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Onkologie

Symbolbild Impfung
Die STIKO rät, fehlende Impfungen bei Tumorpatienten möglichst vor Beginn einer Therapie zu ergänzen.
© AdobeStock/BillionPhotos.com

Tumorpatienten impfen!

Tumorpatienten, die Immunsuppressiva oder Chemotherapeutika erhalten, sind in erhöhtem Maß infektionsgefährdet und sollten deshalb möglichst vollständig geimpft sein. Aktuell liegen deren Impfquoten jedoch unter denen der Allgemeinbevölkerung. Zur Relevanz der Impfungen und der Situation während der Pandemie äußerten sich Experten im Rahmen der DGHO-Tagung.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) rät, fehlende Impfungen bei Tumorpatienten möglichst vor Beginn einer Therapie zu ergänzen. Im Erwachsenenalter bezieht sich  dies vor allem auf den Schutz gegen Diphtherie/Pertussis/Tetanus, Pneumokokken, Herpes zoster und Influenza. Die Relevanz einer Impfung etwa gegen Herpes zoster machte Prof. Christina T. Rieger, Hämatologie Onkologie Germering, deutlich.

Liegt die Inzidenz einer Infektion mit Herpes zoster normalerweise im Schnitt bei etwa 6 pro 1.000 Personenjahren, so erkranken nach autologer Stammzelltransplantation 43 Menschen. Bei Patienten mit hämatologischen Neoplasien sind es  31, bei soliden Tumoren 14,9. 

Kontaktbeschränkungen und das Tragen von Masken senken diese Rate nicht, da das Varizella-Zoster-Virus (VZV) nicht von außen übertragen, sondern nach durchgemachter Windpocken-Infektion endogen reaktiviert wird. Gegen die Erkrankung hilft nur die Impfung mit dem inaktivierten rekombinanten Zoster-Vakzin. Der Impfstoff hat sich in mehreren Studien an erwachsenen Patienten mit eingeschränkter Immunfunktion durchwegs als protektiv gegen das Auftreten von Herpes zoster erwiesen.

Beispielhaft führte Rieger die Zoster-002-Studie mit Patienten nach autologer Stammzelltransplantation an. Patienten, die zwei Dosen RZV erhalten hatten, erkrankten im Verlauf  von 21 Monaten signifikant seltener an Herpes zoster als die Patienten der Placebo-Gruppe. Der Schutzeffekt wird mit 68,2% beziffert. Seit August 2020 ist die Zoster-Vakzine für Erwachsene ≥18 Jahren mit erhöhtem Erkrankungsrisiko zugelassen. Der Zoster-Impfstoff kann mit allen anderen relevanten Vakzinen wie dem tetravalenten Influenzaimpfstoff, dem 23-valenten Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff (PPSV23) oder der Tetanus/Diphtherie/Pertussis-Vakzine (Tdap) gleichzeitig gegeben werden, ohne dass Einschränkungen der Immunantwort zu erwarten sind.

Awareness auch für Pertussis stärken

Auch gegen respiratorische Krankheitserreger wie Pneumokokken, Influenzaviren und Keuchhusten-Bakterien sollten stark gefährdete Patienten einen wirksamen Impfschutz aufbauen. Pertussis wird im Erwachsenenalter häufig übersehen und wegen atypischer Symptome gar nicht oder verspätet diagnostiziert. Ältere Erwachsene, die an Keuchhusten erkranken, haben ein 4–6fach erhöhtes Hospitalisierungsrisiko relativ zu den jüngeren. Deshalb ist gerade für Risikopatienten wie etwa den Tumorpatienten mehr Awareness für den Keuchhusten gefordert, erklärte Rieger.

Nicht zuletzt sollte sich jeder onkologische Patient jährlich gegen Influenza impfen lassen. Man hat festgestellt, dass eine zweite Impfdosis bei diesen Patienten die Immunantwort verbessern kann. Diese zweite Dosis kann bei Patienten unter antineoplastischer Therapie vier Wochen nach der ersten gegeben werden.

Gegen Pneumokokken sollten onkologische Patienten eine sequenzielle Impfung erhalten, um eine robuste Immunantwort zu induzieren. Als erstes wird eine Dosis des 13-valente Pneumokokken-Konjugatimpfstoffs (PCV13) und 6-12 Wochen später eine Dosis des PPSV23 verabreicht. Dann sollten Auffrischimpfungen mit PPSV23 alle 6 Jahre erfolgen.

Pandemiebedingte Impfdefizite beseitigen

Laut Prof. Tino Schwarz, Würzburg, hat die COVID-19-Pandemie weltweit ihre negativen Spuren im Routine-Impfgeschehen hinterlassen. Nach WHO-Angaben haben beispielsweise 15 Länder zwischen Januar 2020 und April 2021 ihre Masern-Impfkampagnen ausgesetzt. Teils massive Masernausbrüche waren die Folge.

In Deutschland bewegten sich die Impfquoten bereits vor der Pandemie auf niedrigem Niveau: Gegen Influenza haben sich laut dem Robert-Koch-Institut knapp 40% der über 60-Jährigen impfen lassen, einen aktuellen Impfschutz gegen Diphtherie, Pertussis und Tetanus hatten maximal 50%. Diese Raten sind während der Pandemie noch weiter gesunken.

Die Pneumokokken- und Influenza-Impfung von Senioren und Patienten mit chronischen Grundleiden wurde zwar gut nachgefragt und umgesetzt. Aber andere von der STIKO empfohlene Impfungen wie die Tdap-Auffrischimpfung oder die Herpes-zoster-Impfung wurden stiefmütterlich behandelt. Werden diese Impfungen nicht bald nachgeholt, ist mit mehr Epidemien vermeidbarer Erkrankungen zu rechnen, warnte Schwarz.

Martin Bischoff

Quelle: Symposium von GSK „Update Impfen – relevante Aspekte für die Onkologie“ anlässlich des DGHO-Kongresses am 03.10.2021