Newsletter

Medizin

Depressiver Mann
Depression als Folge der erzwungenen Isolation
© Colourbox

Covid-19: Angst und Isolation machen krank

Patienten, die mit Covid-19 infiziert sind, haben nach aktuellen Erkenntnissen ein erhöhtes Risiko, psychotische Störungsbilder bis hin zu einer Psychose zu entwickeln. Für onkologische Patienten, die krankheitsbedingt psychisch vulnerabler sind, ist eine effektive psychoonkologische Betreuung daher umso wichtiger.

Covid-19-Infektionen sind nach Ansicht zahlreicher Wissenschaftler ein Interface zwischen psychischen Ängsten und adversen Reaktionen, soziokulturellen Aspekten (Lock-down) und individueller Vulnerabilität wie beispielsweise bei Patienten mit Tumorerkrankungen.1

Vereinsamung als Risikofaktor: Die Entwicklung von psychotischen Symptomen wie akustische und visuelle Halluzinationen oder einen Verfolgungswahn sind von anderen Virusinfektionen wie mit SARS und MERS bereits bekannt.2 Erste Erhebungen zeigen international einen deutlichen Anstieg der psychischen Belastung in der Gesamtbevölkerung.3 Betroffen sind nach Angaben australischer Wissenschaftler vor allem Personen mittleren Alters  (39–50 Jahre).4 Angstsymptome sind jedoch besonders bei älteren Patienten ausgeprägt.

Soziokulturelle Krise und psychische Vulnerabilität: Verschiedentlich beklagt wird, dass die Auswirkungen der Angst vor Infektionen mit Covid-19 oft unterschätzt wird.  Studien, welche die Beziehung zwischen Angst vor Infektion und psychischer Belastung untersucht haben, fanden zum Teil hohe Belastungssituationen. Diese waren nicht immer direkt Covid-19-assoziiert, sondern auch mit den Folgen der Pandemie wie finanzielle Schwierigkeiten.5

Während der Corona-Pandemie werden die negativen Folgen anhaltender Einsamkeit und Isolation deutlich. Der Mangel an sozialer Kommunikation wirkt umso schwerer in einer Gesellschaft, in der immer mehr, insbesondere ältere Menschen allein leben. Risikogruppen sind ältere Individuen, niedriges Einkommen und vorbestehende psychische Erkrankungen. Angesicht des hohen Bedarfs an psychoonkologischer Betreuung wird diese Entwicklung zu einem bedrohlichen Risikofaktor, der auch das Überleben von (Tumor)Patienten verkürzen kann. Betroffen sind nach verschiedenen Beobachtungen besonders Tumorpatienten unter Chemotherapien oder Immuntherapien.

Die Evolution der Telepsychiatrie

Ein funktionierendes supportives Umfeld ist für Tumorpatienten emotional und medizinisch lebenswichtig. Es ermöglicht oft erst eine effiziente, aber belastende Behandlung sowie die Betreuung nach überstandener Behandlung. Für Langzeit-Überleber ist die psychoonkologische Betreuung ein wichtiges Standbein zur Bewältigung der Krankheits- und Behandlungsfolgen, das aber – nicht nur dort – nur einen Teil der Bedürftigen erreicht. Die zwangsweise schnelle Etablierung der Telepsychiatrie ist hier schon jetzt zu einem wichtigen Instrument zur psychoonkologischen Betreuung geworden.

Virologie und Psychoonkologie: Verschiedene Publikationen legen auch aus klinischer Sicht eine enge Verwandtschaft zwischen Covid-19, SARS und MERS nahe. Ähnlich wie bei SARS- und MERS-Virusinfektionen muss man auch nach Abklingen von Covid-19-Infektionen bei 10-20% der Infizierten mit psychischen Symptomen wie Angst, Depression, Schlafstörungen, Irritabilität und Gedächtnisstörungen zurückbleiben. Darüber hinaus gibt es Fallberichte einer hypoxischen Enzephalopathie und einer Enzephalitis.2

Dr. Alexander Kretzschmar

Literatur:
1. Chandra PS et al. Psychiatry Res 2020 May 27;290:113136. doi: 10.1016/j.psychres.2020.
113136. Online ahead of print
2. Rogers JP et al. Lancet Psychiatry Published
online May 18, 2020  doi.org/10.1016/S2215-0366(20)30203-0
3. McGinty EE et al. JAMA 2020; 324(1): 93-94
4. Brown E et al. Schizophr Res 2020 doi: 10.1016
/j.schres.2020.05.005. Online ahead of print.
5. Maaravi Y et al. Public Health 2020 Jun 22;185:243-245