Newsletter

Neurologie-Psychiatrie

Modell Amyloid-Plaques TAU-Fibrillen
Amyloid-Plaques werden im Zusammenspiel mit TAU-Fibrillen ursächlich für die Alzheimer-Krankheit verantwortlich gemacht.
© Nottebrock /Alzheimer Forschung Initiative e.V.

M. Alzheimer: Amyloid-Hypothese auf dem Prüfstand

Die Alzheimer-Krankheit ist charakterisiert durch Ablagerungen von Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen, die zu Gedächtnisverlust und Orientierungslosigkeit führen. Das ist in der Forschung unstrittig. Uneins ist man sich jedoch, ob insbesondere Amyloid-Ablagerungen ursächlich für die Erkrankung sind und ein passendes Ziel für die Therapie darstellen.

Die Amyloid-Hypothese hatte in den letzten Jahrzehnten einen großen Stellenwert in der Alzheimer-Forschung weltweit. Mit Aducanumab gibt es seit Juni 2021 ein Medikament, das Amyloid-Plaques im Gehirn beseitigt. Die Gedächtnisleistung der Betroffenen wird dadurch aber nicht verbessert. Wegen dieses fehlenden Wirkungsnachweises hatte die europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA einer Zulassung der Substanz in Europa und damit auch in Deutschland nicht zugestimmt.

Warum verbessern Amyloid-Antikörper nicht die Kognition?

Warum die Antikörper zwar die schädlichen Proteine entfernen, aber trotzdem die Kognition der Erkrankten nicht verbessern, ist unklar. Ein Grund könnte sein, dass die Wirkstoffe zu spät im Krankheitsverlauf verabreicht werden und die Veränderungen im Gehirn zu dem Zeitpunkt schon zu weit fortgeschritten sind. Diskutiert wird auch, dass der Zeitraum, in dem die Wirkstoffe bisher eingenommen wurden, zu kurz war, um einen positiven Effekt auf die Kognition der Probandinnen und Probanden zu entfalten. Es werden weitere Studien und Forschungsprojekte gebraucht, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Im Forschungsfeld werden immer mehr Stimmen laut, die darauf hinweisen, dass es nicht reicht, nur auf die Beseitigung von Amyloid zu setzen. „Die Amyloid-Hypothese war lange Zeit forschungsbestimmend. Ein solcher Ansatz ist aber meiner Einschätzung nach zu eindimensional und beantwortet nicht die Frage, wo das Amyloid herkommt und was die eigentlichen Ursachen der Erkrankung sind“, sagt Prof. Thomas Arendt, Leiter des Paul-Flechsig-Instituts für Hirnforschung der Universität Leipzig.

Ursachen der Erkrankung bislang noch unklar

Die Suche nach einem passenden Wirkstoff ist deshalb so schwierig, weil die Entstehung der Alzheimer-Krankheit noch nicht abschließend verstanden ist. Die Krankheit beginnt mit ersten Veränderungen im Gehirn schon bis zu zwanzig Jahre vor dem Auftreten der ersten Symptome. Die Ablagerungen von Amyloid und Tau gehören zu einer Reihe von Prozessen im Gehirn, die sich nachfolgend bedingen. Wie diese unterschiedlichen Krankheitsmechanismen entstehen und über Jahrzehnte hinweg ineinandergreifen, kann rückwirkend nicht mehr ohne Weiteres nachvollzogen werden. „Bei einer Krankheitsdauer von bis zu 30 Jahren ist es unwahrscheinlich, dass man die Ursachen sieht, man sieht nur die Folgen“, sagt Arendt.

Deshalb ist es wichtig, mit Amyloid-Ablagerungen nicht nur einen Krankheitsmechanismus im Blick zu haben, sondern auch weitere charakteristische Merkmale und mögliche Krankheitsursachen einzubeziehen, wie beispielsweise Entzündungsprozesse, Stoffwechsel- oder Durchblutungsstörungen, Umwelteinflüsse und genetische Faktoren. Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass es nicht das eine Medikament geben wird, das Alzheimer bei jeder Patientin und jedem Patienten in jeder Krankheitsphase heilen wird. Eine zukünftige Alzheimer-Therapie wird verschiedene Ansätze kombinieren, um die individuell unterschiedlichen Krankheitsprozesse je nach Krankheitsstadium möglichst effektiv zu stoppen. Entsprechend wird zunehmend an Kombinationstherapien geforscht, die gleichzeitig an unterschiedlichen Krankheitsmechanismen ansetzen.

Wie geht es weiter mit der Amyloid-Hypothese

Und wie geht es weiter mit der Amyloid-Hypothese? Prof. Stefan Teipel vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen setzt auf einen kombinierten Behandlungsansatz, der nicht nur auf Amyloid-, sondern auch auf Tau-Ablagerungen zielt: „Ohne Amyloid ist Tau wahrscheinlich kein größeres Problem und umgekehrt ist Tau ohne Amyloid vermutlich nicht problematisch. In Kombination begünstigt Amyloid aber, dass sich Tau im gesamten Hirn ausbreiten kann. Deshalb halte ich eine Kombinationstherapie für vielversprechend, die an Tau und Amyloid gleichzeitig ansetzt.“

Quelle: Alzheimer Forschung Initiative e.V.