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Onkologie

PD Dr. Kerstin Hermelink
PD Dr. Kerstin Hermelink, Leitende Psychologin, Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und
Geburtshilfe, LMU Klinikum München
© privat

„Das Leben soll trotz Krebs möglichst gut weiter gehen"

Verlust der Weiblichkeit, Schuldgefühle, Angst vor Schmerzen und Tod – gerade Frauen mit Brustkrebs haben einen hohen Bedarf an psychoonkologischer Betreuung. Wie professionelle Hilfe für diese Patientinnen möglich ist, sagt PD Dr. Kerstin Hermelink von der LMU München im Interview.

Frau Dr. Hermelink, Untersuchungen zufolge benötigen etwa ein Drittel der Krebspatienten psychoonkologische Unterstützung. Wie hoch beurteilen Sie den Betreuungsbedarf speziell bei Frauen mit Brustkrebs?

Hermelink: Ich schätze, dass der Anteil bei Mammakarzinom-Patientinnen eher etwas höher ist.  Heutzutage werden die allermeist-en dieser Patientinnen auf Dauer geheilt – trotzdem ist die psychische Belastung bei Brustkrebs relativ zu anderen Krebserkrankungen eher hoch, und entsprechend groß ist der Bedarf an psychoonkologischer Unterstützung. Allerdings möchten nicht alle hoch belasteten Patientinnen die Unterstützung einer Psychoonkologin in Anspruch nehmen – und umgekehrt gibt es weniger belastete Patientinnen, die sich psychoonkologische Unterstützung wünschen, was dann präventiv sicher auch sinnvoll ist.

Welche psychischen Probleme stehen im Vordergrund?

Das größte Problem ist Angst. Eine Krebsdiagnose kann das Gefühl von Sicherheit und das Vertrauen in die eigene Zukunft zerstören. Plötzlich ist es nicht mehr selbstverständlich, weiterleben zu dürfen – als Alternative zu allen Lebensentwürfen und persönlichen Plänen erscheint plötzlich unübersehbar der Tod. Und fast noch schlimmer: Das weitere Leben könnte bestimmt sein durch Therapien und schließlich durch Siechtum und Schmerzen. Solche Befürchtungen lösen überwältigenden Schrecken aus. Aber selbst Patientinnen, die davon ausgehen, geheilt zu werden, fürchten oft, nach der Therapie nicht mehr dieselbe zu sein, sondern auf Dauer geschwächt und beschädigt zu werden und Gestaltungsmöglichkeiten für ihr Leben zu verlieren.
Dazu kommen Angst und Trauer durch viele andere Verluste, die Frauen mit einem Mammakarzinom hinnehmen müssen – viele davon im Bereich der Weiblichkeit: Junge Frauen können therapiebedingt vorzeitig in die Menopause kommen und ihre Fertilität verlieren. Die Brust mit ihrer großen Bedeutung für Attraktivität und Sexualität und natürlich mit ihrer Fähigkeit zu stillen ist bedroht, und die meisten Patientinnen verlieren vorübergehend durch die Chemotherapie ihre Haare.

Gerade die Alopezie dürfte für viele  Frauen sehr belastend sein …

Haare sind weit mehr als ein Schmuck. Nicht zufällig wurde in vielen Kulturen das Scheren der Haare zur Demütigung und als Strafe eingesetzt. Haare stehen symbolisch für Eigenschaften der Person, und sie senden starke soziale Signale. Wenn Haare bei Frauen komplett fehlen, hat das enorme Auswirkungen auf das gesamte Sozialleben: Die Frau ohne Haare ist sichtbar krank und hat scheinbar ihre Kraft und Schönheit eingebüßt. Es ist schwer für Betroffene und für ihre Umgebung, sich gegen solche Vorstellungen zu wehren.

