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Medizin

Dr. Frank Mathias
Dr. Frank Mathias, Vorstandsvorsitzender von vfa bio, CEO von Rentschler Biopharma
© Rentschler Biopharma SE

2021: „Die Branche hat gezeigt, was sie leisten kann“

46 Medikamente mit neuen Wirkstoffen kamen 2021 in Deutschland in die Versorgung. Die Prognose für 2022 sieht ähnlich vielversprechend aus. Über Entwicklungstreiber, wichtige Indikationen sowie die Rolle der personalisierten Medizin spricht Dr. Frank Mathias von vfa bio im Interview.

Das Jahr 2021 stand ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Herr Dr. Mathias, wie hat COVID-19 die Medikamenten-Entwicklung und -Zulassung im vergangenen Jahr geprägt?

Nie zuvor stand die Arzneimittelentwicklung wie auch der Ausbau von Produktionskapazitäten so unter Zeitdruck wie in dieser Pandemie. Aber die Branche hat gezeigt, was sie leisten kann: nicht nur mit Impfstoffen gegen COVID-19, sondern auch mit Therapeutika. 2021 haben Unternehmen die ersten Arzneimittel herausgebracht, die von der Planung bis zur Zulassung weniger als zwei Jahre benötigten. Sie enthalten jeweils einen oder zwei antivirale Antikörper, die die SARS-CoV-2-Viren neutralisieren können, ehe sie in die Zellen eindringen. Im gleichen Zeitraum konnten zwei Hersteller zeigen, dass ihre immunmodulatorischen Biopharmazeutika im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium lebensrettend wirken können; und sie erhielten Zulassungserweiterungen dafür. Zu diesem ungeheuren Tempo hat auch die EMA beigetragen, die für Corona-Therapeutika wie auch -Impfstoffe die Möglichkeit von Rolling Reviews geschaffen hat. Die Hersteller können dann die Zulassungsunterlagen kapitelweise einreichen; und sie werden sofort bearbeitet, statt dass man wie sonst damit wartet, bis die Unterlagen komplett sind. Das hat uns geholfen, in der Pandemie sehr schnell reagieren zu können. Ob es sich hierbei um ein für die Zukunft tragbares Modell handelt, muss sich noch zeigen.

Geht die intensive Entwicklungstätigkeit zu COVID-19 auf Kosten anderer Therapiegebiete?

Aber nein, überhaupt nicht! Selbst wenn man alle vier COVID-19-betreffenden Medikamente weglässt, zählt man für 2021 immer noch 42 Neueinführungen von Medikamenten mit neuem Wirkstoff gegen andere Krankheiten. Das sind weit mehr als sonst in einem Jahr – und sie verteilen sich breit über die Teilgebiete der Medizin.

In welchen Indikationen konnten 2021 besonders wichtige therapeutische Fortschritte erzielt werden? Welche Substanzklassen bzw. Wirkmechanismen spielten hier eine besonders wichtige Rolle?

Oh, das wird jede Ärztin und jeder Arzt je nach Fachgebiet anders bewerten! Aber ich kann ein paar Aspekte herauspicken. Gemessen an der Zahl der Betroffenen sind sicher die neuen Medikamente gegen chronische Herzinsuffizienz, Uterus-Myome, Plaque-Psoriasis und atopische Dermatitis besonders willkommen. Die Wirkstoffe gegen die beiden Hautkrankheiten sind monoklonale Antikörper, wie noch sechs weitere neu eingeführte Wirkstoffe von 2021 gegen andere Krankheiten. Das belegt einmal mehr, wie vielseitig und zuverlässig dieser Wirkstofftyp ist. Wichtig ist aber auch, dass Firmen zwei neue Reserve-Antibiotika herausgebracht haben, die Resistenzen bei bakteriellen Keimen überwinden können. Gleich 14 neue Medikamente haben Unternehmen auf den Markt gebracht, die gegen unterschiedliche Krebserkrankungen gerichtet sind. Und viele davon erschließen neue Wirkprinzipien, etwa die Inhibition der RET-Kinase oder das Andocken an das Trop-2-Antigen bei tripelnegativem Brustkrebs. Konzeptionell spannend finde ich auch den
ersten Spleißmodifikator. Er greift in das dysfunktionale Splicing bei 5q-spinaler Muskel-atrophie ein.

Was war für Sie persönlich die interessanteste Entwicklung im Jahr 2021?

