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Dermatologie

Prof. Dr. med. Tilo Biedermann,
Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein,
Technische Universität München
© Biedermann

Systemtherapie bei Psoriasis & Co: Besonderheiten in der Pandemie

Die dritte Corona-Welle scheint überwunden, die Impf-Priorisierung ist aufgehoben. Warum es wichtig ist, eine gut eingestellte Biologika-Therapie weiterzuführen und was es hinsichtlich der Corona-Impfung von Patienten mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen zu beachten gilt – ein Gespräch mit Professor Tilo Biedermann, Past-Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft.

Herr Professor Biedermann, inzwischen begleitet uns das Thema Corona bereits seit über einem Jahr. Was sind die Lehren aus der Pandemie hinsichtlich des Einsatzes von Biologika bei chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen?

Prof. Biedermann: Zu Anfang der Pandemie herrschte eine große Verunsicherung sowohl bei Patienten aber auch bei den Ärzten hinsichtlich der Auswirkungen einer Biologika-Therapie auf eine mögliche Corona-Infektion. Einsichten in ihre Wirkweise zusammen mit neueren Real-Life-Daten weisen aber darauf hin, dass der Einsatz von Biologika bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen zumindest nicht wesentlich zu schweren COVID-19-Verläufen beiträgt. Das muss natürlich hinsichtlich der Zielstrukturen differenziert werden, aber beispielsweise eine Therapie der mittelschweren bis schweren atopischen Dermatitis mit dem Antikörper Dupilumab, welcher eine Typ-2-Inflammation selektiv supprimiert mit dem Interleukin-4-Rezeptor als Target hat nach heutiger Erkenntnis keinen negativen Einfluss auf die frühe Immunantwort gegen SARS-CoV-2. Diese Therapie kann daher beibehalten werden.

Und wie stellt sich die Situation bei anderen chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen wie der Psoriasis oder der chronisch spontanen Urtikaria dar?

Insbesondere bei der chronisch spontanen Urtikaria ist die Blockade der IgE-Antikörper mittels Omalizumab völlig unbedenklich für die Kontrolle des Corona-Virus.  Aber auch ein moderne Psoriasis-Therapie mit beispielsweise IL-23-, IL-17- oder TNF-Antikörpern stellt weniger ein Problem dar als zunächst angenommen: Hier werden Qualitäten des Immunsystems blockiert, die keine ganz zentrale Bedeutung für eine gute anti-virale Immunantwort haben. Daher haben wir hier folgenden Konsensus gefunden: Liegt eine schwere chronisch-entzündliche Hauterkrankung vor, überwiegt in der Nutzen-Risiko-Abwägung für unsere Patienten meist, die Grunderkrankung optimal zu behandeln gegenüber dem Aussetzen der Therapie. Gerade bei der Psoriasis geht es ja um eine systemisch wirksame Entzündung, die auch die Gefäße betrifft und wir wissen, dass das Risiko bei und für schwere COVID19-Verläufe  auch auf der Ebene der Gefäße anzusiedeln ist. Eine gute Therapie kann hier Positives bewirken.

Die Impfkampagne schreitet voran und die Priorisierung wurde aufgehoben. Was muss hinsichtlich der Impfung gegen SARS-CoV-2 unter einer Biologika-Therapie bedacht werden?

Viele meiner Risikopatienten sind in der Tat bereits geimpft oder werden es gerade. Wir stimmen nun unsere Therapien auf die Impfung ab und achten dabei darauf, dass beides möglichst wenig interferiert. Bei den Biologika der Psoriasis, die zum Beispiel in größeren Abständen gegeben werden, empfiehlt man die Impfung eher in die Phase zu legen, in der das Medikament nicht frisch verabreicht wurde. Wenn man bedenkt, dass die Impfantwort circa zwei Wochen braucht, um sich voll entfalten zu können, dann sollte man von der nächsten Gabe des Biologikums entsprechend mindestens zwei Wochen zurück rechnen und ungefähr dann die Impfung planen – wenn man die Möglichkeit dazu hat. Im Einzelfall könnte man auch das Intervall zwischen der Biologika-Gabe etwas verlängern. Oberstes Ziel ist es, den Patienten gesund zu halten.

Was gilt es bei neu einzustellenden Patienten zu beachten, die vermutlich in nächster Zeit ein Impfangebot bekommen?

In der Tat ist hier die Frage: Können oder sollten wir die Therapie-Einleitung verschieben, weil eine Immunantwort auf die Impfung dann eventuell besser ausfällt? Oder kann man das unabhängig  voneinander auf den Weg bringen? Wir wissen zum Beispiel, dass wir bei einer mittelschweren bis schweren atopischen Dermatitis eine Therapie mit Dupilumab einleiten können, ohne dass dies voraussichtlich die Immunantwort auf die Impfung einschränken wird. Im Gegenteil – vielleicht wird dies den Patienten sogar nützen.

Und wenn andere Therapieklassen für die Behandlung der Psoriasis eingesetzt werden, wie zum Beispiel Immunsupressiva?

Aus Untersuchungen mit anderen Impfstoffen wissen wir, dass es zum Beispiel unter der Gabe von Methotrexat eine leichte Beeinträchtigung der Impfantwort geben kann. Das ist vermutlich nicht dramatisch und gerade bei den derzeit zugelassenen Impfstoffen, bei denen sowieso noch eine zweite Impfung erfolgt, kann das womöglich ausgeglichen werden. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass statistisch betrachtet am Ende vielleicht einige Patienten mehr trotz Impfung eine Corona-Infektion durchmachen müssen.
Es gibt eine Studie, die gezeigt hat, dass das Aussetzen von Methotrexat nach der Impfung für die zwei Wochen danach zumindest die Impftiter wieder normalisiert. Das ist keine Untersuchung bei Corona-Impfungen, das sind Analogschlüsse und ist work in progress. Es ist und bleibt immer eine individuelle Entscheidung für jeden Patienten und jedes Präparat: Entweder durchtherapieren, um nicht zu riskieren, dass schwierig einzustellende Patienten wieder aus dem Lot geraten, oder aber der Patient ist stabil genug, dass man zwei Wochen auf die Therapie wie zum Beispiel bei Methotrexat verzichten kann.

Interview: Martha-Luise Storre