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Medizin

Laptop mit Skyline von Chicago
Die ASCO-Jahrestagung 2020 fand vom 29. bis 31. Mai erstmals als „virtual ­meeting“ statt.

ASCO 2020: Laptop statt Chicago

Zum ersten Mal seit 2009 fand die Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) nicht in Chicago statt. Stattdessen wurde der Kongress wegen der COVID-19-Pandemie virtuell abgehalten. Dennoch wurden über 2200 Abstracts präsentiert. Eine Auswahl

CAR-T-Zelltherapie beim Multiplen Myelom

Die gegen BCMA (B-Cell Maturation Antigen) gerichtete CAR-T-Zelltherapie mit Idecabtagene Vicleucel (Ide-cel) hat bei Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem Multiplem Myelom (rrMM) eine hohe Aktivität mit anhaltenden und tiefen Remissionen gezeigt. Dafür spricht die Phase-II-Studie KarMMa an 128 rrMM-Patienten, die im Schnitt sechs Vortherapien einschließlich IMid, Proteasom-Inhibitor und Anti-CD38-Antikörper erhalten hatten. 84% von ihnen waren triple-refraktär. Gut drei Viertel der Patienten gehörten aufgrund ihrer Zytogenetik der Hochrisikogruppe an; 51% hatten eine hohe Tumorlast, 39% eine extramedulläre Erkrankung. Bei 85% der Teilnehmer wurde auf den Tumorzellen eine mehr als 50%ige Expression von BCMA, das bei der Pathogenese von MM, Leukämien und Lymphomen bedeutsam ist, nachgewiesen. Die Herstellung von Ide-cel verlief zu 99% erfolgreich; das Konstrukt wurde in drei Dosierungen von 150x10⁶ (n=4), 300x10⁶ (n=70) und 450x10⁶ (n=54) verabreicht.

Mit einer Ansprechrate von 73% im Gesamtkollektiv, davon 33% Komplettremissionen (CR) und stringente CR (sCR), besaß die CAR-T-Zelltherapie eine hohe Wirksamkeit. Auf die Therapie in der höchsten Dosierung sprachen sogar 82% an; die CR/sCR-Rate betrug 39%. Im Gesamtkollektiv waren 26%, bei höchster Dosierung 28% in CR/sCR und ohne minimale Resterkrankung. Das Ansprechen erfolgte rasch nach median einem Monat; die Remissionen hielten im Median 10,7 Monate lang an. Die Ansprechdauer verlängerte sich mit zunehmender Remissionstiefe und erstreckte sich bei Patienten in CR oder sCR über 19 Monate. Das progressionsfreie Überleben (PFS) liegt im Gesamtkollektiv bei median 8,8 Monaten, in der Subgruppe mit höchster Ide-cel-Dosis bei zwölf und bei Patienten in CR und sCR bei 20 Monaten. Die Daten zum OS sind noch nicht reif; der Median beträgt derzeit 19,4 Monate. Die CAR-T-Zell-Expansion hatte nach median elf Tagen ihr Maximum erreicht; die Zellen persistierten dauerhaft bis zu einem Jahr.

Das T-Zell-Konstrukt erwies sich über den gesamten Dosisbereich als verträglich. Bei höchster Dosierung erlebten maximal 6% der Patienten ein Zytokin-Release-Syndrom oder eine Neurotoxizität vom Grad 3 und höher. Damit sprechen die Daten von KarMMa für ein günstiges Nutzen-Risiko-Profl von Ide-cel im geprüften Dosisbereich, resümierte Prof. Nikhil Munshi, Nashville.

Neue Therapieoption beim TNBC

Mit Pembrolizumab hat sich ein weiterer Checkpoint-Inhibitor (CPI) beim prognostisch ungünstigen triple-negativen Brustkrebs (TNBC) in einer Phase-III-Studie als effektiv erwiesen. Der CPI hat bereits im neoadjuvanten Setting in Kombination mit einer Chemotherapie eine hohe Wirksamkeit gezeigt und wurde jetzt in der Studie KEYNOTE-355 auch bei nicht vorbehandelten Frauen mit inoperablem lokal rezidiviertem oder metastasiertem TNBC geprüft. Die Studie schloss 847 Patientinnen ein, die im Verhältnis 2:1 zu Pembrolizumab plus Chemotherapie oder zur alleinigen Chemotherapie randomisiert wurden, berichtete Prof. Javier Cortes, Barcelona und Madrid.

Primärer Endpunkt  war das PFS bei Frauen mit PD-L1-positiven Tumoren und im Gesamtkollektiv. Bei PD-L1-positiven Patientinnen mit einem CPS (Combined Positive Score) ≥10 verlängerte die Addition von Pembrolizumab zur Zytostase das PFS um mehr als vier Monate – von 5,6 Monaten im Kontrollarm auf 9,7 Monate (HR 0,65; p=0,0012). Die 1-Jahres-Rate des PFS stieg von 61,8% auf 76,7%. In der Subgruppe von Frauen mit einem CPS ≥1 wurde eine PFS-Verlängerung um zwei Monate erreicht (5,6 vs. 7,6 Monate; HR 0,74; p=0,0014). Praktisch identisch fiel das Ergebnis auch im Gesamtkollektiv aus (5,6 vs. 7,5 Monate; HR 0,82). Bei Frauen mit einem CPS <1 waren beide Therapien ähnlich effektiv. Auch in puncto Sicherheit schnitten beide Arme vergleichbar ab; lediglich immunbedingte Nebenwirkungen waren bei Pembrolizumab-Gabe erwartungsgemäß häufiger.  Die Ergebnisse von KEYNOTE-355 weisen laut Cortes auf eine Rolle des CPI zusätzlich zur Chemotherapie in der Erstlinientherapie des TNBC hin.

