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Schmerz

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Rückenbeschwerden adressieren: Mit Plan zur Schmerzfreiheit

Rückenschmerzen sind in der Regel harmlos, sie können aber auch ein Alarmsignal für bedrohliche Erkrankungen sein oder chronifizieren. Basis für ein individuelles, beschwerde­spezifisches Behandlungskonzept ist das ausführliche, empathische Patientengespräch. Welches therapeutische Vorgehen kann man heute empfehlen?

Privatdozent Dr. med. David-Chistopher Kubosch, Gelenk-Klinik Gundelfingen

Insbesondere in den Industrienatio­nen zeigt sich, dass Schmerzen des Schulter-Nacken-Bereichs ein zunehmendes Gesundheitsproblem darstellen. Die Lebenszeitprävalenz beträgt 67–71% und ist tendenziell steigend. Eine dänische Studie von 2002 stellt einen direkten Zusammenhang von Schulter-Nacken-Schmerzen und monotonen, sich wiederholenden Arbeiten mit hohem Arbeitsdruck und hoher Arbeitsanforderung her.
Das Problem wird auch von den aktuellen Marketingkampagnen für Schmerzmittel aufgegriffen: Sie bedienen sich des Modewortes „KoNaSchu“ – Kopf-Nacken-Schulter-Schmerzen, um ihre Produkte ideal zu platzieren.
Eine erfolgreiche und möglichst baldige fachärztliche Behandlung ist sehr empfehlenswert. Denn: Patienten mit Rückenschmerzen besitzen oft eine längere Therapie-Vorgeschichte – mitunter sind sie schon seit mehreren Jahren in Behandlung. Währenddessen erleben viele Betroffene keine entscheidende Besserung ihrer Beschwerden. Anfänglich akute Rückenschmerzen drohen allerdings mit der Zeit chronisch zu werden – mit vielfach drastischen Folgen: Chronische Rückenschmerzen sind neben Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems der häufigste Grund für eine teilweise oder vollständige Erwerbsunfähigkeit und eine Früh­berentung.  

Der Hausarzt als Koordinationsstelle
Bei weniger einschränkenden Beschwerden ist der Hausarzt eine gute und bewährte medizinische Anlauf- und Koordinationsstelle. Er benötigt vom Rückenschmerz-Patienten umfassende und möglichst exakte Angaben über die Beschwerden. Denn: Kein Labortest und keine diagnostische Untersuchung können zweifelsfrei die Ursache für Rückenschmerzen belegen oder ausschließen. Deshalb ist es wichtig, dass der Patient den Arzt möglichst konkret darüber informiert, seit wann und wo genau die Schmerzen auftreten. Wie äußern sie sich konkret? Strahlen sie in andere Körperregionen aus? Was hat bisher geholfen? Aber auch die persönliche Verhaltens- und Lebensweise (Beruf, Sport, Medikamente etc.) kann wichtige Anhaltspunkte liefern. Weitere wesentliche Faktoren für die Diagnose sind psychische oder psychosomatische Vorerkrankungen.  
Ein weiterer Faktor für Nackenprobleme ist der Bewegungsmangel. Durch langes Sitzen bei Schreibtischarbeiten oder auch in der Freizeit werden verschiedene Muskelgruppen der Rücken- und Bauchregion nicht ausreichend bewegt. Sie verspannen sich oder verkümmern geradezu. Die Folge ist eine Dysbalance der Muskulatur, die zu einer Fehlhaltung der Wirbelsäule führt.