Dann leiden viele Patientinnen darunter, dass sie sich selbst die Schuld an der Erkrankung geben. Psychosomatische Krankheitstheorien sind immer noch weit verbreitet. Vor allem hören viele Mammakarzinom-Patientinnen von allen Seiten, dass die Erkrankung durch Stress und Belastungen verursacht worden wäre.

Wobei zahlreiche Studien gegen das Schuldkonzept sprechen.

Trotzdem hält sich diese Annahme hartnäckig, wohl weil Menschen das Bedürfnis nach verständlichen kausalen Erklärungen haben. Die biologischen Vorgänge bei der Entstehung von Krebs sind ohne Fachwissen aber kaum verständlich. Stress und Belastungen finden sich in jedem Leben – sie werden dann oft als Erklärung einer Krebserkrankung herangezogen. Betroffene machen sich – zu Unrecht – Vorwürfe, dass sie sich nicht besser geschützt haben, und überlegen verzweifelt, wie sie ihr Leben ändern müssen, auch wenn sie damit eigentlich sehr zufrieden sind. In den letzten Jahren sind Lebensstilfaktoren in der Verursachung von Krebserkrankungen in den Fokus geraten. Das hat zu dem großen Missverständnis geführt, dass ein Mammakarzinom – und natürlich andere Krebserkrankungen auch – verhindert werden kann, wenn man nur alles richtig macht. Auch das bürdet den Betroffenen wieder die Schuld an der Erkrankung auf, und das, obwohl ganz offensichtlich auch sportlich aktive, schlanke Frauen erkranken, die sich gut ernähren und weder rauchen noch trinken. Unter ein bestimmtes Niveau lässt sich das Risiko an Krebs zu erkranken nun einmal nicht drücken, alles andere ist Wunschdenken von (zumindest noch) Gesunden und belastet die Erkrankten zusätzlich.

Zu welchem Zeitpunkt startet die psychoonkologische Betreuung optimalerweise?

Wir stehen sehr flexibel zur Verfügung, wann immer eine Patientin unsere Unterstützung in Anspruch nehmen möchte – oft schon während der Diagnostik. Diese Zeit ist wegen der Unsicherheit ganz besonders belastend. Es wird fast immer leichter, wenn die Patientin weiß, woran sie ist und wie der Behandlungsplan aussieht. Patientinnen, die entweder stationär oder in der Tagesklinik bei uns sind, werden auf Belastung gescreent.

Wie gehen Sie konkret vor?

Bei erhöhter Belastung und/oder dem Wunsch nach psychoonkologischer Beratung gehen wir aktiv auf die Patientin zu und bieten unsere Unterstützung an. Nach dem Ende der Behandlung ist nicht automatisch auch die Krankheitsbewältigung abgeschlossen, und deswegen können sich die Patientinnen weiterhin an uns wenden. Sollte engmaschige Unterstützung im Rahmen einer Psychotherapie indiziert sein, vermitteln wir die Patientin an eine niedergelassene Kollegin weiter.

Ganz besonders belastend ist die Diagnose einer Metastasierung. Die Patientinnen haben dann meistens schon eine Primärtherapie auf sich genommen und müssen nun trotzdem die Hoffnung auf vollständige Heilung aufgeben – alle Anstrengung erscheint vergebens gewesen zu sein, und das ist oft niederschmetternd. Metastasierte Patientinnen begleiten wir oft über viele Jahre.

Wie sehen die Angebote aus?

Wir bieten vor allem Einzelgespräche an. Das hat den Vorteil, dass wir keinem festgelegten Programm folgen müssen, sondern flexibel auf die individuellen Probleme und Bedürfnisse der Patientinnen eingehen können. Zunächst einmal hören wir jeder Patientin geduldig zu und versuchen, ihre persönliche Situation möglichst gut zu verstehen. Gar nicht so wenigen Menschen hört nie irgendjemand ernsthaft zu – für Patientinnen ist es oft schon eine Erleichterung, dass sie von uns in dieser Situation gehört und gesehen werden. Aber dabei bleiben wir natürlich nicht stehen, sondern wir suchen mit der Patientin nach dem für sie besten Weg, mit der Erkrankung zurechtzukommen. Das Leben soll auch mit Krebs möglichst gut weitergehen – das ist das Ziel.


