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Medizin

Scharf begrenzte multilobuläre Epithelproliferation mit zentraler Verhornung
© Kauczok

Kasuistik: Rote Papel am rechten Großzeh

Woher stammt die Läsion am Großzeh der Patientin? Ist es ein Hämangiom? Oder vielleicht ein amelanotisches Melanom? Eine dermatohistologische Kasuistik von PD Dr. med. Claudia Kauczok, Würzburg.

Die 42-jährige Mutter zweier Kinder im Schul- und Kindergartenalter, wurde in der Praxis unseres Einsenders vorstellig. An der rechten Großzehe hatte sich in relativ kurzer Zeit eine rundliche rötliche Papel entwickelt, die die sonst hautgesunde Patientin beunruhigte. Aufgrund der permanenten mechanischen Alteration durch Schuhwerk, zeigte sich die 5mm große Läsion abgeflacht. Klinischerseits wurden die Verdachtsdiagnosen eines Hämangioms und eines amelanotischen Melanoms genannt, die Veränderung wurde aus diesem Grunde exzidiert.

Histologie und Klinik

Unter dem Mikroskop zeigt sich ein Gewebsstück mit einer leichten zentralen Einziehung der Epidermis, die sich akanthotisch zeigt als Ausdruck der mechanischen Irritation. Prominent darunter findet man einen kugeligen, mehrlappigen und akanthotischen Tumor, der zahlreiche ovale, eosinophil leuchtende Einschlusskörperchen beherbergt – sogenan-nte Molluscumkörperchen. Ein amelanotisches Melanom konnte somit ausgeschlossen und die Patientin beruhigt werden.

Diagnose

Das Molluscum contagiosum (MC) entsteht mit einer Inkubationszeit von 14 bis 50 Tagen mittels einer streng epidermotropen Infektion. Das MC-Virus ist ein Quadervirus aus der Gruppe der Pockenviren. Klinisch zeigen sich einzelne, gruppiert oder disseminiert auftretende, breitbasig aufsitzende 2–5 mm große Knötchen mit einer zentralen Eindellung, daher auch im Volksmund als Dellwarzen bezeichnet. Sie zeigen sich hautfarben oder blass-rosa und aus dem zentralen Krater lassen sich von der Seite Zelldetritus sowie die Molluscumkörperchen mit hoher Viruslast exprimieren. Die Übertragung erfolgt durch Schmierinfektion, was man sich durch die leicht zugängliche Virusmasse gut vorstellen kann. Die Verbreitung erfolgt klassisch von Mensch zu Mensch, aber auch über materielle Infektionsträger wie Handtücher oder Kleidung. Bei Kindern manifestieren sich die Dellwarzen in der Regel im Gesicht, am Stamm, in den Axillen und an den Extremitäten, nur selten jedoch palmoplantar.
Kinder reiben sich häufig die Augen, wenn sie müde werden. Als Vorbereitung auf den Schlaf drosseln die Tränendrüsen ihre Produktion und wenn die Augen dann noch offen sind, beginnen sie zu jucken. Bei betroffenen Kindern führt dies zu einer massiven Aussaat der Mollusken periorbital.
Auch bei Patienten mit chronischen Dermatitiden, wie beispielsweise einer Neurodermitis oder auch einer Psoriasis vulgaris, können sich durch die gestörte zelluläre Immunität und Hautbarriere multiple Mollusken – ein sogenanntes Ekzema molluscatum – entwickeln.
Sind sonst hautgesunde Erwachsene betroffen, liegt zumeist eine massive Immunsuppression vor, z.B. im Rahmen einer HIV-Infektion. Unsere Patientin bekam diese singuläre Läsion durch das Jüngere ihrer beiden Kinder übertragen. Es wies einzelne Mollusken im Gesichtsbereich auf und schlich sich heimlich jeden Morgen in das elterliche Bett. Und da genau ans Fußende, was die ungewöhnliche plantare Lokalisation erklärt.

Therapie

Die Therapie kann bei einzelnen Läsionen mittels Exzision respektive Kürrettage bzw. Ausschaben oder Exprimieren erfolgen. Sollten mehrere Läsionen vorherrschen, kann mit Kryotherapie gearbeitet werden oder auch topisch Vitamin A-Säure angewandt werden. Ebenso können lokal zu applizierende toxische Agenzien wie z.B. 5-Fluoro-uracil zur Anwendung kommen, jedoch kann dies zu Verätzungen führen. Die Patienten müssen darüber intensiv aufgeklärt werden. Bei Kindern kann neben dem Exprimieren und der Kryotherapie sowie auch der Behandlung mit reiner Vaseline Cantharidin eingesetzt werden – ein Naturstoff aus der Gattung der Terpenoide. Bei sehr ausgedehntem Befall bei Kindern kann auch eine Entfernung der Läsionen unter Vollnarkose erforderlich sein, daher sollte frühzeitig die konsequente Therapie einzelner Dellwarzen erfolgen

Das Auftreten von mehreren Dellwarzen bei hautgesunden Erwachsenen erfordert eine gründliche Anamnese wie in unserem Fall. Sollte diese leer bleiben, muss dringend eine gründliche Diagnostik hinsichtlich einer bisher nicht bekannten Immunsuppression durchgeführt werden, um diese zu entlarven und entsprechend zu therapieren.

PD Dr. med. Claudia Kauczok
www.dermatohistologie-wuerzburg.de

Ein besonderer Dank gilt Herrn Dr. med. Jürgen Arnold, Hautfacharzt in Ochsenfurt, für die Einsendung des Gewebsmaterials und die Erhebung der zielführenden Anamnese.