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Medizin

Symbolbild Brustkrebs
Die Brustkrebs-Konsensuskonferenz SG-BCC findet alle zwei Jahre – normalerweise in Wien – statt:
© Colourbox

Primärtherapie des frühen Brustkrebs: Die neuen Empfehlungen

Die Internationale Brustkrebskonferenz SG-BCC fand in diesem Jahr nicht wie geplant in Wien, sondern vom 17. bis 21. März rein virtuell statt. Die Empfehlungen für das therapeutische Vorgehen beim frühen Brustkrebs wurden an den beiden letzten Kongresstagen erarbeitet. Ein Überblick

Hereditärer Brustkrebs:

Die erste Fragerunde befasste sich mit der Identifizierung von Frauen mit hereditärem Brustkrebs und dem Vorgehen in dieser Situation. Gut drei Viertel der Experten plädierten dafür, Frauen mit frühem Brustkrebs, bei denen anhand von Familienanamnese, Alter und Tumor-Subtyp von einem mehr als 10%igen Risiko für eine vererbte Mutation auszugehen ist, die genetische Testung anzubieten. Bei der Testung sollten Multigen-Panels verwendet werden, die neben BRCA1/2-Mutationen auch Alterationen in zwölf weiteren Genen wie PALB2, PTEN oder TP53 nachweisen (67% Zustimmung).

Prophylaktische Mastektomie bei Mutation im PALB2-Gen:

Bei der Frage, ob bei Frauen mit einer Mutation im PALB2-Gen eine prophylaktische Mastektomie gerechtfertigt ist, zeigte sich das Panel gespalten: Jeweils 50% stimmten für bzw. gegen diese Operation. Prof. Judy Garber, Boston, wies darauf hin, dass PALB2-Mutationen ähnlich wie BRCA1/2-Mutationen mit einem hohen Lebenszeitrisiko für Brustkrebs einhergehen, sodass sie die prophylaktische Mastektomie bei jungen Frauen und positiver Familienanamnese für gerechtfertigt hält.
Bei einer jungen 40-jährigen Frau mit hoch penetranten Brustkrebsgenen wie BRCA1/2 und PALB2 sprachen sich entsprechend 85% der Experten, bei einer 60-jährigen Frau nur 46% für die prophylaktische Mastektomie aus. Ein Drittel hält bei älteren
Risikopatientinnen eine intensivierte Überwachung inklusive Kernspintomografie für ausreichend.
Geht die adjuvante Therapiestudie OlympiA mit Olaparib bei Frauen mit BRCA-mutiertem frühen Brustkrebs positiv aus, sollte der PARP-Inhibitor nach Meinung von 56% der Panelisten allen Patientinnen, die potenzielle Kandidatinnen für Olaparib sind, angeboten werden. 20% votierten dafür, diese Therapie Patientinnen mit einem mehr als 10%igen Risiko für eine vererbte Mutation zukommen zu lassen.

Langzeitüberleben und Lebensqualität:

Dieses Thema wurde kurz diskutiert – so die Frage, ob Patientinnen mit ausgeprägten Beschwerden im Genitalbereich und  beim Geschlechtsverkehr intravaginale Östrogene zur Symptomlinderung empfohlen werden können. Drei Viertel der Experten bejahten dies unter der Voraussetzung, dass darüber ausgeklärt wird, dass die Sicherheit dieses Vorgehens nicht definitiv feststeht. Fast 70% würden Frauen, die eine zur Alopezie führende Chenotherapie erhalten, zur Prophylaxe Kältekappen anbieten. 

