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Medizin

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Impfungen in der Schwangerschaft

Die immunologische Situation in der Schwangerschaft ist komplex: Zum einen ist das Risiko für schwerere Verläufe von Infektionserkrankungen erhöht, zum anderen ist auch der Schutz des Fetus und postpartal des Neugeborenen besonders wichtig.

Dr. med. Markus Frühwein, München

Ein adäquater Impfschutz  spielt  für Mutter und Kind eine besonders wichtige Rolle. Impfungen wirken auch in der Schwangerschaft. Die Immunantworten auf natürliche Infektionen und Impfungen ähneln denen von Nicht-Schwangeren, auch wenn die spezifische T-Zell-vermittelte Immunantwort eher schwächer und die Antikörperbildung stärker ist. Neben der Schließung vorhandener Impflücken im gebärfähigen Alter gibt die STIKO klare Empfehlungen zur Impfung in der Schwangerschaft mit den Zielen

  • des direkten Individualschutzes der geimpften Schwangeren vor der jeweiligen Infektionskrankheit
  • der Verhinderung von schädlichen Auswirkungen auf den Schwangerschaftsverlauf
  • des Erreichens eines optimalen Nestschutzes für das Neugeborene und den jungen Säugling.

Totimpfstoffe gelten in der Schwangerschaft und Stillzeit als sicher und gut verträglich, sollten aber im ersten Schwangerschaftsdrittel nur in dringlichen Fällen gegeben werden, um Zusammenhänge zwischen Impfungen und in diesem Schwangerschaftszeitraum häufigen Spontan­aborten zu vermeiden. Lebendimpfungen sollten vermieden werden.
Die STIKO empfiehlt, in der Schwangerschaft insbesondere die Impfungen gegen Pertussis und Influenza durchzuführen.

Influenza
Die STIKO empfiehlt für alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon eine Impfung mit einem inaktivierten quadrivalenten Influenzaimpfstoff mit der aktuellen Antigenkombination nach Empfehlungen der  Weltgesundheitsorganisation (WHO). Liegt eine erhöhte Gesundheitsggefährdung wegen eines Grundleidens vor, soll die Impfung schon ab dem 1. Trimenon erfolgen.
Die Influenza ist in der Schwangerschaft mit einem erhöhten gesundheitlichen Risiko assoziiert. Insbesondere  Pneumonien und Hospitalisationen kommen häufiger vor als bei Nichtschwangeren. In Bezug auf die Schwangerschaft steigt bei einer Infektion das Risiko für Früh­geburten, Totgeburten und Kaiserschnitte. Auch Neugeborene sind durch eine Influenza-Infektion gefährdet, beispielsweise durch Komplikationen wie Fieberkrämpfe. Da die Influenza-Impfung erst ab einem Alter von 6 Monaten zugelassen sind, kommt dem Nestschutz hier eine besondere Bedeutung zu.
Auch wenn die Wirksamkeit der Influenza-Impfung hinsichtlich laborbestätigter influenzabedingter Arztkonsultationen bei Erwachsenen nach Berechnungen des CDC median nur ca. 50% beträgt, ergibt die Impfung Sinn, da hier mit einer sicheren und gut verträglichen Impfung Erkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen und Hospitalisationen verhindert werden können.

Pertussis
Keuchhusten ist eine weit unterschätzte Erkrankung bei Erwachsenen und damit auch bei Schwangeren, auch wenn die Infektion überwiegend im Kindes- und Jugendalter auftritt.
Bordetella pertussis wird durch Tröpfcheninfek­tion übertragen und ist hochkontagiös. Man rechnet mit ca. 5 weiteren Ansteckungen pro Infiziertem. Die jährliche Inzidenz ist mit  10 bis 40 Erkrankten pro 100.000 Einwohnern  sehr hoch, die Infektionskrankheit dauert typischerweise mehrere Wochen bis Monate. Bei Erwachsenen kann es zu Komplikationen wie Pneumonien, Harninkontinenz oder Rippenfrakturen kommen.
Da die Erkrankung bei Erwachsenen in Bezug auf die Symptomatik auch häufig atypisch verläuft, werden viele Pertussis-Fälle nicht diagnostiziert. Diese spielen jedoch eine große Rolle bei der Übertragung auf Ungeschützte. Gerade Säuglinge sind hier besonders gefährdet, z. B. durch lebensbedrohliche Komplikationen wie Apnoen.  Damit spielt zum einen die frühe Impfung der Säuglinge, nach Empfehlungen der STIKO beginnend  mit 2 Monaten, sowie der Nestschutz durch die zeitgerechte Impfung der Mutter in der Schwangerschaft eine entscheidende Rolle.
Die STIKO empfiehlt seit März 2020 die Pertussis-Impfung mit einem Tdap-Kombinationsimpfstoff in der Schwangerschaft. Eine Impfung vor der Schwangerschaft reicht nicht aus für einen optimalen Schutz des Neugeborenen. Einzel­impfstoffe stehen nicht zur Verfügung. Für alle Schwangeren ist eine Impfung zu Beginn des 3. Trimenons (28.–32. Schwangerschaftswoche) vorgesehen. Bei erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt soll die Immunisierung bereits im 2. Trimenon erfolgen. Sie ist  unabhängig vom Abstand zu früheren Pertussis-Impfungen und in jeder Schwangerschaft durchzuführen. Damit lassen sich Schutzraten von über 90% vor Pertussis-Erkrankung, Pertussis-bedingter Hospitalisierung und Tod in den ersten 3 Lebensmonaten für den Säugling erreichen. Wenn die Impfung nicht während der Schwangerschaft erfolgt, sollte die Mutter weiterhin in den ersten Tagen nach der Geburt geimpft werden. Die Impfung, wie auch durchgemachte Infektionen, hinterlässt nur eine zeitlich begrenzte Immunität.
Die Sicherheit der Impfung wurde in drei randomisierten kontrollierten Studien und elf nicht­randomisierten Studien mit einer Gesamtstudienpopulation von 1,4 Millionen schwangeren Frauen nachgewiesen. Die Impfung zeigte sich als gut verträglich.
Auch enge Haushaltskontaktpersonen sollten zum Schutz des Neugeborenen bis vier Wochen vor der Geburt eine Dosis Pertussis-Impfstoff als In­­di­kations-Impfung erhalten, soweit keine Impfung in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat.
Die durch die Impfung in der Schwangerschaft übertragenen Antikörper können beim Säugling die messbare Immunantwort auf die  ersten Impfungen beeinträchtigen. Dieser Effekt klingt jedoch bis zum Abschluss der Grund­immunisierung vollständig ab. Klinische Studien zeigten außerdem kein erhöhtes Risiko für eine Pertussiserkrankung bei Säuglingen geimpfter Mütter nach den ersten drei Impfdosen.
Auch die Koadministration mit der Influenza-Impfung geht nicht mit einem erhöhten Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen einher und ist daher möglich.

Quelle:  Dr. med. Marianne Röbl-Mathieu et al. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 262-8