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Medizin

Corona-Virus
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COVID-19-Infektionen aus neuropsychiatrischer Sicht

In Zeiten der COVID-19-Pandemie sind auch Patienten mit neuropsychiatrischen Erkrankungen in mehrfacher Hinsicht als eine Risikogruppe mit einer schlechten Prognose anzusehen. Berichte aus Wuhan sowie aus europäischen Kliniken geben einen ersten Eindruck zum Gefährdungspotenzial und Hinweisen zum Management dieser Patienten.

Die erhöhte Vulnerabilität neuropsychiatrischer Patienten resultiert nicht nur aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos aus einer krankheits- oder therapiebedingten Immunsuppression. Die Betreuung in Alters- und Pflegeheimen ist nach den bisherigen Erkenntnissen eine weiterer Risikofaktor. Vor allem viele psychiatrische Patienten leben in sozial instabilen Verhältnissen oder sind ohne festen Wohnsitz. Die Einhaltung der Empfehlungen zum Infektionsschutz ist hier krankheitsbedingt nicht sicher gewährleistet. Gleichzeitig fördert die Ausgangssperre bei diesen Patienten noch mehr als bei der Normalbevölkerung das Gefühl von Einsamkeit und Isolation als Nährboden für Ängste und depressive Stimmungsveränderungen bis hin zu akuten Psychosen.1

Erfahrungen aus Wuhan

Infektionen mit COVID-19 sind besonders durch respiratorische sowie (seltener) gastroenterologische Beschwerden, aber auch durch neurologische Symptome gekennzeichnet. In einer aktuellen retrospektiven Fallserie mit 214 stationären Patienten mit COVID-19-Infektionen aus drei Krankenhäusern in Wuhan litten 36,4% der Patienten auch an neurologischen Symptomen.2 Davon wurden 24,8% dem ZNS zugeordnet. Am häufigsten waren hier Schwindel (16,8%) und Kopfschmerzen (13,1%). 8,9% der Patienten litten an Störungen des peripheren Nervensystems, vor allem Geschmacksstörungen (5,6%) und Hyposmien (5,1%). 10,7% der Symptome wurden der Skelettmuskulatur zugeordnet.

41,1% der Fälle wurden als schwer eingestuft. Im Vergleich zu den weniger schweren Fällen waren die Betroffenen älter (58,7 Jahre vs. 48,9 Jahre) und hatten mehr komorbide Erkrankungen (47,7% vs. 32,5%). Schwere COVID-19-Infektionen umfassten häufiger neurologische Symptome (45,5% vs. 30,2%), darunter akute zerebrovaskuläre Ereignisse wie Schlaganfälle (5,7% vs. 0,8%) und Bewusstseinstrübungen (14,8% vs. 2,4%).

Patienten mit ZNS-Symptomen zeigten im Labor niedrigere Lymphozyten und Plättchenzahlen sowie höhere Harnstoffspiegel als Patienten ohne ZNS-Symptome. Patienten mit peripheren Neuropathien waren im Labor unauffällig. Bei Patienten mit neurologischen Symptomen der Skelettmuskulatur waren als Zeichen einer erhöhten Entzündungsantwort die Neurophilenzahlen, die D-Dimere und das C-reaktive Protein (CRP) erhöht und die Lymphozytenzahl erniedrigt. Bei dieser Patientengruppe traten auch Fälle eines Multiorganversagens (Leber, Niere) auf.

Die American Heart Association und die American Stroke Association (AHA/ASA) haben als Konsequenz aus dem gehäuften Auftreten von Schlaganfällen vorläufige Empfehlungen zum Management von Schlaganfallpatienten in Zeiten der Pandemie veröffentlicht.3,4

Erfahrungen aus Siena und Paris

Erste Erfahrungsberichte aus psychiatrischen Krankenhäusern/Abteilungen in Siena und Paris zeigen zahlreiche Parallelen.5,6 In beiden Fällen erschwerte der Mangel an Schutzbekleidung aller Art die Arbeit der Ärzte und des Pflegepersonals erheblich. Dies betrifft insbesondere den Umgang mit Patienten mit aggressiven Verhaltensweisen, beispielsweise Spucken oder Beißen – auch zum Schutz der Mitpatienten. In Siena wurde empfohlen, beim Fehlen von Schutzbrillen ersatzweise auf Sonnenbrillen zurückzugreifen.

Wichtig für den sicheren Umgang mit Patienten mit/ohne Covid-19-Infektionen und die Einhaltung der Schutzmaßnahmen für alle Beteiligten sind entsprechende Protokolle. Darin soll geregelt werden, in welchem Setting psychiatrische Patienten auf Covid-19-Symptome untersucht werden – direkt in den infektiologischen Abteilungen oder konsiliarisch in der Psychiatrie. Für die weitere Unterbringung, Quarantäne sowie die Trennung positiv und negativ getesteter, stationär aufgenommener Patienten kann eine räumliche Neuorganisation notwendig werden.

Telepsychiatrie als Gebot der Stunde

Die Betreuung ambulanter psychiatrischer Patienten erfolgte an beiden Kliniken in rund 90% der Fälle telemedizinisch, ersatzweise auch über WhatsApp oder FaceTime. Die Umstellung gelang trotz geringer Erfahrung der Ärzte gut, auch die Akzeptanz der Patienten war durchweg hoch. Vor allem bei älteren und mental beeinträchtigten Patienten erwies sich der telefonische Kontakt als sehr erfolgreich, so die Erfahrungen in Italien. Nur schwer kranke Patienten wurde noch zu Hause aufgesucht. Von den stationären Patienten konnten die meisten davon überzeugt werden, Gesichtsmasken zu tragen.

Sowohl in Paris als auch in Siena wurden Telemedizin und telefonische Hotlines auch für die Betreuung des Klinikpersonals eingesetzt – zum allgemeinen Stressabbau und zur Behandlung akuter Überlastungssymptome wie Suchtverhalten, Schlafstörungen, Infektionsängste, Stimmungsschwankungen bis hin zu Suizidgedanken. Das Angebot wurde sehr gut angenommen. 

Dr. Alexander Kretzschmar

Literatur: 1. Druss BG. JAMA Psychiatry 2020; Apr 3. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2020.0894;  2. Mao L et al. medRxiv 2020; Febr 25. doi:10.1101/2020.02.22.20026500; 3. AHA/ASA stroke council. Stroke 2020; Apr 1. doi:10.1161/STROKEAHA.120.030023; 4. American Heart Association. newsroom.heart.org/news/interim-guidance-issued-on-stroke-care-during-covid-19-pandemic. Published April 2, 2020;
5. Fagiolini A et al. J Clin Psychiatry 2020; 81: 20com13357;
6. Corruble EA. J Clin Psych 2020; 81: 20com13361; 7. MS-Selfie COVID-19 & MS www.linkedin.com/posts/gavin-giovannoni-5620827_covid19-clinic-speak-mscovid19-activity-6646419580740747266-FIM4; 8. MS-Selfie COVID-19 DMTs gg1. docs.google.com/spreadsheets/d/
1GqEoeXod4CLTBsa6ke0TWmiJ7_I77HiBQ_rvFrmouOA/edit#gid=0.