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Onkologie

Prof. Jutta Hübner
Prof. Dr. Jutta Hübner, Stiftungsprofessur -Integrative Onkologie der Deutschen -Krebshilfe, Klinik für -Innere Medizin II, Universitätsklinikum Jena
© UKJ/Schroll

S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Onkologie: „Meine Intention ist es, die Patienten ehrlich zu informieren“

Seit Juli dieses Jahres beschäftigt sich erstmals eine S3-Leitlinie mit dem Thema Komplementärmedizin in der Onkologie. Warum diese Leitlinie notwendig ist, wozu sie rät, wovor sie warnt und warum sie zu vielen Dingen keine Empfehlung geben kann – Interview mit Professorin Jutta Hübner, Jena, die maßgeblich an der Erstellung beteiligt war

Die S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patient:innen“ ist die erste ihrer Art. Frau Prof. Hübner, warum halten Sie sie für notwendig?

Hübner: Der Leitlinie ging ein zehn Jahre langer Kampf voraus. Aber sie ist notwendig. Wir wissen aus mehreren Untersuchungen, dass relativ konstant ungefähr die Hälfte der onkologischen Patienten in Deutschland irgendwann während oder nach ihrer Therapie etwas aus dem komplementärmedizinischen Bereich versucht. In einigen Patientengruppen wie beispielsweise Frauen mit Mammakarzinom liegt der Anteil bei über 90 Prozent. Es ist – überspitzt ausgedrückt – die häufigste Therapieform in der Onkologie.
Auf der anderen Seite handelt es sich um ein unheimlich schwieriges Thema. Zum einen wissen Ärzte häufig nur wenig darüber, zum anderen fehlt es uns auch wissenschaftlich betrachtet an Wissen. Das war auch immer wieder die Gratwanderung in der Leitlinie: Welche Empfehlung können wir geben, wenn wir im jeweiligen Fall keine ausreichenden Daten haben?

Es gibt sehr viele „kann“- und nur wenige „soll“-Empfehlungen. Wollen Sie mit der Leitlinie zu hohe Erwartungen bremsen?

Natürlich gab es Diskussionen, wie wir vorgehen, wenn wir keine Aussagen zur Empfehlung machen können. Meine Intention ist es, die Patienten ehrlich zu informieren und ihnen aber auch zu zeigen, dass die wissenschaftlich fundierten Bereiche, die wir haben – vor allem Ernährung und Bewegung – wunderbar dazu geeignet sind, als Patient selbst aktiv zu werden. Es geht nicht um die x-te neue Infusion, ein weiteres technisches Verfahren oder um die allheilende Zauberblume, sondern es geht um Empowerment: Was kann ich wirklich selbst tun?

Sie sprechen Ernährung und Bewegung an. Sport ist etabliert als begleitende Therapie. Bei der Ernährung ist die Datenlage dünner.

Den Bereich Sport hatten wir ursprünglich in der Leitlinie integriert. Da die Evidenz hier mittlerweile so umfangreich ist, wird derzeit hierzu eine eigene Leitlinie verfasst. Am Thema Ernährung arbeiten wir gerade hochintensiv. Die Evidenzlage ist schwieriger als beim Sport. Wir haben vor einigen Jahren eine Stellungnahme dazu herausgebracht, die wir jetzt aktualisieren werden. Denn viele unserer onkologischen Patienten sterben an Mangelernährung und nicht an ihrem Krebs. Da müssen wir etwas machen!

Woher beziehen Patienten bevorzugt ihre Informationen?

Auch hier habe wir eigene Daten sowie den internationalen Überblick: Lange Zeit standen Freundeskreis und Familie ganz oben. Dann erst kam der Arzt als bevorzugte Informationsquelle. Mit der Leitlinie wollen wir erreichen, dass die Kollegen auch jenseits der Schulmedizin gute Antworten geben können. Mittlerweile hat natürlich auch das Internet große Bedeutung gewonnen.

Eine nicht immer seriöse Quelle … 

Das sehe ich genauso wie Sie: Da tummelt sich die Scharlatanerie. Oft sind die Angebote mit Heilsversprechen verbunden: Es werden „sanfte Mittel“ „ohne Nebenwirkungen“ beworben, die gegen alles helfen sollen, nicht nur gegen Krebs, sondern auch gegen Aids, Rheuma usw. – neuerdings auch gegen Corona. Empfohlen werden sie oft von einem selbsternannten Guru, der als einziger über alles Bescheid weiß. Eine Rücksprache mit dem Arzt sei deshalb nicht nötig.

Wovor können Ärzte ihre Patienten explizit warnen?

Ich warne schon seit Jahren vor Nahrungsergänzungsmitteln mit Aprikosenkernen oder Vitamin B17. Auch ketogene Ernährung halte ich für sehr kritisch. Es gibt dazu keine positiven Studienergebnisse. Auch in den wenigen kleinen Untersuchungen – die man nicht als Studien bezeichnen kann – haben die Patienten selbst unter strengster Ernährungsberatung einen Gewichtsverlust im Bereich der Mangelernährung, was in dieser Situation fatal ist.

