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Onkologie

Krebszelle
Therapeutische Fortschritte in der Adjuvanz bei mehreren Tumorentitäten standen im Fokus der diesjährigen ASCO-Tagung.
© Colourbox / #6719

Aktuell vom ASCO Annual Meeting 2021

Nach 2020 fand die Tagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) auch in diesem Jahr rein virtuell statt. Unter dem Tagungsmotto „Equity: Every Patient. Every Day. Everywhere“ wurden rund 5000 Abstracts vorgestellt.

Adjuvante Immuntherapie beim NSCLC erfolgreich

In der Behandlung des metastasierten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC) wurden in letzter Zeit dank der Entwicklung zielgerichteter Therapien und der Checkpoint-Blockade erhebliche Fortschritte erreicht, konstatierte Prof. Heather Wakelee, Stanford. In der adjuvanten Situation gab es bislang nur beim resezierten EGFR-mutierten NSCLC mit Osimertinib eine Verbesserung. Für die Mehrzahl der Betroffenen stand seit über 15 Jahren unverändert lediglich die adjuvante Chemotherapie zur Verfügung. In der Phase-3-Studie IMpower010 hat sich jetzt erstmals die Immuntherapie in der Adjuvanz aufgrund der Verlängerung des krankheitsfreien Überlebens (DFS) als effektiv erwiesen. In der globalen Studie wurden 1.005 Patienten mit komplett reseziertem NSCLC der Stadien IB-IIIA nach bis zu vier Chemotherapie-Zyklen (Cisplatin + Pemetrexed, Gemcitabin, Docetaxel oder Vinorelbin) randomisiert einer Behandlung mit Atezolizumab oder der alleinigen Supportivtherapie (BSC; best supportive care) zugeteilt.

Beim primären Endpunkt, dem durch die Prüfärzte ermittelten DFS bei Patienten mit Tumoren im Stadium II-IIIA und einer PD-L1-Expression ≥1%, war Atezolizumab dem BSC-Arm zweifelsfrei überlegen: Kontrollpatienten überlebten median 36,3 Monate krankheitsfrei; unter dem Checkpoint-Inhibitor (CPI) ist der DFS-Median dagegen noch nicht erreicht. Nach zwei Jahren waren noch 74,6%, nach drei Jahren noch 60% der mit Atezolizumab behandelten Patienten krankheitsfrei am Leben (vs. 61% bzw. 48,2%). Der Unterschied entspricht einer signifikanten Reduktion des Rückfallrisikos um relativ 34% (HR 0,66; p=0,004). In der Gruppe aller Patienten mit Tumoren im Stadium II-IIIA betrug die Risikoreduktion 21%, (HR 0,79; p=0,02). Im Gesamtkollektiv (Stadium IB-IIIA) ist der Vorteil von Atezolizumab mit einer Risikoreduktion um 19% nicht signifikant (HR 0,89; p=0,04). Auch die Daten zum Gesamtüberleben (OS) sind noch unreif; das Follow-up wird fortgesetzt. Das Nebenwirkungsprofil von Atezolizumab in der Adjuvanz entspricht dem in der metastasierten Situation; es fielen keine neuen Sicherheitssignale auf. Angesichts des signifikant verbesserten DFS durch den CPI bei PD-L1-positiven Tumoren wird es immer wichtiger, NSCLC-Patienten früh auf die PD-L1-Expression zu screenen, betonte Wakelee abschließend.

Adjuvante PARP-Inhibition beim Brustkrebs

BRCA1/2-Mutationen in der Keimbahn (gBRCA) sind bei rund 5% aller Mammakarzinome nachweisbar. Zwar haben die meisten Frauen mit frühem gBRCA-mutiertem Brustkrebs nach Operation, Radio- und Chemotherapie eine recht gute Prognose. Prof. Andrew Tutt, London, wies jedoch darauf hin, dass das Rezidivrisiko bei einigen der Betroffenen trotz dieser Standardtherapien hoch ist, sodass neue zielgerichtete Optionen benötigt werden.

In der Phase-3-Studie OlympiA wurde erstmals die Effektivität des PARP-Inhibitors Olaparib in der Adjuvanz beim gBRCA-mutierten HER2-negativen Brustkrebs (Stadium II/III) untersucht. Die 1 836 Patientinnen wurden nach abgeschlossener Operation und Chemo-, ggf. auch Strahlentherapie randomisiert einer Weiterführung der Therapie mit Olaparib über ein Jahr oder Placebo zugeteilt. Alle Teilnehmerinnen besaßen aufgrund ihrer großen Tumoren, des Lymphknotenbefalls oder wegen fehlender pathologischer Komplettremission nach neoadjuvanter Therapie ein hohes Rezidivrisiko.

