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Medizin

Altes Reagenzglas
Reagenzglas mit Inhalt und Aufschrift „Adeps Humani“
© Wikimedia Commons/CC0

Menschenfett zur Narbenbehandlung

In historischen Arzneibüchern wird Menschenfett, lateinisch Axungia humanis, als wichtiger Bestandteil hochwertig erachteter Salben und anderer fett­haltiger Arzneiformen erwähnt. Was hat es damit auf sich? Ein Seitenblick

Im Jahr 1909 berichtete der kosmetische Chirurg Eugen Holländer (1867–1932) in der Berliner Klinischen Wochenschrift über ein Injektionspräparat, das aus bei Operationen gewonnenem menschlichem Fett hergestellt wurde. Nachdem die zerkleinerten Fettklumpen von Bindegewebe befreit waren, wurden sie gewässert und im Wasserbad gekocht. Nach Filtration erhielt man eine klare, gelbe Flüssigkeit. Unter dem Handelsnamen Humanol wurde diese als sterile Zubereitung für Injektionen in der chirurgischen Therapie bei Narbenbehandlung, Wundrevisionen und Wunddesinfektionen angewandt. Aufgrund von geringen Heilerfolgen und der Gefahr von Fettembolien verschwand Humanol jedoch wieder schnell vom Markt.

„Armesünder-Fett“

Im 16. und 17. Jahrhundert spielte menschliches Fett in der Medizin eine bedeutende Rolle. Im Jahre 1543 empfahl der berühmte Anatom Andreas Vesalius (1514–1564) seinen Kollegen, Fett zu sammeln. Dieses Fett viel massenweise an, wenn menschliche Leichen ausgekocht wurden, um die Skelette für Studien freizulegen. Vesal schrieb dem Fett größte Wirksamkeit bei der Narbenbildung zu. Außerdem beschleunige es das Wachstum von Nerven und Sehnen. Vesal wusste, wovon er sprach. In der frühen Neuzeit war es allgemein üblich, menschliches Fett zur Heilung von Wunden einzusetzen, das von frischen Leichen gewonnen wurde. Es wird berichtet, dass während der Belagerung von Ostende durch das spanische Heer im Oktober 1601 Wundärzte in den Gefechtspausen mit Helfern aus der belagerten Stadt kamen und den zahlreichen Leichen das Fleisch von den Knochen schnitten. Sie kochten dieses, um Fett zur Bereitung einer Wundsalbe zu gewinnen.

Wenn das Fett der gefallenen Soldaten wirksam ist, so sollte, das war die feste Überzeugung, auch das der hingerichteten Kriminellen, wirksam sein. Das so genannte „Armesünder-Fett“ half bei Verstauchungen, Knochenbrüchen und Arthritis. Das Menschenfett wurde auch als Analgetikum bei Ischias und Rheumaschmerzen verordnet.

Blühender Handel

Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich ein lukrativer Handel mit Menschenfett. Für die zahlreichen Verurteilten, die nach christlicher Überlieferung an die fleischliche Auferstehung glaubten, war das, was mit ihrem Körper nach der Hinrichtung geschehen würde, äußerst beunruhigend. Aber Geschäft blieb Geschäft und so blühte der Handel mit Menschenfett, aber auch mit Blut und anderen Körperteilen. Das Volk scherte sich nicht um die Seelen der armen Sünder. Die Apotheken hatten einen großen Vorrat an menschlichem Fett (Axungia hominis), daneben weitere feste und flüssige Bestandteile aus menschlichen Leichen, eine Art von „Materia Medica“, die auch unter der Bezeichnung „Mumia“ gehandelt wurden.

Irr- und Aberglaube?

Aber aus welchem Grund war menschliches Fett so begehrt? Und warum ausgerechnet das von Kriminellen? Die Zuflucht zu Menschenfett ist eine Flucht zu Magie und dem Glauben an die der Substanz eigene Kraft, wenn die Medizin an ihre Grenzen stößt.

Auch wenn viele dieser Ideen uns heute obsolet erscheinen, so ist es doch nicht vollkommen abwegig zu glauben, dass Menschenfett Wunden heilen kann. Heutzutage wissen die Mediziner, dass das Fettgewebe extrem angiogen ist, anders ausgedrückt: es fördert ausgehend von bestehendem Gewebe das Wachstum neuer Blutgefäße. Unsere Vorfahren mögen vielleicht Menschenfett aus diesem Grund angewendet haben, denn dieses Wachstum vermittelt den Eindruck, dass die Substanz wirksam ist. Aber die Gründe, mit denen die Wirksamkeit belegt wurde, sind heute wenig überzeugend. So lehrten Paracelsus (um 1493–1541) und seine Schüler, dass nach dem Tod ein Teil der menschlichen Energie im Körper zurückbleibt. Diese Lebenskraft sei besonders ausgeprägt in den Körpern junger, gesunder Menschen, die einen plötzlichen Tod erleiden, zum Beispiel durch Hinrichten. Der Tod muss plötzlich und schnell erfolgen, so dass diese Energie keine Zeit mehr hat den Organismus zu verlassen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen Stimmen auf, die postulierten, dass andere Fette dem menschlichen Fett überlegen wären. So schrieb der Arzt John Hill (um 1716–1775 ): „Wir haben erkannt, dass die Eigenschaften, die menschlichen Körperteilen zugeschrieben werden, imaginär sind und in keiner Weise diesen von Tieren überlegen.“ Die Missbilligung durch die Medizin genügte nicht, den Handel mit Menschenfett zu unterbinden. Er blühte weiter und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts verhielt sich die Obrigkeit mit ihren Verboten recht zögerlich, um die Öffentlichkeit nicht zu alarmieren. Auch arbeiteten Polizei und Sektionsgehilfen oft Hand in Hand und ließen das bei Sektionen anfallende Fett den Abnehmern heimlich zukommen. Große Mengen gelangten so in die Hände der Emaillierer und der Hersteller künstlicher Perlen, die glaubten mit Pferde- oder Hundefett zu arbeiten.

Von Kosmetik bis Aktionskunst

In der Kosmetik wurde Menschenfett bis in die 1980er Jahre verwendet. Präparate wie Placentubex C oder Placenta Serol waren bis in die 1980iger Jahre in Apotheken und Drogerien erhältlich. Sie enthielten menschliches Fett aus Placenten und wurden als „natürliche“ Präparate gegen Faltenbildung vermarktet. Aufgrund der in den 1980er Jahren aufkommenden HIV-Problematik wurden menschliche Placenten durch tierische Produkte ersetzt.

Im Film „Fight Club“ (1999) wird des Nachts Menschenfett aus dem Müll von Kliniken gestohlen, um es in Seife zu verwandeln. Vielleicht hat das den Schweizer Künstler Gianni Motti zu einem Kunstwerk inspiriert. Nach einem Bericht der „Welt“ soll er aus dem 2004 in einer Klinik im Tessin abgesaugten Fett des ehemaligen italienischen Minis-terpräsidenten Silvio Berlusconi ein Stück Seife hergestellt haben. Das Werk trage den Namen „Mani Pulite“, was so viel wie „Saubere Hände“ bedeutet und damit auf die Korruptionsvorwürfe gegenüber Berlusconi anspielt. Im Jahr 2009 geriet Menschenfett noch einmal in die Schlagzeilen, als eine peruanische Bande fälschlicherweise bezichtigt wurde, dieses hergestellt und vertrieben zu haben. 

Autoren: Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim Winckelmann und Dr. Frank Ursin, Ulm