Fragile Halswirbelsäule: Wo hakt es genau?
Ihre spezielle Anatomie und das Zusammenspiel von kleinen Wirbelgelenken und Bandscheiben machen die Halswirbelsäule zu dem beweglichsten Teil der Wirbelsäule. Allerdings ergeben sich so auch eine Vielzahl möglicher Ursachen für Schmerzen:
Spondylarthrose: Hierbei liegt eine degenerative Veränderung der Wirbelsäule vor, insbesondere der Facettengelenke. Betroffen können daher sein: die Unkovertebralgelenke, die Facettengelenke, die Bandscheiben und das umliegende Weichteilgewebe. Die Spondylarthrose kann als eigenständiges, führendes Krankheitsbild auftreten oder Verursacher für andere Erkrankungen sein, so etwa eine Spinalkanalstenose, eine Neuroformanestenose oder eine degenerative Skoliose.
Bandscheibenschädigungen: Der Alterungsprozess betrifft nicht nur die Gelenke, sondern auch die Bandscheiben der Halswirbelsäule. Denn im Laufe des Lebens verlieren sie die Fähigkeit, Wasser zu speichern und werden dadurch dünner. In der Folge erhöht sich der Druck auf die Grund- und Deckenplatten der Wirbelkörper. Eine mangelnde Elastizität der Bandscheiben wirkt sich negativ auf die mechanische Funk­tion und Beweglichkeit aus, was zu einer Schädigung der Bandscheibe führen kann.
Dabei werden folgende Veränderungen unterschieden:

  • Protrusion oder Vorwölbung: Die äußere Hülle der Bandscheibe (Anulus fibrosus) ist noch intakt, die Bandscheibe wird allerdings aus dem Wirbelkörperbereich gedrückt, in der Regel nach hinten Richtung Spinalkanal.
  • Extrusion oder Prolaps: Der Anulus fibrosus ist gerissen, das Bandscheibengewebe ist aber noch mit der Bandscheibe verbunden.
  • Sequestrierung: Das sequestrierte Material

kann durch die Perforation des hinteren Längsbandes in den Epiduralraum gelangen.
Facettengelenkssyndrom: Bei ca. 55% der Patienten mit chronischen Nackenschmerzen sind die Facettengelenke und deren Degeneration Ursache der Schmerzen. Es wird angenommen, dass das Verringern der Bandscheibenhöhe der Grund für die stärkere Belastung auf die Facettengelenke ist. Der ständige Druck führt dann zu einer chronischen Überlastung der Gelenke. Am häufigsten ist hierbei das Segment C4/5 betroffen.
Spinalkanalstenose: Bei dieser Erkrankung ist der Wirbelsäulenkanal verengt und verursacht Druck auf das dahinterliegende Rückenmark und die  darin verlaufenden Nervenwurzeln. Auch hier ist eine Veränderung der Bandscheibenhöhe ursächlich für die Beschwerden.
Neuroforamenstenose: Die Bandscheibenveränderungen können auch zu einer Verengung der Nervenaustrittsöffnungen führen – der Neuroforamenstenose. Der Abstand zwischen den Wirbelkörpern verringert sich und der Körper reagiert mit osteophytären Anbauten, die zu einer weiteren Einengung führen. Denn durch die geringere Beweglichkeit der Wirbelkörper, wird auch der Schmerz geringer – der Körper versucht sich also selbst zu heilen.

Nicht-operative Behandlungsmethoden: Was zu empfehlen ist
Bei der orthopädischen Therapie von Rückenschmerzen haben konservative, nicht-operative Behandlungsmethoden in der Gelenk-Klinik Gundelfingen generell Priorität.
Als Erste-Hilfe-Maßnahme sind bei akuten Rückenschmerzen Wärme-Anwendungen empfehlenswert – am besten bereits an den ersten Tagen der Beschwerden. Ob moderne Heiz­decke oder gute alte Wärmflasche – die gängigen Methoden unterscheiden sich kaum in der Wirkungsweise. Empfehlenswert sind auch Basenbäder oder -wickel, wenn Nacken, Rücken oder Schultern schmerzen: Die Wärme lockert das Gewebe, die Basensalze neutralisieren die Säure im Bindegewebe – einer der Hauptauslöser für chronische Schmerzen.
Ebenso Standard ist die traditionelle Schmerz­behandlung in Form von Tabletten, Pflastern oder Cremes: Kombiniert mit muskelentspannenden Präparaten lindern diese Rückenschmerzen, vermeiden Schonhaltungen und helfen bei der Mobilisation.
Der nächste Schritt im Behandlungskonzept sind Physio- und Bewegungstherapie: Spezielle Rückenübungen fördern die Beweglichkeit und Koordination des Patienten und verhindern eine Chronifizierung der Schmerzen.
Weiterer Eckpfeiler der klassischen Basis-Therapie ist die orthopädietechnische Versorgung: Die individuelle Anpassung von Orthesen, Korsetts und Schuheinlagen durch Orthopädietechniker erleichtert die schnelle Rückkehr zu Aktivität und Beweglichkeit.
Darüber hinaus hat sich bei Störungen des Zellstoffwechsels im Rücken die Zellbiologische Regulationstherapie bewährt: Gezielte Muskelstimulation durch biomechanische Schwingungen verbessert Stoffwechsel und Durchblutung und verringert Schmerzen.

