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Medizin

Histologie
Elongierte Reteleisten mit Ausdünnung der
suprappillären Epidermis sowie Hypogranulose und Ödem der papillären Dermis.
© Kauczok

Kasuistik: Ein Muttermal mit Schuppenflechte?

Was hat es mit dem ungewöhnlichen melanozytären Nävus auf sich? Eine dermatohistologische Kasuistik von Professor Claudia Kauczok aus Würzburg

Im Rahmen des Hautkrebsscreenings wurde der 38-jährige Patient bei unserer Einsenderin vorstellig. Am Abdomen zeigte sich ein dermatoskopisch auffälliges Muttermal, welches daraufhin in Lokalanästhesie exzidiert und zur feingeweblichen Untersuchung zu uns eingesandt wurde.

Histologie

Unter dem Mikroskop kommt eine ausgeprägt papillomatös strukturierte benigne melanozytäre Läsion vom kongenitalen Bautyp zur Darstellung. In den Randbereichen zeigt sich eine Hyperkeratose, teils mit konfluierender Parakeratose und Ansammlung von neutrophilen Granulozyten (sog. Munro-Mikroabszesse). Auch elongierte Reteleisten bei Ausdünnung der
suprapapillären Epidermis und ein Verlust des Stratum granulosums finden sich in den Randbereichen des melanozytären Nävus. In den Präparatespitzen zeigt sich eine superfizielle perivaskuläre Entzündung mit Lymphozyten und neutrophilen Granulozyten, allesamt feingewebliche Kriterien einer Psoriasis. Der melanozytäre Nävus  zeigt sich im Gesunden entfernt, so dass dahingehend keine weitere Therapie erforderlich ist.

Diagnose

Der Patient leidet seit fünf Jahren an einer Psoriasis vulgaris. Diese ist aber insgesamt immer eher gering ausgeprägt mit Plaques an den Ellenbogen, vereinzelt am Rücken und den Unterschenkelstreckseiten. Kurz vor der Biopsie wies der Patient zusätzlich auch Nagelveränderungen im Rahmen der Erkrankung auf. Therapeutisch waren bisher diverse topische Therapien mit Salicylsäure und Calcipotriol in Kombination mit Kortikosteroiden ausreichend, eine Licht- oder eine systemische Therapie waren  nicht erforderlich.

Einige für die Melanogenese wichtige Zytokine sind auch an der Pathogenese der Psoriasis beteiligt. So konnte gezeigt werden, dass Menschen mit Schuppenflechte insgesamt weniger Muttermale haben bzw. entwickeln – auch im innerfamiliären Vergleich. Vermutet wird deshalb, dass das proinflammatorische Zytokin-Netzwerk (insbesondere IL-1α, IL-6 und TNFα) in psoriatischer Haut die Bildung von Melanin hemmt und damit das Melanozytenwachstum und die Entstehung von „Muttermalen“, also die Vermehrung von Pigmentzellen. Die Expression dieser Zytokine ist im peripheren Blut bei Psoriasispatienten höher. Die Schuppenflechte manifestiert sich jedoch eher nicht auf Muttermalen, sondern bevorzugt Areale ohne eine melanozytäre Proliferation. Klinisch sowie auch mittels eines Operationsmikroskops sehen wir keine psoriatischen Veränderungen auf den Muttermalen eines erkrankten Patienten. Selbst feingeweblich ist das beschriebene Muttermal unseres Patienten eine große Ausnahme. Die überwiegende Zahl exzidierter Nävi zeigt auch unter dem Mikroskop keine Veränderungen, wie sie für eine Psoriasis typisch sind, selbst nicht in der periläsionalen Haut.

Biologika und Nävi

Nicht alle Psoriasispatienten kommen mit einer topischen Therapie, wie in unserem Falle, zurecht. Wenn der Einsatz von krankheitsmodifizierenden Medikamenten allein nicht mehr ausreichend ist, kommen bei Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Plaquepsoriasis Biologika ins Spiel. Diese binden z.B. sowohl den löslichen als auch den membrangebundenen Botenstoff TNF-α. Bei diesen Patienten zeigt sich dann eine höhere Anzahl von Nävi. Die Anzahl eingesetzter Biologika zeigt sich als Risikofaktor für eine erhöhte Zahl an Muttermalen, wobei die Schwere der Schuppenflechte hier nicht korreliert. Der Einsatz von diesen Blockern hebt also die Melanogenese hemmende Wirkung der Schuppenflechte auf. Ob hierdurch auch das Risiko einer Melanomentstehung bei der Gruppe von Psoriasispatienten, die mit TNF-α Blockern behandelt werden, erhöht ist, darüber gibt es aktuell noch eine sehr diskrepante Datenlage.

Fazit

Eine Psoriasisplaque, die sich in die Nähe eines Nävus traut, ist etwas Seltenes. War in unserem Fall die Anziehungskraft des Muttermals so groß? Dankbar sehen wir hier also den Kolibri unter dem Mikroskop, der bereits im Randbereich der melanozytären Läsion sowie auch in der periläsionalen Haut deutliche Zeichen einer Schuppenflechte aufweist.

Ein besonderer Dank gilt Frau Dr. Flegl, Hautärztin in Möhringen, für die Einsendung des Gewebsmaterials und die tolle Kooperation.


Autorin:
Prof. Dr. med. Claudia Kauczok
Fachärztin für Dermatologie,
Zusatzbezeichnung Dermatohistologie
Zentrum für Dermatohistologie und Oralpathologie, Würzburg-Tübingen

www.dermatohistologie-wuerzburg.de