Wie aufgeschlossen sind Ihrer Erfahrung nach die Ärzte gegenüber komplementär-medizinischen Verfahren?

Vereinfacht gesagt galt vor 50 Jahren die Komplementärmedizin bei Schulmedizinern noch als Teufelszeug. Heute finden es die meisten Ärzte gut, sind aber nicht immer ausreichend informiert. Ich hoffe, dass wir dieses Wissensdefizit durch die Leitlinie, die wirklich seriös gemacht ist, ausgleichen können. Wenn man sich auf ein Gespräch einlässt, dann kostet das ja mehr als zwei Minuten Redezeit. Das ist die eigentliche Krux. Deshalb haben wir in der Leitlinie einen kleinen Abschnitt zur Patientenkommunikation mit einem Fragebogen. Danach kann sich der Arzt richten und entscheiden, ob er die Beratung selbst übernehmen will oder ob er den Patienten an einen Kollegen in der Nähe oder eine Klinik verweist, in der zumindest ein Arzt in die Thematik eingearbeitet ist. Wir bieten in unserer Arbeitsgruppe entsprechende Seminare an. Das sind Möglichkeiten, wie man das Problem lösen kann. Dann würden wir zumindest die Sicherheit unserer Patienten wieder herstellen.

Zum Beispiel bezüglich Arzneimittelinter-aktionen, die zum Problem werden können.

Genau. Es gibt eine sehr schöne, ganz einfach gemachte, nicht-interventionelle Studie der Heidelberger Kollegen mit Brustkrebs-Patientinnen: Alle Teilnehmerinnen wurden gefragt, ob sie zusätzlich zu Chemotherapie und/oder Strahlentherapie auch Nahrungsergänzungsmittel eingenommen haben. Bei der Analyse haben die Kollegen festgestellt, dass die Rezidivrate bei denjenigen, die zu Antioxidantien gegriffen hatten, fast doppelt so hoch war und die Sterblichkeit um 40 Prozent höher lag als in der Vergleichsgruppe. Das sind knallharte Daten.

Wirklich gefährlich kann es werden, wenn Patienten ihre onkologische Therapie durch komplementäre Maßnahmen ersetzen. Gibt es hierzu Zahlen?

Wir haben derzeit einen Forschungsantrag laufen, um diese Frage zu klären. Denn gerade in der Onkologie kann das fatale Folgen haben. Ich habe immer wieder Patienten, die es eine Zeit lang ausschließlich mit alternativen Methoden versuchen – mit dem Hintergedanken: Wenn das nicht klappt, kann ich ja immer noch eine Chemotherapie machen. Diese Patienten haben nicht verstanden, dass eine Krebserkrankung ab irgendeinem Punkt auch mal wegkollabiert. Ich hatte vor kurzem eine junge Frau mit Gebärmutterhalskrebs, deren Tumor noch als Dysplasie erkannt worden war. Daraus entwickelte sich ein beginnendes In-situ-Karzinom. Diese Patientin haben wir verloren – erst an die Homöopathie, weil sie damit schon als Kind gute Erfahrungen gemacht hatte, und anschließend an alle möglichen Angebote aus der Alternativszene. Als sie wieder zu uns zurückkam, war sie bereits metastasiert. Eine junge Frau mit Kinderwunsch – das ist tragisch und deshalb kämpfe ich an dieser Front.

Ihr Anliegen ist es, kurz gesagt, die Komplementärmedizin ins richtige Licht zu rücken und vor den Gefahren zu warnen?

Und ihre Stärken zu nutzen. Gerade in der Onkologie sind die Patienten der jeweiligen Therapie oft völlig ausgeliefert. Und die Corona-Pandemie hat es noch schlimmer gemacht: Die Patienten durchlaufen eine Maschinerie, die oft nichts Humanes mehr hat. Hier haben wir die Möglichkeit, ihnen etwas an die Hand zu geben, wie sie die Zeit zuhause selbst gestalten können. Das hat viel mit Ernährung und Bewegung zu tun, aber auch mit psychologischen Ansätzen. Die Tumorerkrankung verunsichert die Patienten. Sie glauben, die Kontrolle verloren zu haben und nicht mehr mit ihren körpereigenen Signalen arbeiten zu können. Das wollen wir ganz vorsichtig und langsam wieder fördern, indem sie Sport treiben, sich bewusster ernähren und zu Mitteln greifen, die zumindest nicht schaden.

Interview: Cornelia Weber

Die S3-Leitlinie “Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen“ finden Sie online unter www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin/
Weitere Infos:
https://prio-dkg.de/
https://www.stiftung-perspektiven.de/