COVID-19 trifft Krebspatienten besonders schwer

Am 15. März 2020 wurde The Covid-19 & Cancer Consortium (CCC19) gegründet, um die klinischen Charakteristika und den Verlauf dieser Infektion bei Tumrpatienten genauer zu untersuchen. Primärer Outcome-Parameter ist die Mortalität nach 30 Tagen. Prof. Jeremy Warner, Nashville, stellte eine erste Auswertung des Registers mit Daten von 928 Patienten aus Lehrkrankenhäusern und Praxen vor, die zwischen Mitte März und Mitte April dokumentiert und bis Anfang Mai nachbeobachtet worden waren. Insgesamt beteiligen sich derzeit 106 US-Zentren an CCC19.

Die registrierten Patienten waren median 66 Jahre alt, Männer und Frauen gleich häufig vertreten. 82% der Patienten litten an soliden Tumoren, wobei Mamma-, Prostata- und gastrointestinale Karzinome mit 21% bzw. 16% bzw. 12% am häufigsten waren. Bei 22% lagen hämatologische Neoplasien vor; in dieser Gruppe hatten Lymphome mit 11% den größten Anteil. Etwa jeder zweite Patient (48%) war in Remission, 34% hatten eine stabile oder auf die Therapie ansprechende, 12% eine progrediente Erkrankung. Nach einem noch relativ kurzen Follow-up von median 21 Tagen waren 13% der Patienten verstorben. 12% wurden mechanisch beatmet, 14% intensivmedizinisch versorgt. Jeder zweite Patient musste ins Krankenhaus eingewiesen werden; 44% benötigten Sauerstoff. Risikofaktoren für eine erhöhte Mortalität waren männliches Geschlecht, Alter über 75 Jahre, progredienter Tumor und ein ECOG Performance-Status von mindestens 2. Auch bei Rauchern und insbesondere bei Patienten, die Hydroxychloroquin und Azithromycin erhalten hatten, war die Sterblichkeit erhöht. Damit können bei Krebspatienten, die an COVID-19 erkrankt sind, höhere Mortalitäts- und Komplikationsraten als in der Allgemeinbevölkerung festgestellt werden, resümierte Warner.

Zielgerichtete adjuvante Therapie beim NSCLC

Mit dem Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI) Osimertinib hat sich erstmals in einer Phase-III-Studie eine zielgerichtete Therapie in der Adjuvanz beim frühen NSCLC mit einer dramatischen Reduktion des Rezidivrisikos als erfolgreich erwiesen. Der Drittgenerations-TKI ist bereits für die Erstlinientherapie des metastasierten NSCLC zugelassen. Er wurde jetzt in der ADAURA-Studie bei 682 Patienten mit einem EGFR-mutierten NSCLC der Stadien IB-IIIA  nach kompletter Tumorresektion mit negativen Schnitträndern versus Placebo verglichen. Gut die Hälfte der Teilnehmer (55%) hatte bereits eine adjuvante Chemotherapie erhalten. Aufgrund der hohen Effektivität von Osimertinib wurde die Studie vorzeitig nach einem Follow-up von mindestens einem Jahr entblindet.

Gemäß der ungeplanten Interimsanalyse wurde durch die adjuvante Osimertinib-Therapie bei Patienten im Stadium II/IIIA eine signifikante Reduktion des Risikos für Rezidive und Tod um 83% erreicht (primärer Endpunkt; HR 0,17; p<0,0001). Das krankheitsfreie Überleben (DFS) im Placeboarm erstreckt sich über median 20,4 Monate; unter Osimertinib ist der DFS-Median noch nicht erreicht. Nach drei Jahren waren nur 29% der mit Placebo, aber 80% der mit dem TKI behandelten Patienten rezidivfrei am Leben. Im Gesamtkollektiv beträgt das DFS unter Placebo 26,1 Monate, während der Median unter Osimertinib ebenfalls noch nicht erreicht ist. Die 3-Jahres-Rate des DFS liegt bei 41% bzw. 79%. Der Benefit des TKI erstreckte sich über alle Subgruppen -  unabhängig von Geschlecht, Alter, Rauchstatus, Stadium, Art der EGFR-Mutation und adjuvanter Chemotherapie. Die 2-Jahres-Rate des Gesamtüberlebens (OS) liegt unter Osimertinib bei 100%, unter Placebo bei 93% (HR 0,40).

Auf Basis dieser Ergebnisse ist Osimertinib in der Adjuvanz beim frühen EGFR-mutierten NSCLC nach Tumorresektion als hoch effektiv und „practice-changing“  zu werten, resümierte Studienleiter Prof. Roy Herbst, New Haven. Osimertinib sollte in diesem Patientenkollektiv als neuer Standard betrachtet werden, betonte auch Diskutant Prof. David Spigel, Nashville, und forderte dazu auf, alle NSCLC-Patienten – unabhängig vom Stadium - auf EGFR-Mutationen zu testen. 

Dr. Katharina Arnheim

Quelle: ASCO Virtual Meeting 2020, 29. bis 31. Mai 2020