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Medizin

© Adobe Stock / hywards

Luftiger Streifzug durch den ERS-Kongress

Der Kongress der europäischen Atemwegsgesellschaft ist das alljährliche Highlight der pneumologisch interessierten Community. Mehr als 19.000 ­Interessierte aus der ganzen Welt nahmen an diesem Hybrid-Kongress teil, um sich über den Stand der Forschung und die neuesten Studienergebnisse auszutauschen.

In den mehr als 400 angebotenen Sitzungen gab es neben den „großen“ ­klinischen Studien auch interessante kleinere Untersuchungen mit teils unerwarteten Ergebnissen.  

Luftverschmutzung belastet Frauen ­stärker als Männer
Das Einatmen von Dieselabgasen könnte für Frauen schwerwiegendere Folgen haben als für Männer, so das Ergebnis einer kleinen Studie aus Kanada.  An der Studie nahmen zehn Freiwillige teil, fünf Frauen und fünf Männer, die alle gesunde Nichtraucher waren. Alle atmeten vier Stunden lang gefilterte Luft ein und vier Stunden lang Luft mit Dieselabgasen in drei verschiedenen Konzentrationen – 20, 50 und 150 µg Feinstaub (PM2,5) pro Kubikmeter – mit einer vierwöchigen Pause zwischen den Expositionen. Der derzeitige Jahresgrenzwert der Europäischen Union für PM2,5 liegt bei 25 µg pro Kubikmeter, aber in vielen Städten sind wesentlich höhere Spitzenwerte üblich. 24 Stunden nach jeder Exposition erfolgten detaillierte Blutuntersuchungen.  
Geschlechtsspezifische Unterschiede fanden sich bei 90 Parametern, die zum Teil eine wichtige Rolle bei Entzündungen, Blutgerinnung, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und im Immunsystem spielen. Einige dieser Unterschiede wurden deutlicher, als die Freiwilligen höheren Dieselabgaswerten ausgesetzt waren.  Zwar handelt es sich um  vorläufige  Ergebnisse bei einer kleine Probandenzahl. Sie zeigen aber, dass die Exposition gegenüber Dieselabgasen im weiblichen Körper andere Auswirkungen hat als im männlichen, was darauf hindeuten könnte, dass Luftverschmutzung für Frauen gefährlicher ist als für Männer.

Fischöl und Vitamin D in der Schwangerschaft
Für Fischöl und Vitamin D werden immer wieder günstige Effekte zur Prävention verschiedenster Erkrankungen diskutiert. Nun hat dieses Duo auch Einzug in die Atemwegsforschung gehalten: Säuglinge und Kinder unter drei Jahren erkranken seltener an einem Kruppsyndrom, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft Fischöl und Vitamin D einnehmen, so das Ergebnis einer Studie aus Dänemark. Die Studie schloss 736 schwangere Frauen ein, die in vier Gruppen eingeteilt wurden: Eine Gruppe erhielt ein hochdosiertes Vitamin-D-Präparat (2.800 IE/Tag) und Fischöl mit langkettigen Omega-3-ungesättigten Fettsäuren (2,4 g). Die zweite Gruppe erhielt hochdosiertes Vitamin D und Olivenöl, die dritte Gruppe eine Standarddosis Vitamin D (400 IE/Tag) plus Fischöl und die letzte Gruppe die Standarddosis Vitamin D und Olivenöl. Alle Frauen nahmen die Nahrungsergänzungsmittel täglich ab der 24. Schwangerschaftswoche bis eine Woche nach der Geburt ihrer Babys ein.
Die Kinder, deren Mütter Fischöl einnahmen, hatten ein geringeres Risiko für ein Kruppsyndrom als die Kinder, deren Mütter Olivenöl einnahmen. Hochdosiertes Vitamin D führte im Vergleich zur Vitamin-D-Standarddosis ebenfalls zu einer deutlichen Risikoreduktion. Nach Ansicht der Studienautoren könnte die Supplementierung mit Fischöl und hochdosiertem Vitamin D einen kosteneffektiven Ansatz zur Verbesserung der Gesundheit von Kleinkindern darstellen.

