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Medizin

Dr. med. Dennis Bösch
Dr. med. Dennis Bösch, Chefarzt der
Medizinischen Klinik V, Donau-Isar-Klinikum, Standort Landau
© privat

Kollateralschäden durch Corona

Verschobene Kontrolltermine, verzögerte Abklärungen, eingeschränkte Kapazitäten – in Zeiten der Corona-Pandemie stellt längst nicht mehr allein die unmittelbare Bedrohung durch den SARS-CoV-2-Erreger eine Gefahr dar. Kollateralschäden entstehen auf ganz verschiedenen Ebenen und in sämtlichen Lebensbereichen und lassen die Opferzahlen weiter steigen.

Die Corona-Pandemie geht im Besonderen auch mit medizinischen Sekundär- bzw. Begleitschäden einher. Zum einen sind es die (auferlegten) Einschränkungen des Gesundheitssystems, die die Versorgung abschwächen. Zum anderen konterkariert das durch Angst getriebene veränderte Verhalten der Patienten eine Versorgung auf gewohnt hohem Niveau.

Besonders in der Pneumologie ist die Verunsicherung groß. Schließlich leiden die meisten Patienten in unserem Fachgebiet in irgendeiner Weise an Husten und/oder Dyspnoe. Bei neuen Erkrankungen oder Veränderungen chroni-scher Leiden muss jetzt differenzialdiagnostisch auch immer an COVID-19 gedacht werden. Hinzu kommt, dass sich viele chronische Patienten in besonderem Maße als gefährdete
Risikopatienten sehen.

Aus Angst vor einer potenziellen Gefahr werden reale Bedrohungen seitens der Patienten verdrängt und so das gesundheitliche Risiko an einer anderen Stelle vergrößert. Es ist kaum anders zu erklären, dass für viele akute Erkrankungen wie beispielsweise den Herzinfarkt in den letzten Monaten ein Rückgang von rund einem Drittel der Fallzahlen zu verzeichnen ist. Tägliche Nachfragen seitens der Patienten und leere Wartezimmer bestätigen die Situation. Diese Effekte können weitreichende Spätfolgen haben und im Laufe der Zeit zu einer erhöhten Morbidität und Mortalität führen. Wir haben in unserer klinischen Praxis mehrere Patienten gesehen, bei denen die Abklärung pulmonaler Raumforderungen erst verzögert eingeleitet werden konnte, und andere mit chronischer Lungenerkrankung, die ihre Kontrolltermine nicht mehr wahrnahmen und deren Erkrankung sich über die letzten Wochen verschlechtert hat.

Auf der anderen Seite ist das medizinische Angebot aus Furcht vor einer überwältigenden Krankheitswelle an vielen Stellen (vorübergehend) gekürzt worden und unterliegt bis heute einschränkenden Auflagen, die das Gesundheitssystem über Monate hinweg behindern. Die verzögerte Abklärung und Behandlung maligner Grunderkrankungen bietet zum Teil ein dramatisches Bild. Verzögerungen von zwei bis drei Monaten in der Abklärung beispielsweise eines Bronchialkarzinoms führen unweigerlich zu einer erhöhten Rate an metastasierten Fällen und entsprechender Verschlechterung der Prognose.

Langfristige psychische Effekte von Social Distancing lassen sich heute nur erahnen. Sicher ist: Das Coronavirus kann der Gesundheit von Menschen auf mannigfache Weise schaden – auch ohne Infektion. Wir sind alle gefordert, neben den direkten Gefahren auch die indirekten Auswirkungen und die potenziellen Begleitschäden zu berücksichtigen, um so den Gesamtschaden möglichst gering zu
halten.

Dr. med. Dennis Bösch