Kleiner Stich mit großer Wirkung
Injektionen und Infiltrationen sind der nächs­te Schritt einer gering invasiven Behandlung. Auch wenn nur die Symptome behandelt werden, zeigen die verschiedenen Methoden bei Patienten sehr häufig eine schnelle Besserung und erlauben eine schmerzfreie Bewegung, um physiotherapeutische Maßnahmen zu ergreifen und so eine schnelle Rückkehr zu gewohnten Aktivitäten zu gewährleisten. Hier einige beispielhafte Techniken:
Lokale Infiltrationen an den Muskeln: Mit einer lokalen Infiltra­tion werden hier die schmerzhaften Triggerpunkte (ABC-Punkte nach Hackett) infiltriert und die Nackenmuskulatur entspannt.
Zervikal epidurale Injektion: Bei dieser Injektion unter Bildwandlerkontrolle im OP wird Kortison in den Epiduralraum injiziert. Wichtig ist, dass der Patient nach der Injektion auf die schmerzhafte Seite gelagert wird, damit die kristallinen Kortisonanteile sich besser in den Wurzeltaschen verteilen und ihren vollen Effekt erreichen. Diese Injektion ist vor allem bei radikulären Symptomen wirksam.
Facettengelenksinfiltration: Hier ist es das Ziel, Schmerzen mit diffuser Ausstrahlung zu behandeln, die häufig bei Bandscheibenhöhen-Minderungen auftreten. Die Injektion wird direkt an die betroffenen Facettengelenke gesetzt.

Operation: Prothese oder Versteifung?
Ein Funktionsverlust der Bandscheibe hat einschneidende Folgen und kann den Alltag des Patienten stark beeinträchtigen. Das trifft vor allem für die hochbewegliche Halswirbelsäule zu. Hier führt ein Verlust der Bandscheibenfunktion sehr viel schneller als im Lendenwirbelbereich zu erheblichen Beschwerden wie etwa chronischen Schmerzen, Nervenkompression und Verlust der Nervenfunktion, aber auch zu Gefühlstaubheit und Lähmungen. Folgerichtig kommen im Bereich der Halswirbelsäule auch die meisten, nämlich über 90% aller Bandscheibenprothesen zum Einsatz.
Steht bei einer Bandscheibendegeneration die Therapie von Schmerzen und neurologischen Ausfällen im Vordergrund, ist die Prothese der Versteifungsoperation mindestens ebenbürtig. Dies belegen aktuelle Studien. Doch erst in einigen Jahren wird sich sicher zeigen, ob auch ein weiterer angestrebter Pluspunkt dieses Verfahrens erreicht wurde: nämlich die Vermeidung von Anschluss-Instabilitäten, also einer Bandscheibendegenera­tion benachbarter Segmente, wie sie als Folge einer Wirbelsäulen-Versteifung immer wieder auftritt. Die derzeitige Studienlage belegt bereits, dass bei Einsatz einer Prothese eine 3,5-mal geringere Wahrscheinlichkeit für eine Anschluss-Degeneration besteht.

Tipps für die Prävention
Bewegung ist das A und O für eine starke Muskulatur – und damit der beste Schutz vor Rückenschmerzen. Radfahren schont die Gelenke, kontinuierliches Laufen schützt vor drohenden Verspannungen der Muskulatur, versorgt die Bandscheiben mit Nährstoffen und
stärkt die Rumpfmuskulatur. Stressbewältigungs- und Entspannungsübungen sind generell hilfreich. Wie man den Alltag rückenfreundlicher bewältigt und Muskeln richtig trainiert, erfährt man am besten in einer Rückenschule – die Kosten übernimmt oft die Krankenkasse.