Update der Leitlinie zur ­pulmonalen Hypertonie
Die gemeinsam von ERS und ESC (Euro­pean Society of Cardiology) erstellte Leitlinie zur Diagnose und Therapie der pulmonaler Hypertonie (PH) wurde aktualisiert. Unter anderem hebt der überarbeitete Behandlungsalgorithmus die Relevanz der kardiopulmonalen Komorbiditäten und der Risikoabschätzung zum Zeitpunkt der Diagnose und im weiteren Therapieverlauf bei der PAH hervor sowie die Wichtigkeit medikamentöser Kombinationstherapien.
Neu ist unter anderem die Aufnahme von Riociguat als Therapieoption zur Behandlung der idiopathischen, erblichen und medikamentenassoziierten pulmonalen arteriellen Hypertonie (PAH). In der Indikation chronische thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) wurde die Empfehlung der Klasse I vom Leit­linien-Update 2015 beibehalten.

Rauchende Eltern, dampfende Teenies
„Kinder von Rauchern werden oft selbst zu Rauchern“ –  darauf weist eine der einschlägigen Warnungen auf Zigarettenschachteln hin. Dies gilt offensichtlich auch für das „Dampfen“ von E-Zigaretten wie eine Studie aus Irland nahelegt.  Die Kohortenstudie analysierte über drei verschiedene Zeiträume hinweg die Daten von 6.216 Kindern (Geburtsjahrgang 1998) und ihrer Bezugspersonen. In der Altersgruppe der 17- bis 18-Jährigen war das Risiko zu rauchen oder zu „dampfen“ um 55% erhöht, wenn die Eltern Raucher waren.

Lungenemphysem: Chirurgisch oder bronchoskopisch angehen?
Bei Patienten mit fortgeschrittenem Lungenemphysem kommt es durch die Überblähung der betroffenen Lungenareale zur Kompression der weniger überblähten Areale. Werden die überblähten Area­le entfernt, kann so die Ventilation der weniger überblähten Bereiche verbessert und die Atemmechanik optimiert werden.
Die CELEB-Studie verglich erstmals direkt die chirurgische Lungenvolumenreduktion (LVRS) und die bronchoskopische Lungenvolumenreduktion (BLVR) mit endobronchialen Ventilen. Die 88 Studienteilnehmer waren im Mittel knapp 65 Jahre alt. Die FEV1 (Einsekundenkapazität) lag bei 31% vom Soll. Nach zwölf Monaten waren keine Unterschiede bei Lungenfunktion, Leis­tungsfähigkeit und Lebensqualität nachzuweisen. Unterschiede gab es bei der Hospitalisierungsdauer (LVRS 9 Tage, BLVR 3 Tage) und den Folgeeingriffen (LVRS 2,  BLVR 8). Insgesamt favorisieren diese Daten das weniger invasive Verfahren.

COPD-Exazerbation: KI muss noch viel lernen
Künstliche Intelligenz (KI) könnte auch über eine App namens myCOPD genutzt werden, um vorherzusagen, wann Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) eine akute Exazerbation erleiden könnten – oder auch nicht.  Die Cloud-basierte interaktive App wurde 2016 in Großbritannien eingeführt und wird bisher von mehr als  15.000 COPD-Patienten genutzt. Allerdings:  Trotz „Trainings“ der KI an 45.636 Datensätzen  hat das aktuelle KI-Modell lediglich eine Sensitivität von 32%, bei einer Spezifität von 95%. Das bedeutet, dass es zwar sehr gut in der Lage ist, Patienten mitzuteilen, wenn sie nicht kurz vor einer Exazerbation stehen, was helfen kann, unnötige Behandlungen zu vermei­den. Weniger gut kann es sagen, wann tatsächlich eine Exazerbation droht. Hier ist weitere Forschung nötig.

Hoffnung für Kinder mit ILD
Interstitielle Lungenerkrankungen sind bei Kindern zwar sehr selten, wenn sie aber auftreten, sind die Folgen verheerend. Hier könnte sich demnächst eine Behandlungsoption eröffnen. In diese Richtung weisen die  Daten aus der Phase-III-Studie InPedILD, in der Nintedanib bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 6–17 Jahren mit klinisch signifikanter fibrosierender interstitieller Lungenerkrankung (ILD) untersucht wurde. Nintedanib war hier ebenso wirksam wie bei Erwachsenen mit fibrosierender ILD und wies ein akzeptables Sicherheits- und Verträg­lichkeitsprofil auf. Im Falle einer Zulassung wäre Nintedanib die erste zugelassene Behandlung für pädia­trische Patienten mit fibrosierender ILD.

Dr. med. Kirsten Westphal

Quelle: Präsentationen im Rahmen des Hybrid-Kongresses der European Respiratory Society (ESC) vom  4. bis 6. September 2022 in Barcelona/Spanien sowie Presseinformationen der ERS