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Medizin

Impfung
Die Indikations­impfungen bei den Älteren und chronisch Kranken werden bei Weitem nicht in ausreichendem Maße wahrgenommen.
© Adobe Stock/goodluz

Impfquoten in Zeiten der COVID-19-Pandemie

Angesichts der Pandemie hat das Interesse der Bevölkerung an atemwegsübertragenen Erkrankungen deutlich zugenommen – und damit auch das Verständnis für die Sinnhaftigkeit entsprechender Impfungen. Wie schlägt sich dieser Einfluss in den Impfquoten bei Influenza, Pneumokokken und auch Herpes zoster nieder?

Die COVID-Impfung rückt in greifbare Nähe und damit auch ein mögliches Ende der Pandemie-Lage. Für eine Wirksame Impfstrategie auf dem Weg zur Herdenimmunität sind Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffes, Verfügbarkeit und hohe Durchimpfungsraten die entscheidenden Faktoren.
Aktuell lassen die veröffentlichten Daten noch keinen sicheren Schluss über die Wirksamkeit und Verträglichkeit der potenziellen Impfstoffe zu. Insofern ist es auch schwierig, eine sinnvolle Aussage darüber zu treffen, ob eine Impfung Sinn macht oder nicht, bzw. mit welchen Risiken oder welchem Nutzen sie verbunden ist. Interessant sind daher die Um-fragen, denen zufolge sich viele Deutsche schon sehr eindeutig positionieren, ob sie sich impfen lassen werden oder nicht: Während die Hälfte eine Impfung durchführen ließe, würden ca. 20% eine Impfung mit Sicherheit ablehnen. Dies sind meines Erachtens von beiden Seiten verfrühte Aussagen. Hier ist einfach etwas Geduld gefragt.

Mit der Aussicht auf eine baldige COVID-Impfung sollten wir aber die übrigen bereits von der STIKO empfohlenen Impfungen nicht aus den Augen verlieren. Hier sind Sicherheit und Wirksamkeit hinreichend bekannt und diskutiert, es scheitert vorwiegend an den Durchimpfungsraten. Dies betrifft insbesondere die Impfungen bei den Erwachsenen. Bei den Kinderimpfungen zeigt sich seit Jahren ein positiver Trend in Richtung der gesteckten Impfziele – beispielsweise 95% für zwei Masernimpfungen. Viel fehlt hier nicht mehr.

Influenza

Der rückläufige Trend bei den Durchimpfungsraten der über 60-Jährigen in den Jahren nach 2009/2010 (Durchimpfungsrate ca. 50%) mit einer Stagnation in den Folgejahren hat sich erfreulicherweise in den letzten Jahren zu einem positiven Trend entwickelt. Trotzdem ist man mit knapp 39% in der Saison 2019/2020 vom Ausgangswert in 2010 weit entfernt  – und noch weiter von den im nationalen Impfplan angestrebten 75%. Dabei sind die östlichen Bundesländer mit 57,1% deutlich besser aufgestellt als die westlichen Bundesländer (34,8%). Positiv zu sehen sind hier sicherlich die mit zunehmendem Alter deutlich steigenden Durchimpfungsraten, was auf eine bessere Wahrnehmung des Impfangebotes bzw. auf eine Fortführung regelmäßiger Impfungen, wenn einmal begonnen, schließen lässt.

Bei Personen mit einer Grunderkrankung verläuft die Kurve im zeitlichen Verlauf und in Bezug auf das Alter sowie lokale Verteilung ähnlich, bewegt sich aber  mit um die 30% auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Gerade bei den jungen Patienten besteht hier noch deutlicher Handlungsbedarf.

Dies trifft auch auf die Impfung bei Schwangeren zu, die ab dem zweiten Trimenon, bzw. bei Risiken ab dem ersten Trimenon, durchgeführt werden soll. Hier sind aktuell im bundesweiten Durchschnitt nur etwas mehr als 16% geimpft. Auf der anderen Seite zeigt sich hier in den letzten drei Jahren eine konsequente Steigerung und damit eine positive Entwicklung.

Pneumokokken

Auch bei der Pneumokokken-Impfung für die über 60-Jährigen ist seit 2019 ein bundesweiter Anstieg der Durchimpfungs-raten zu sehen. Allerdings wurden dabei nur Daten bis zum Alter von 72 Jahren erfasst. Im 1. Quartal 2020 lagen die entsprechenden Impfquoten im Schnitt bei 24,4%. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass die Quote bei den 72-Jährigen schon bei über 40% liegt. Die Impfung wird also mit zunehmendem Alter immer besser wahrgenommen. Hier besteht neben einer grundsätzlichen Steigerung der Durchimpfungsraten auch ein Bedarf, früher von der Impfung zu überzeugen.

Bei den Indikationsimpfungen wegen Grunderkrankungen sind die Impfquoten – ähnlich wie bei der Influenza – deutlich niedriger und steigen erst bei der zusätzlichen Indikation zur altersbedingten Impfung schlagartig an.

Herpes zoster

Erst seit Dezember 2018 liegt die Empfehlung der STIKO zur Impfung mit dem adjuvantierten Herpes-zoster- Totimpfstoff für alle Personen ab einem Alter von 60 Jahren und für Personen ab einem Alter von 50 Jahren mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer Grunderkrankung vor. Die Erstattung durch die GKV erfolgt seit März 2019.

Die in 2019 erreichten Impfquoten von 1,5% für die erste und 0,7% für die zweite Impfung suggerieren eine geringe Nachfrage nach der Impfung. Zu berücksichtigen ist sicher zum einen, dass es lange dauert, um eine Impfung in der Praxisroutine fest zu integrieren. Zum anderen war die Verfügbarkeit des Impfstoffes nur sehr eingeschränkt vorhanden. Das erklärt wahrscheinlich auch den Grund für die bis dato nur unzureichend umgesetzte zweite Impfung. Spannend wir die Entwicklung in den kommenden Jahren.

Ausblick

Die aktuelle COVID-Situation hat zu einer sehr starken Nachfrage nach einzelnen Impfungen geführt. Insbesondere die Influenza-Impfung und die Pneumokokken-Impfung wurden im Vergleich zu den Vorjahren deutlich häufiger eingesetzt. Die Sorge um die Impfstoffknappheit für beide Impfstoffe hat das Geschehen wahrscheinlich auch noch einmal befeuert.

Es ist absehbar, dass die Impfquoten in der Saison 2020/2021 deutlich ansteigen werden. Hier hat die COVID-19-Pandemie einen ausnahmsweise positiven Einfluss – mit gewachsenem Bewusstsein der Bevölkerung für den Sinn von Impfungen. Ziel wäre es dann, dieses Momentum zu nutzen und die voraussichtlich hohen Durchimpfungsraten in die Folgesaison mitzunehmen und auszubauen.

Dr. med. Markus Frühwein, München