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Medizin

Adobe Stock/Kateryna Kon

Harnwegsinfekt – wann welche Therapie?

Auch wenn so manche Infektion der Harnwege von allein abheilt – oftmals ist ein Antibiotikum das Gebot der Stunde. Welche Optionen sind bei der Behandlung zielführend? Und was kann man den Patienten zur Prophylaxe empfehlen?

Interview mit Prof. Dr. med. Daniela Schultz-Lampel

Klagen Patienten über Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen, besteht der Verdacht auf eine akute Zystitis. An welche Differenzialdiagnosen ist sonst noch zu denken?
Prof. Dr. med. Daniela Schultz-Lampel: Vor allem bei Frauen, insbesondere jüngeren, könnte auch eine sexuell übertragene Erkrankung dahinter stecken. Das ist gar nicht so selten. Wir haben hier an der Klinik den Eindruck, dass Infektionen mit Chlamydien, Mykoplasmen oder Ureaplasmen immer häufiger werden und dass man sie oft gar nicht auf dem Schirm hat. Bei Frauen ist auch an eine Vaginitis zu denken. Seltener kann auch eine interstitielle  Zystitis vorliegen, bei der die Beschwerden nicht durch Bakterien ausgelöst werden.

Wie sieht beim Hausarzt die diagnostische Abklärung einer vermuteten Harnwegs­infektion aus?    
Werden Beschwerden wie Schmerzen beim Wasserlassen oder häufiges Wasserlassen geschildert, ist eine Nativurin-Untersuchung angezeigt – entweder mit einem Urinstreifentest, einer mikroskopischen Untersuchung oder auch einer Harnsediment-Untersuchung. Wenn dann das Nitrit positiv ist, Leukozyten oder auch Erythrozyten vorhanden sind – und die Patientin vielleicht in der Anamnese auch noch berichtet hat, dass sie im Kalten gesessen ist –, dann kann man davon ausgehen, dass es sich um eine Zystitis handelt.  

Bei der unkomplizierten Zytitis handelt es sich häufig um ein selbstlimitierendes Krankheitsbild. Wann ist eine Therapie dennoch angezeigt?
Ich persönlich bin eher jemand der sagt: Lieber gleich den Feind im Keim ersticken, also lieber gleich eine Einmalgabe von Fosfomycin verabreichen. Aber es gibt natürlich auch Patienten, die sagen: Bloß kein Antibiotikum!  Daher ist es wichtig, mit dem Patienten zu reden. Ich  erkläre ihm dann, dass er sehr wahrscheinlich einen Harnwegsinfekt hat und dass er diesen mit einem Antibiotikum vermutlich gleich wegbekommt. Aber wir können auch schauen, ob er in zwei, drei Tagen mit viel Trinken, mit phytotherapeutischen Maßnahmen wie zum Beispiel Angocin® oder Canephron® und der Einnahme von Ibuprofen auch verschwindet. Hier gibt es mittlerweile auch Studien, die untersucht haben, ob man mit der Antibiotikagabe tatsächlich zuwarten kann. Demnach kann das Antibiotikum auch erst dann gegeben werden, wenn sich nach zwei bis drei Tagen mit Ibuprofen keine Besserung der Symptome eingestellt hat.

Welchen Patienten raten Sie eher sofort zum Antibiotikum, welchen zum Zuwarten?
Wenn ein Patient eine hämorrhagische Zystitis hat und der Urin sichtbar blutig ist, würde ich nicht mit Ibuprofen und Phytotherapeutika zuwarten, sondern gleich ein Antibiotikum verordnen. Wenn es sich aber um moderate Beschwerden handelt, würde ich eher in Richtung auf ein Zuwarten beraten. So wichtig die Leitlinien sind, die das ja sehr stringent angehen, muss man als Arzt immer auch individuell auf den Patienten eingehen.

Könnten Phytotherapeutika bei ent­spre­che­n­den Anzeichen auch schon vor dem Arzt­besuch ein sinnvoller Ansatz sein?
Ja, wir empfehlen Phytotherapeutika gerne auch in der Prophylaxe. Wenn also zum Beispiel ein Patient zwei-, dreimal einen Harnweg­sinfekt hatte, dann  kann man sagen: Wenn Sie merken, so ein Infekt ist im Anflug, dann nehmen Sie gleich ein pflanzliches Präparat. Die meisten Patienten merken das ja oder befürchten es, zum Beispiel wenn sie im Kalten gesessen haben.

Manche Patienten stehen der Einnahme von Antibiotika grundsätzlich kritisch gegenüber. Welche Erfahrungen haben Sie hier?
Viele Patienten sagen ja „ich werde resistent!“. Dann  sage ich ihnen, dass sie sicherlich nicht resistent werden, sondern die Bakterien! Da sind viele ganz falsch informiert. Andere sagen, dass sie Sorge haben, ihre Darmflora damit zu schädigen oder dass sie Allergien bekommen. Hier reichen dann als Empfehlung ganz einfache Dinge wie probiotische Joghurts in der Regel aus. Dabei muss man aber auch sehen,  dass bei der unkomplizierten Zystitis die  Antibiotika nur über einen kurzen Zeitraum gegeben werden, die Darmflora ist dann in der Regel nicht extrem gefährdet.

Wann kommt die Einmalgabe eines Antibiotikums zum Einsatz, wann die Gabe über mehrere Tage?
Wenn es ein unkomplizierter Harnwegsinfekt ist bei einer Frau, die keine weiteren Risikofaktoren für eine Zystitis hat, also auch keinen Restharn oder eine Blasensenkung, da ist aus meiner Sicht die Einmalgabe von Fosfomycin gut.  Wenn dies allerdings schon in der Vergangenheit nicht geholfen hat oder danach nochmal ein Infekt aufgetreten ist, dann nehmen wir entsprechend der Leitlinie Nitrofurantoin, Pivmecillinam oder auch mal das Nitroxolin als Akuttherapeutikum über einige Tage.

Welche Fehler werden bei der Antibiotikatherapie Ihrer Erfahrung nach oft gemacht?
Leider werden die Fluorchinolone, zum Beispiel Ciprofloxacin, Levofloxacin und Ofloxacin, immer noch viel zu oft eingesetzt. Recht häufig werden auch noch Cotrimoxazol oder Trimethoprim verordnet, hier gibt es aber je nach lokaler Situation relativ viele Resis­tenzen.

Wer ist besonders disponiert für einen Harnwegsinfekt?
Bei manchen ist die Blasenschleimhaut empfindlicher, sodass die Bakterien dort besser andocken und zum Infekt führen können. Auch bei Restharnbildung oder wenn die Patienten zu selten auf die Toilette gehen, sodass zu viel Urin zu lange in der Blase steht, oder auch bei einer Blasensenkung ist das Risiko erhöht. Wesentlich ist zudem der Abstand zwischen Harnröhre, Scheide  und Anus. Bei Frauen mit sehr kurzem Damm kommt es schneller zu einer Keiminvasion.

Wann empfehlen Sie eine gezielte Prophylaxe?
Wenn jemand immer wieder zu Harnwegs­infekten neigt, empfiehlt sich tatsächlich eine gezielte Prophylaxe. Hier kommen zum Beispiel die Vakzinierungen mit Uro-Vaxom® oder StroVac® infrage, außerdem Phytotherapeutika sowie Instillationen, mit denen man die Blasenschleimhaut widerstansfähiger machen kann.

Interview: Birgit Bok