Newsletter

Medizin

Prof. Georg Schett
Prof. Georg Schett, Direktor der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie des Uni-Klinikums Erlangen
© SIMOarts.com

CAR-T-Zelltherapie erstmals bei systemischem Lupus erfolgreich

in der Hämatoonkologie wird die CAR-T-Zelltherapie bereits bei verschiedenen Indikationen mit vielversprechenden Ergebnissen eingesetzt. Neu ist die Anwendung bei Autoimmunerkrankungen am Uniklinikum Erlangen-Nürnberg – Kasuistik

Mit Gelenkschmerzen und einem roten Gesichtsausschlag fing es an: Die damals 16-jährige Patientin hatte bereits mehrere ärztliche Untersuchungen in drei Städten hinter sich, als sie im Februar 2017 am Universitätsklinikum Erlangen die Diagnose erhielt: Systemischer Lupus erythematodes (SLE).

Das Immunsystem unterscheidet in der Regel zwischen fremden und körpereigenen Zellen. Dabei wird das Eigene toleriert und das Fremde angegriffen, um den Organismus beispielsweise vor Viren und Bakterien zu schützen. „Beim SLE spielen Teile des Immunsystems verrückt und bilden Antikörper gegen die eigene Erbsubstanz, was unweigerlich zu schweren Entzündungsreaktionen in den Organen führt”, sagt Prof. Georg Schett. Zu den Gelenkschmerzen kamen bei der Patientin auch Wassereinlagerungen infolge einer Niereninsuffizienz, starkes Herzklopfen und Haarausfall. Besonders ausgeprägt waren die Beschwerden jeweils nach einem akuten Schub. Die Patientin erhielt unterschiedliche immunsupprimierende Therapien, welche die Symptome aber nicht nachhaltig verbessern konnten.

„Wir standen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Prof. Gerhard Krönke. Alle Therapien, die darauf abzielten, das fehlgesteuerte Immunsystem der jungen Patientin zu unterdrücken, scheiterten. Aufgeben war für das behandelnde Team an der Uni Erlangen-Nürnberg jedoch keine Option und sie brachten die CAR-T-Zellen in Spiel.

T-Zellen mit künstlichem Rezeptor ausgestattet

CAR steht für den ‚chimären Antigenrezeptor‘ und bezeichnet einen künstlichen Rezeptor. T-Zellen der Patientin wurden im Labor mithilfe eines gentechnischen Verfahrens mit dem CAR ausgestattet. Dieser erkennt spezielle Antigene auf der Oberfläche der Zielzellen und zerstört diese. Im Falle der jungen SLE-Patientin wurde den CAR-T-Zellen die Fähigkeit beigebracht, diejenigen B-Zellen unschädlich zu machen, die Antikörper gegen körpereigene Zellen bilden.

Schnelle Besserung dank CAR-T-Zellen

Im März 2021 erhielt die mittlerweile 20-Jährige als weltweit erste Patientin mit SLE CAR-T-Zellen. „Wir waren sehr überrascht, wie schnell sich ihr Zustand unmittelbar nach der Zellinfusion besserte“, sagt Prof. Dimitrios Mougiakakos. „Die CAR-T-Zellen haben ihre Aufgabe ausgezeichnet erledigt und haben die krankheitsvermittelnden B-Zellen rasch zerstört. Zusammen mit den Antikörpern gegen die eigene Erbsubstanz verschwanden auch alle Krankheitssymptome des SLE.“ Die Patientin konnte alle Immunsuppressiva inklusive Kortison absetzen.

Seit einem halben Jahr ist die Frau vollkommen beschwerdefrei, bisher gibt es keine Anzeichen für ein erneutes Auftreten der Erkrankung.

„Ich kann endlich wieder richtig atmen und durchschlafen, außerdem habe ich keine Wassereinlagerungen mehr und die Rötungen im Gesicht sind verschwunden. Auch meine Haare wachsen schon deutlich dichter“, sagt die junge Frau. Ihre Herzfunktion ist ebenfalls wieder im Normalbereich.

„Wir sehen dies als Meilenstein in der Therapie von Autoimmunerkrankungen“, so die beteiligten Wissenschaftler. Sie planen nun eine klinische Studie mit CAR-T-Zellen bei Patientinnen und Patienten mit Autoimmunerkrankungen.

Quelle: Blandina Mangelkramer, Universität Erlangen-Nürnberg



Nachgefragt bei Prof. Georg Schett, Direktor der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie des Uni-Klinikums Erlangen

 

Herr Prof. Schett, welche wissenschaftliche Rationale steckt dahinter, die CAR-T-Zell-Therapie  auch bei einer  Autoimmunerkrankung einzusetzen?

Beim Lymphom ist ein wichtiges Prinzip der CAR-T-Zelltherapie, bösartige B-Zellen durch die CAR-T-Zellen zu vernichten. Da bei manchen Autoimmunerkrankungen die B-Zellen zwar nicht bösartig, aber trotzdem völlig „durchgedreht“ sind, haben wir uns gedacht, dass wir mit CAR-T-Zellen auch diese entfernen können und dass damit die Autoimmunerkrankung in sich zusammenbricht. Das hat perfekt funktioniert.

Unterscheidet sich die von Ihnen angewandte Therapie von den bereits zugelassenen CAR-T-Zell-Therapien?

Diese Therapie ist eine Eigenentwicklung durch uns in Zusammenarbeit mit der Firma Miltenyi. Es gibt zugelassene CAR-T-Zelltherapien für Lymphome, aber keine Erfahrung zu diesen bei Autoimmunerkrankungen.

Ist es denkbar, CAR-T-Zellen bei weiteren Autoimmunerkrankungen einzusetzen?

Ja klar; alle jenen Krankheiten, die durch B-Zellen verursacht werden und bei denen Autoantikörper im Blut nachweisbar sind. So etwas ist schweren Verläufen vorbehalten, bei denen Standardmedikamente versagen.

Eine Alternative zu etablierten Medikamenten?

Im Falle von schweren, Therapie-resistenten Verläufen sind solche Therapien sehr wahrscheinlich lebensrettend. Eine Alternative sind sie derzeit noch nicht, allein schon wegen der Kosten. Sollte eine CAR-T-Zelltherapie allerdings langfristig die Autoimmunerkrankung heilen – was durchaus wahrscheinlich ist –, kann das anders werden. Man muss bedenken, dass man dann durch eine einzige Infusion auf eine langfristige, oft auch kostspielige Therapie verzichten könnte. Aber da ist noch ein Weg zu gehen.

Interview: Cornelia Weber