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Medizin

ACTRIMS/ECTRIMS 2020
© ACTRIMS/ECTRIMS 2020

Aktuell vom ACTRIMS/ECTRIMS 2020

Der erstmals mit großer Sorgfalt virtuell veranstaltete Kongress zeigte auf allen Ebenen der Forschung und des praktischen Managements der Multiplen Sklerose (MS) und assoziierter Erkrankungen merkbare Fortschritte.

Neue Langzeitanalysen über eine Dauer von 15 Jahren bestätigen die hohe prädiktive Bedeutung der Neurofilament-Leichtketten (NfL) als Marker für den axonalen Untergang. Die Studie verglich hierfür die Krankheitsgeschichten der Patienten der BENEFIT-Kohorte. Die Analyse zeigt, dass ein Serum-NfL (sNfL) über der 95. Perzentile prädiktiv war für einen EDSS ≥ 4 nach 15 Jahren. Des Weiteren war ein sNfL in der 95., 97,5. und 99. Perzentile mit einem höheren EDSS bereits bei Baseline und in den Jahren 1, 2 und 5 sowie mit einer verstärkten Hirnatrophie nach einem und zwei Jahren assoziiert. Das sNfL-Monitoring ist damit ein Real-Time-Monitoring des neuronalen Schadens, so die Autoren, und kann bei der Entscheidung über eine Therapieeskalation helfen.1

RMS: Phase-II-Daten für BTK-Inhibitoren

Der orale Inhibitor der Bruton-Tyrosinkinase Evobrutinib zeigte in einer doppelblinden, placebokontrollierten Phase-II-Studie mit 216 Patienten mit schubförmiger MS (RMS) über 48 Wochen eine dosisabhängige Wirksamkeit bei der Schubratenreduktion. 148 Patienten nahmen an einer Extensions-studie über 60 Wochen teil, wobei die in der Doppelblindphase erzielten Ergebnisse beibehalten oder noch weiter verringert wurden. Evobrutinib wird gegenwärtig in den beiden Phase-III-Studien -EVOLUTION RMS 1 und 2 bei RMS--Patienten untersucht.2

Masitinib wirkt bei PPMS

Der orale Tyrosinkinaseinhibitor (TKI) Masitinib könnte ein neuer Kandidat zur Therapie der progressiven MS sein. Der TKI beeinflusst die intrazellulären Signalwege und führt zu einer Downregulation der pathologisch erhöhten Aktivität von Mastzellen und Mikroglia. In der auf eine Dauer von zwei Jahren angelegten Phase-III-Studie AB07002 mit 600 Patienten mit primär progressiver MS (PPMS) und inaktiver sekundär progressiver MS (SPMS) wurde Masitinib in zwei Dosierungen (4,5 mg/kg/d und Titration bis 6,0 mg/kg/d) im Vergleich zu Placebo untersucht. Primärer Endpunkt war die Veränderung des EDSS bis Woche 96.

Die Masitinib-Gruppe 6,0 mg/kg/d schnitt vergleichbar mit der Gruppe unter 4,5 mg/kg/d ab, sodass in Zukunft nur noch die niedrigere Dosis weiter untersucht wird. Masitinib 4,5 mg/kg/d zeigte eine signifikante Reduktion der Behinderungsprogression im EDSS. Das Risiko wurde gegenüber Placebo um 42% reduziert (p = 0,034). Das Sicherheitsprofil ist laut Studienleiter Prof. Patrick Vermersch, Lille, Frankreich, güns-tig; die meisten unerwünschten Ereignisse (UEs) wurden als leicht bis moderat eingestuft, waren reversibel und gut handhabbar. Am häufigsten wurden Hautreaktionen, gastrointestinale UEs und Neutropenien beobachtet.3

NMOSD: Ginseng gegen Fatigue

Ginseng könnte eine Option zur Therapie der Fatigue bei Patienten mit Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) sein. Darauf weist eine randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 58 NMOSD--Patienten hin, die über drei Monate täglich Ginseng oder Placebo erhielten. Die Veränderung der Fatigue wurde mit dem FSS-Fragebogen (Fatigue Severity Scale) erfasst. Im Untersuchungszeitraum sank der FSS-Score in der Ginseng-Gruppe signifikant versus Placebo (p < 0,001).4

Dr. Alexander Kretzschmar

Virtuelle ACTRIMS/ECTRIMS-Jahrestagung, 9.–13. September 2020
Literatur: 1. Kuhle J et al. ACTRIMS/ECTRIMS 2020; Abs. TC02.02; 2. Montalban X et al. ACTRIMS/ECTRIMS 2020; Abs. P0197; 3. Vermersch P et al. ACTRIMS/ECTRIMS 2020; Abs. FC04.01; 4. Asizadeh S et al. ACTRIMS/ECTRIMS 2020; Abs. P0212.