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Neurologie-Psychiatrie

Mann mit depressivem Gesichtsausdruck
Fatigue, Kopfschmerzen, Schwindel – viele Nebenwirkungen einer COVID-19-Infektion können die Betroffenen über einen langen Zeitraum begleiten.
© Colourbox/Kuzma

COVID-19: Bis zu einem Drittel der Patienten mit neurologischen Symptomen

Ein systematisches Review und eine Metaanalyse untersuchten die Frage, wie häufig und mit welchem Schweregrad sich neurologische Symptome nach einer COVID-19-Infektion entwickeln.

In dem Review und der Metaanalyse wurden insgesamt 350 Studien berücksichtigt, die zwischen dem 19. Dezember 2019 und dem 15. Dezember 2020 publiziert wurden. Eingeschlossen waren 145.721 Patienten mit einer COVID-19-Infektion, von denen 89% hospitalisiert waren. Die gepoolte Prävalenz neuro-psychiatrischer Störungen betrug 24%. Bis zu einem Viertel der Patienten hatten Komorbiditäten, davon am häufigsten Hyper-tonie (26%), kardio-/zerebrovaskuläre Erkrankungen (18%), Diabetes (14%), COPD und chronische Nierenerkrankungen (je 5%), Malignome (4%) und chronische Lebererkrankungen (3%).

Alte und neue Symptombilder

Die Auswertung ergab zusätzlich zu den bekannten Symptomen wie Fatigue (32%), Myalgien (20%), Geschmacks-störungen (21%), Geruchsstörungen (19%) und Kopfschmerzen (13%) eine Reihe zusätzlicher neurologischer Komplikationen wie Schwindel, akute Verwirrungszustände oder Delirium, Agitation, Schlaganfall, Störungen aufgrund hypoxischer Ischämien, Krampfanfälle, Koma und Enzephalitiden. Die Häufigkeit der Beschwerden variierte zwischen ethnischen Gruppierungen, Altersgruppen und Hospitalisierungsstatus. Schwere COVID-19-Verläufe waren mit einem deutlich erhöhten Risiko von Bewusstseinsstörungen (Odds Ratio [OR] 5,68) sowie mit einer vermehrten Fatigue (OR 1,27) assoziiert. Ein geringeres Risiko schwerer COVID-19-Verläufe bestand bei Patienten mit Geruchs- und/oder Geschmacksstörungen (OR 0,44 bzw. 0,62). Für andere neurologische Manifestationen wurde keine Korrelation mit der Schwere der COVID-19-Verläufe gefunden.

Jeder Dritte der hospitalisierten Patienten ≥ 60 Jahre entwickelte akute Verwirrungszustände bzw. Delirien (34%), jeder fünfte Patient beklagte eine Fatigue (20%). Weitere häufige Symptome in dieser Altersgruppe waren Myalgien (11%) sowie Kopfschmerzen und Schwindel (jeweils 5%). Bei Patienten < 18 Jahre traten am häufigsten eine Fatigue oder Myalgien (jeweils 17%), Geruchs- und/oder Geschmacksstörungen (13%), Kopfschmerzen (10%) und Krampfanfälle (4%) auf. Bei nicht hospitalisierten Patienten traten am häufigsten Geruchs- oder Geschmacksstörungen (50% bzw. 44%), Kopfschmerzen (31%) und Myalgien (31%) auf. Hospitalisierte Patienten klagten dagegen häufiger über Fatigue (31%) oder Myalgien (30%).

Senioren mit erhöhter Mortalität

Die gepoolte Mortalität mit ≥ 1 neurologischen Manifestation betrug insgesamt 27%. Dies war nicht-signifikant höher als die Mortalität bei neurologisch symptomfreien COVID-19-Patienten. Bei Patienten ≥ 60 Jahre war dagegen das Auftreten von neurologischen Manifes-tationen mit einer signifikant erhöhten Mortalität assoziiert (OR 1,80). Ein Delirium in dieser Altersgruppe ist ein unabhängiger Risikofaktor für ein Versterben innerhalb von zwölf Monaten nach Hospitalisierung bzw. eine demenzielle Entwicklung.

Fazit

Die vorliegenden, überwiegend Real-World-Daten zeigen Effekte einer COVID-19-Infektion auf das periphere und zentrale Nervensystem. Bis zu einem Drittel der Patienten entwickelte mindestens eine neurologische Manifestation sowie einer von 50 Patienten einen Schlaganfall. Bis zu einem Viertel der Patienten hatte Komorbiditäten. Auffallend ist auch das höhere Risiko einer neurologischen Beteilung und Mortalität bei Patienten ≥ 60 Jahre.

Dr. Alexander Kretzschmar

Literatur:  Misra S et al. Neurology 2021 Oct 11 doi: 10.1212/WNL.0000000000012930.