Bereits nach relativ kurzem Follow-up von nur 2,5 Jahren empfahl das Independent Data Monitoring Committee die Bekanntgabe der Daten der kompletten Primäranalyse. Die mit Olaparib behandelten Patientinnen hatten im Vergleich zu Placebo ein signifikant um 42% reduziertes Risiko für Lokalrezidive, Metastasen, andere neue Karzinome und Tod jeder Ursache (HR 0,58; p<0,0001). Die 3-Jahres-Rate des invasiven DFS verbesserte sich um absolut 8,8% - von nur 77,1% im Placeboarm auf 85,9% mit dem PARP-Inhibitor. Die Ereigniskurven beider Studienarme trennten sich bereits früh innerhalb der ersten Monate. Auch das metastasenfreie Überleben wurde signifikant verbessert, das Metastasierungsrisiko um 43% gesenkt (HR 0,57; p<0,0001). Nach drei Jahren lebten noch 87,5% der mit Olaparib behandelten, aber nur 80,4% der Placebopatienten ohne Fernmetastasierung. Die Daten zum OS sind noch unreif; doch wurden auch zu diesem frühen Zeitpunkt bereits weniger Todesfälle im Verumarm dokumentiert. Die 3-Jahresrate des OS unter Olaparib beträgt 92%, unter Placebo 88,3%. Die Ergebnisse von OlympiA unterstreichen laut Tutt den hohen Stellenwert der BRCA-Mutationstestung jetzt auch für Hochriskopatientinen mit frühem Mammakarzinom.

Pembrolizumab nach Nephrektomie

Auch beim klarzelligen Nierenzellkarzinom (ccRCC) hat sich jetzt mit Pembrolizumab eine effektive Option in der Adjuvanz bewährt. Wie Prof. Toni Choueiri, Boston, ausführte, gibt es beim lokoregionären RCC bislang trotz des hohen Rückfallrisikos von fast 50% keine global akzeptierte adjuvante Standardtherapie mit hohem Evidenzniveau.  KEYNOTE-564 ist die erste Phase-3-Studie mit einem CPI in dieser Situation, mit der eine Verbesserung des DFS erreicht wurde. Sie umfasste fast 1000 systemisch nicht vorbehandelte Hochrisiko-Patienten mit histologisch bestätigtem ccRCC nach Nephrektomie, die zu Pembrolizumab über ein Jahr oder zu Placebo randomisiert wurden.

Nach einem Follow-up von median 24 Monaten war der primäre Endpunkt DFS erreicht: Pembrolizumab führte gegenüber Placebo zu einer signifikanten Risikoreduktion für Rückfälle um fast ein Drittel (HR 0,68; p=0,001). Der DFS-Median ist in beiden Armen noch nicht erreicht. Die 1- und 2-Jahresraten des DFS lagen jedoch mit 85,7% bzw. 77,3% deutlich über denen im Placeboarm (vs. 76,2% bzw. 68,1%).  Auch beim OS zeichnet sich bereits ein Vorteil zugunsten des CPI ab: Mit einem Anteil von 6,6% sind im Placeboarm bislang fast doppelt so viele Patienten gestorben wie unter Pembrolizumab (3,6%; HR 0,54; p=0,0164).  „Damit ist Pembrolizumab ein potenzieller neuer Standard für RCC-Patienten im adjuvanten Setting“, resümierte Choueiri.

Mehr Screening bei HPV-assoziierten Tumoren gefordert

Bei mehr als der Hälfte aller Zervix- und Analkarzinome sowie bis zu 75% der Plattenepithelkarzinome von Oropharynx, Vagina und Penis sind Infektionen mit Humanen Papillomaviren (HPV) festzustellen. Beim Zervixkarzinom, nicht aber bei den anderen Tumoren ist heute ein regelmäßiges Screening fest verankert. Zudem wurde 2006 ein HPV-Impfstoff für Mädchen und junge Frauen zur Prävention dieser Infektionen und der dadurch bedingten Karzinome zugelassen, die Impfempfehlung 2011 auch auf Jungen ausgeweitet. Für alle anderen mit HPV assoziierten Tumoren gibt es dagegen keine klaren Leitlinien. Im Rahmen einer Studie untersuchten Dr. Cheng-I Liao, Kaohsiung, Taiwan, und Mitarbeiter die Inzidenz HPV-assoziierter Karzinome in den USA von 2001 bis 2017 anhand der US Cancer Statistics Database.

In diesem Zeitraum wurden rund 657 000 HPV-assoziierte Tumoren registriert, mit 60% (n=393 300) die Mehrheit davon bei Frauen. Zervixkarzinome stellten dabei mit 206 075 Fällen (52%) den größten Anteil. Bei Männern waren dagegen Karzinome des Oropharynx mit 80% am häufigsten vertreten. Die Entwicklung in der Inzidenz dieser HPV-assoziierten Karzinome verlief sehr unterschiedlich: Während die Inzidenz von Zervixkarzinomen im Untersuchungszeitraum signifikant um 1,03% jährlich sank, nahm die Häufigkeit von Peniskarzinomen um 2,71%, die von Vaginaltumoren um 2,35% und die von Anal- und Rektumkarzinomen um 0,77% pro Jahr  zu. Die Rate an Zervixkarzinomen sank bei jüngeren Frauen stärker ab als bei älteren: So verringerte sich das Vorkommen dieser Tumoren in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen um 4,6% pro Jahr. Diese positive Entwicklung ist laut Liao sehr wahrscheinlich durch das routinemäßige Screening und die HPV-Vakzine bedingt.

Dagegen stieg die Inzidenz von Anus- und Rektumkarzinomen bei Frauen über 50 Jahre mit 3,55% pro Jahr besonders stark an. „Wenn dieser Trend anhält, werden diese Tumoren das Zervixkarzinom in den nächsten fünf Jahren überholen“, sagte Liao voraus. Auch bei den übrigen HPV-assoziierten Karzinomen müssen nach seinen Worten daher effektive Screening-Strategien etabliert und die Effektivität der HPV-Impfung geklärt werden.

Dr. Katharina Arnheim

Quelle: 2021 ASCO Annual Meeting, 4. bis 8. Juni 2021