Sie haben den Aspekt Angst angesprochen. Kann man den Frauen die Angst nehmen?

Oft geht es erst mal darum, medizinische Informationen zu klären, die für Patientinnen häufig verwirrend und rätselhaft sind. Wir gehen in Ruhe auf alle Fragen der Patientin ein und geben verständliche Erklärungen. Es hilft gegen Gefühle von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein, wenn Patientinnen sich in ihrer medizinischen Situation orientieren können und es keine „dunklen Ecken“ gibt, in denen etwas nicht Verstandenes lauert. Alles, was im Dunkeln bleibt, ist besonders bedrohlich – deswegen sprechen wir auch, soweit die Patientin es möchte, über das, was ihr besonders große Angst macht. Wir überlegen mit der Patientin, was es an weiteren Belastungsfaktoren in ihrem Leben gibt und wie man diese vielleicht entschärfen könnte. Auch bestimmte Verhaltens- und Denkmuster tun der Patientin vielleicht nicht gut und sollten möglichst modifiziert werden. Das Wichtigste aber: Wir schauen, welche Ressourcen eine Patientin hat, was sie stärkt, was ihr wirklich Freude macht. Ressourcen sollten gut genutzt werden, um ein Gegengewicht zur Erkrankung zu schaffen und der Patientin Kraft zu geben.

Werden die Angebote von allen Frauen angenommen?

Es gibt unterschiedliche Gründe, keine psychoonkologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ein Teil der Patientinnen fühlt sich nicht so stark belastet; anderen reicht die Unterstützung durch Angehörige und Freunde. Manche Patientinnen nehmen aber auch an, dass wir ihnen Unterstützung anbieten, weil wir sie für psychisch krank halten. Und das wird häufig als kränkend und bedrohlich empfunden: Wenn das Gefühl körperlicher Integrität durch die Krebserkrankung schon so stark beschädigt ist, soll nicht auch noch die psychische Integrität in Frage gestellt werden. Wir versuchen deshalb, unser Angebot so niederschwellig wie möglich zu gestalten, und achten in jedem Erstkontakt darauf, klarzustellen, dass es nicht um die Behandlung einer psychischen Störung geht, sondern um Unterstützung in einer Situation, die für jeden noch so psychisch stabilen Menschen schwierig ist.

Sie haben ein Buch für Kinder krebskranker Eltern geschrieben. Was bedeutet die Diagnose für die Kinder?

Die Krebserkrankung eines Elternteils ist für Kinder immer eine Belastung; das können die Eltern den Kindern nicht vollständig abnehmen. Viele Mütter glauben, dass sie die Kinder schonen, wenn sie ihnen die Erkrankung ganz oder teilweise verheimlichen, ihnen nicht die Wahrheit sagen. Genau das Gegenteil ist richtig: Uninformierte Kinder sind stärker belastet als Kinder, die mit ihren Eltern offen über die Situation sprechen können. Kinder merken, wenn etwas in der Familie nicht stimmt. Wenn sie dann keine Informationen bekommen, entwickeln sie manchmal schreckliche Fantasien oder auch Schuldgefühle oder zweifeln an ihrer eigenen Wahrnehmung – und mit all dem bleiben sie dann allein. Andererseits heißt Offenheit aber nicht, dass die Eltern die Kinder vollständig in das Krankheitsgeschehen einbeziehen und als Stütze und Trost missbrauchen sollten – damit sind Kinder überfordert. Die Erkrankung kann in einer Familie auch zu präsent sein. Die Kinder sollten Lebensbereiche haben, in denen die Krebserkrankung keine Rolle spielt.

Interview: Cornelia Weber