Ich verfolge sehr aufmerksam die Entwicklung der Gen-, Zell- und Gewebetherapeutika, also der ATMPs, auch in eigenem Interesse als CEO der Rentschler Biopharma. Von diesen ATMPs kamen 2021 wieder zwei heraus: ein CAR-T-Zell-Medikament gegen Mantelzell-Lymphom und eine Gentherapie gegen die äußerst seltene neurodegenerative Metachromatische  Leukodystrophie. Das könnte sich 2022 fortsetzen, etwa mit Gentherapien gegen Hämophilie A, gegen Lebersche hereditäre Optikusneuropathie und angeborenen Mangel an aroma-ti-scher L-Aminosäure-Decarboxylase, der AADC, die eine Rolle im Neurotransmitter-Stoffwechsel spielt. Es ist erfreulich, dass immer mehr  Menschen mit monogenen Erbkrankheiten oder hämatologischen  Tumoren nun gen-therapeutisch behandelt werden können. Bedauerlich finde ich aber, dass dabei Deutschland weiterhin nur eine marginale Rolle spielt: sowohl hinsichtlich der ATMP-Entwicklung als auch hinsichtlich ihrer Produktion. Ich hoffe, dass die neue Bundes-regierung hier Deutschland doch noch dazu verhilft, international zu den USA und China aufzuschließen.

Welche Fortschritte erwarten Sie 2022 hinsichtlich neuerer Therapien?

Obwohl ich Spezialist für biopharmazeutische Medikamente bin, setze ich natürlich Hoffnungen auf die kommenden chemisch-synthetischen Therapeutika gegen SARS-CoV-2, die man schlucken kann. Wenn sie breit eingesetzt werden können, könnte das nicht nur vielen Infizierten viel Leid ersparen, sondern auch die Krankenhäuser vor einem Kollaps bewahren. Aber mehrere Unternehmen könnten auch noch weitere Biopharmazeutika gegen COVID-19 herausbringen, sowohl antivirale  Antikörper als auch dämpfende Immun-modulatoren und Impfstoffe. Das Impfstoffsortiment dürfte sich noch in andere Richtungen erweitern, etwa in Richtung Dengue-Fieber und Pneumokokken-Infektionen. Der betreffende Dengue-Impfstoff wird übrigens in Deutschland hergestellt. Gegen Krebserkrankungen dürfte ein Viertel der neuen Medikamente gerichtet sein; und bis zu fünf davon könnten der Therapie des nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC) dienen.

Vor allem bei Krebserkrankungen spielt die personalisierte Medizin eine wichtige Rolle. Spiegelt sich dieses Konzept bereits in den Zulassungen wider?

Ja, über die individuelle Eignung von fünf der 14 onkologischen Medikamente von 2021 muss anhand von Gentests entschieden werden, außerdem kam wie gesagt eine weitere CAR-T-Zell-Therapie heraus, die sogar patientenindividuell durchgeführt werden muss. Und ganz ähnlich sah es in den letzten Jahren auch schon aus. Für die medizinische Biotechnologie bedeutet personalisierte Medizin in der Regel zweifachen Entwicklungsaufwand: für das betreffende Medikament und für den nötigen Test. Der Test muss gut validiert werden und auch schon verfügbar sein, wenn die letzten klinischen Prüfungen vor dem Zulassungsantrag durchgeführt werden.

Bei welchen seltenen Erkrankungen gab es im vergangenen Jahr wichtige Neuentwicklungen und welche Aussichten gibt es bereits für 2022?

Das Engagement der Hersteller ist ungebrochen, auch Patientinnen und Patienten mit seltenen Krankheiten eine wirksame Behandlung zu ermöglichen. Derzeit arbeiten Unternehmen und Forschungsgruppen weltweit an mindestens 2.400 Medikamenten gegen Orphan Diseases.  Rund ein Viertel der Neueinführungen von 2021 hatten den Orphan Drug-Status. Mit drei davon wurden einige besonders seltene monogene Erbkrankheiten erstmals behandelbar: die metachromatische Leukodystrophie mit nur 400 Betroffenen in der EU, die Primäre Hyperoxalurie Typ 1 mit 2.250 Betroffenen und die Achondroplasie mit 17.900 Betroffenen. 2022 könnte unter anderem ein erstes Medikament gegen die sehr seltene Fibrodysplasia ossificans progressiva eingeführt werden. Bei dieser Krankheit wandeln sich Knorpel und andere Arten von Bindegewebe allmählich in Knochen um, etwa, wenn sie verletzt werden. Auch könnte ein Medikament herauskommen, das die Lebenserwartung von Patientinnen und Patienten mit beschleunigten Alterungsvorgängen aufgrund von Hutchinson-Gilford-Progerie verbessert. Weitere Krankheiten habe ich ja eben schon genannt: die Lebersche Optikusneuropathie und der AADC-Mangel. Diese Aktivität für Orphan Drugs in der Branche wird maßgeblich gestützt durch die in einer EU-Verordnung seit 2000 festgehaltenen Sonderkonditionen für Unternehmen, die solche Arzneimittel entwickeln. Wir bei vfa bio hoffen, dass dieses erfolgreiche Rahmenprogramm uneingeschränkt weitergeführt wird.