Oligometastasierter Brustkrebs:

Neu war die Diskussion zum oligometastasierten Brustkrebs. Bei einer Frau mit einem Mammakarzinom im Stadium T2 N1 und einer bioptisch gesicherten isolierten Metastase im Sternum sprachen sich 85% der Panelisten für ein Vorgehen in kurativer Intention einschließlich optimaler lokaler und zytostatischer Therapie sowie Bestrahlung aus. Bei einem Tumor im Stadium T2 N1 mit einer einzigen lokal behandelbaren Metastase (z.B. in Knochen oder Lunge) votierten 82% für ein kuratives Vorgehen mit optimaler System- und Lokaltherapie sowie Behandlung der Einzelläsion.

Dieses Vorgehen entspricht den ESMO-Konsensus-Empfehlungen, konstatierte Prof. Fatima Cardoso, Lissabon: Danach ist bei oligmetastatischer Erkrankung unabhängig vom biologischen Tumor-Subtyp ein multimodaler Ansatz einschließlich lokoregionaler Therapien in potenziell kurativer Absicht indiziert, wobei die Lokaltherapie erst nach Abschluss der Systemtherapie zum Einsatz kommt.

Bei einer Frau im Stadium T2 N1 und mehr als drei Knochenmetastasen, bei der die sechsmonatige Systemtherapie zu einer Komplettremission in Brust und Axilla und einem Ansprechen der Knochenmetastasen geführt hat, sprachen sich fast 70% für ein palliatives Konzept zur lokalen Tumorkontrolle aus.

Cardoso kritisierte dieses Votum: Ein palliativer Ansatz entspricht nach ihren Worten nicht den ESMO-Empfehlungen. Nur knapp 30% stimmten für eine multimodale Therapie inklusive lokoregionaler Maßnahmen nach kurativen Standards und folgten damit dem ESMO--Konsensus.

Adjuvante Therapie bei ER-positivem Brustkrebs:

Die adjuvante Therapie mit Abemaciclib beim ER-positiven Brustkrebs, über die in drei Fragen abgestimmt wurde, ist noch kein Standard: So votierten 54% für die Gabe des CDK4/6-Inhibitors bei Frauen mit vier oder mehr positiven Lymphknoten, 46% dagegen.
Ebenfalls gespalten mit 46% Ja- und 54% Nein-Stimmen war das Panel bei der Frage, ob Frauen mit ein bis drei befallenen Lymphknoten und Grad-3-Tumoren oder hohem Ki-67 Abemaciclib erhalten sollten. 60% sprachen sich gegen die Ki-67-Testung als Selektionskriterium für die adjuvante CDK4/6-Inhibition aus.
Laut Prof. Nadia Harbeck, München, sollte diese Therapie Frauen angeboten werden, die die Einschlusskriterien der monarchE-Studie erfüllen. Als weitere Gruppe, die dafür in Frage kommt, nannte sie Frauen mit hohem Rezidi-risiko in Genexpressionstests. Außerdem plädierte sie für die routinemäßige Ki-67-Bestimmung, da diese relevant für die Therapieentscheidung sei.

Das Konsensus-Panel

Das internationale Konsensus-Panel der Brustkrebskonferenz, das unter der Leitung von Prof. Eric Winer, Boston, an zwei Nachmittagen die Empfehlungen zur Primärtherapie des frühen Mammakarzinoms erarbeitete, umfasste 60 Mitglieder – darunter die deutschen Experten Prof. Sara Brucker, Tübingen, Prof. Carsten Denkert, Marburg, Prof. Nadia Harbeck, München, Prof. Jens Huober, Ulm, und Prof. Sibylle Loibl, Frankfurt. Die rund 160 Fragen zum Brustkrebs-Management waren in diesem Jahr bereits vorab von den Panel-Mitgliedern beantwortet worden, um technische Probleme während der virtuellen Konsensuskonferenz zu vermeiden. Auch hatten erstmals die Zuhörer die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die in mehreren Live-Schaltungen unter Leitung von Prof. Michael Gnant, Wien, von den Experten beantwortet wurden.

Dr. Katharina Arnheim

Quelle: 17th St. Gallen International Breast Cancer Conference 2021 vom 17. bis 21. März 2021