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Medizin

Bereits viele Jahre vor Ausbruch der Krankheit lassen sich erste Anzeichen im Gehirn erkennen.
© iStock/Dr_Microbe

Update Morbus Huntington

Die leitliniengerechte Therapie und neue Erkenntnisse der Pathogenese der Huntington-Krankheit waren Thema beim diesjährigen Parkinson-Kongress. Das Grundprinzip der Therapie ist es, auf der einen Seite die Symptome der Krankheit zu lindern, aber auf der anderen Seite kein Parkinsonoid zu verursachen.

Bei der Huntington-Erkrankung ist die Zahl der CAG-Repeats im Exon 1 des Huntingtin-Gens auf 36 oder stärker erhöht. Es gebe eine inverse Korrelation, erklärt Prof. Carsten Saft, Bochum: Je höher die Zahl der CAG-Repeats sei, desto früher trete die Erkrankung mit motorischen Symptomen auf. Die Prodromalphase beginnt bereits 10 bis 15 Jahre zuvor. Patienten, die aus einer Huntington-Familie kommen und daher genetisch getestet wurden, können, lange bevor sie Beschwerden zeigen, wissenschaftlich beobachtet werden. Das sei, so betont Saft, ein großer Vorteil. 24 bis 25 Jahre vor Krankheitsbeginn lassen sich so als erste Anzeichen vermehrt Neurofilamente in Liquor und Blut und Inflammationsmarker zeigen, „während ausführliche neuropsychologische Tests keinen eindeutigen Unterschied gezeigt haben und auch in der Bildgebung gab es keinen eindeutigen Unterschied“. In Beobachtungsstudien sieht man die frühesten neuropsychologischen Veränderungen etwa 10 bis 15 Jahre zuvor, so der Experte.

Drei neue Mechanismen zur Pathogenese:

  • Bei der Translation der Huntingtin m-RNA kann es durch die Mutationen im Exon zu Rasterverschiebungen oder sogar zu retrograder Translation kommen, man spricht in beiden Fällen von RAN-Translation.
  • Bei erkrankten Kindern findet man oft aberrantes Splicing, das dazu führt, dass verschiedene Therapieansätze, die nicht bei Exon 1 ansetzen, möglicherweise nicht wirken.
  • Bei der somatische Expansion verlängern sich durch Reparaturvorgänge die CAG-Repeats im Hirn und anderen Geweben und beeinflussen den Erkrankungsbeginn. Im Blut bleibt die Genetik über die Jahre unverändert, ein weiterer Test des Bluts ist daher nicht nötig.

 

Die Therapie: Nicht zu viel und nicht zu wenig

„Es handelt sich um eine anti-dopaminerge Therapie, womit wir die Chorea behandeln. Dabei kommt es weniger darauf an, welches Präparat wir verwenden, sondern eher auf die Dosis“, so Saft. Denn bei zu hoher Dosis bestehe die Gefahr, ein Parkinsonoid zu verursachen. Das sei die Gradwanderung, gibt Saft zu bedenken: Auf der einen Seite besteht  das Risiko von Hyperkinesien oder Hyperlordosierung mit Sturzneigung bedingt durch die Erkrankung, auf der anderen Seite kann es durch zu eine hohe Dosierung zu einem Parkinsonoid kommen. „Auch Sprache und Schlucken sind meiner Erfahrung nach etwas schlechter bei höherer Dosierung und bessern sich, wenn man die Dosis reduziert.“ Wenn man sich darüber klar geworden sei, dass man beides gegeneinander austarieren müsse, sei die Therapie nicht mehr so schwierig. Ein bradykinetischer juveniler Patient werde natürlich nicht anti-dopaminerg behandelt, sondern eher mit Parkinson-Medikamenten. In einer aktuellen Studie sind laut Saft die Ergebnisse der tiefen Hirnstimulation bei Huntington auf den ersten Blick nicht eindeutig und werden noch ausgewertet. Bei anderen Symptomen, wie Dysssomnie und Myoklonus, muss die Therapie auf diese Symptome abgestimmt werden. Für die psychiatrischen Symptome empfiehlt Saft Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer und Antipsychotika.

Roland Müller-Waldeck

Quelle: Symposium „Update Morbus Huntington“ beim Parkinson-Kongress am 25. März 2022