenden Zeit zugunsten vermehrter administrativer Aufgaben ab. Vor allem die in der Hierarchie niedriger positionierten Ärzte haben meist nur wenige Möglichkeiten, ihr Arbeitsumfeld und ihre Dienstzeiten nach eigenen Vorstellungen zu beeinflussen.7

Die telepsychiatrische Sprechstunde ist prinzipiell örtlich unabhängig durchführbar. Sie erweitert damit die Flexibilität der Arbeitseinteilung. Durch die Vermeidung von Anfahrtswegen in die Praxis/Klinik wächst das Zeitbudget, das für eine individuelle Gestaltung der Sprechzeiten und Arbeitsinhalte, aber auch zugunsten einer ausgeglicheneren Work-Life-Balance mit vermehrten sozialen Kontakten, beispielsweise zu Hause mit der Familie, genutzt werden kann. Die telepsychiatrische Arbeit ist jedoch auch mit dem Risiko der sozialen und beruflichen Isolation verbunden, insbesondere bei der Vollzeit-Telepsychiatrie. Der Spielraum zur fachlichen und außerberuflichen Interaktion mit Kollegen und anderen Mitarbeitern wird eingeschränkt. Das gilt auch für das Einholen von Informationen von zu Hause am Arbeitsplatz, beispielsweise über stationär behandelte Patienten.7

Fazit für die Praxis

Zufriedenheit im Beruf ist der beste Schutz vor Burn-out. Ärzte müssen lernen, sich eigenes Kranksein zu erlauben.8 Selbstschutz sollte auch bei Ärzten nicht auf der Prioritätenliste ganz unten stehen.9 Die Telepsychiatrie kann dort, wo sie medizinisch sinnvoll ist und von den Patienten akzeptiert wird, ein geeignetes Mittel zur Verringerung von Risikofaktoren eines Burn-out sein. Zur Vermeidung sozialer und beruflicher Isolation, insbesondere bei der Vollzeit-Telepsychiatrie, sind Hybrid-Modelle (Face-to-face und Telepsychiatrie) vorzuziehen.

Dr. Alexander Kretzschmar

Literatur: 1. McKevitt C, Morgan MJR. Soc Med 1997; 90: 491–495; 2. Maslach C et al. Annu Rev Psychol 2001; 52: 397–422, 3. Shanafelt TD et al. MayoClin Proc 2015; 90: 1600–1613, 4. Amstutz MC et al. Psychiat Praxis 2001; 28: 163–167; 5. Summers RF et al. Am J Psychiatry 2020; 177: 955–964; 6. Gardner JS et al. Curr Psychiatry Rep 2020; 22: 8; 7. Vogt EL et al. Psychiatric Services 2019; 70: 422–424; 8. Shanafelt TD et al. Am J Med  2002; 114: 513–519; 9. Gundersen L. Ann Intern Med 2001; 135: 145–148.