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Gastroenterologie

Das Reizdarmsyndrom ist ein heterogenes Krankheitsbild, das durch unterschiedliche Störungen der Darm-Hirn-Achse hervorgerufen wird.
© AdobeStock/eddows

Gastroenterologische Erkrankungen im Fokus

Viszeralmedizin 2022, der gemeinsame Kongress von DGVS und DGAV* bot im Hybrid-Format ein breites Spektrum an Themen an. Vieles davon adressierte den stationären Bereich, aber auch für die Praxis waren spannende Themen dabei – beispielsweise Aktuelles zur Therapie der Refluxkrankheit und zur Situation der Mangelernährung in Deutschland. Neuigkeiten gab es auch zum Reizdarmsyndrom, bei dem immer klarer wird, welche wichtige Rolle die Darm-Hirn-Achse spielt.

Funktionelle Magen-Darm-Erkrankungen, heute korrekt bezeichnet als Störungen der Darm-Hirn-Achse, sind häufig und verursachen hohe Kosten. Eine dieser Erkrankungen ist das Reizdarmsyndrom (RDS), ein sehr heterogenes Krankheitsbild, das durch unterschiedliche Veränderungen der Darm-Hirn-Achse hervorgerufen wird (siehe Infokasten).

Komplexe Gemengelage beim Reizdarmsyndrom

Neben der Darm-Hirn-Achse spielen für das RDS weitere Aspekte wie somatische Krankheitsfaktoren (z. B. Störungen des Gallensäurestoffwechsels), Nahrungsmittelunverträglichkeiten und psychische Faktoren eine Rolle.

Prof. Dr. Thomas Frieling, Krefeld, und Prof. Dr. Winfried Häuser, Saarbrücken, zufolge gibt es bei der Diagnostik und Therapie des Reizdarmsyndroms gleichzeitig eine Überversorgung (z.B. MRT), eine Unterversorgung (z.B.  fehlende Stufenbiopsien bei Koloskopie bei Diarrhö-dominanter Form) und eine Fehlversorgung (z.B. einseitige Diäten; Antimykotika). Gleichzeitig betonten sie, dass die Diagnose eines Reizdarmsyndroms nach einer einmaligen gründlichen Untersuchung mit Ausschluss der wesentlichen Differenzialdiagnosen eine sichere Diagnose sei, und dass Mehrfachuntersuchungen vermieden werden sollten.

Manche Betroffene sind der Meinung, dass ihre Ärztin/ihr Arzt die Einschränkungen der Lebensqualität, die sie durch die Symptomatik erfahren, nicht ernst genug nehmen. Einige von ihnen wenden sich dann der Komplementär- und Alternativmedizin zu, wo sie unsinnige Diagnostik und Therapien selbst bezahlen.

Wünschenswert wären aus Sicht von Frieling ambulante und stationäre Zentren, die die Versorgung von Patienten mit schweren Verlaufsformen des RDS koordinieren sowie eine bessere Vergütung für die Versorgung von Patienten mit Störungen der Darm-Hirn-Achse, da diese immer wieder die Praxis kontaktieren und der persönliche Kontakt mit sprechender Medizin im Vordergrund steht.

Mangelernährung in Deutschland: unbeachtet, unbehandelt, gefährlich und teuer

Jeder vierte bis fünfte Mensch, der hierzulande in eine Klinik aufgenommen wird, ist mangelernährt. Die Ursachen sind vielfältig: Sehr alte oder schwer kranke Menschen leiden häufig unter Appetitlosigkeit. Auch degenerative Erkrankungen wie Demenz sind ein Grund für unzureichende oder einseitige Nahrungsaufnahme. In Senioreneinrichtungen fehlt meist das Personal, um kognitiv oder körperlich eingeschränkte Menschen beim Essen zu unterstützen. „Werden diese Betroffenen mit einer Erkrankung in eine Klinik eingeliefert, so wird die Mangelernährung hierzulande nicht etwa regelhaft als wichtiger Faktor für die Prognose mitbehandelt – sondern sie bleibt oft unbeachtet und wird durch das Essensangebot und die Abläufe in den Kliniken noch verschärft“, beklagte PD Dr. med. Birgit Terjung, Bonn.

Dabei hat die Mangelernährung leidvolle und teure Folgen: Die Betroffenen haben u.a. ein höheres Risiko für Komplikationen wie Infektionen oder Druckgeschwüre. Dadurch verlängert sich die Klinikverweildauer und die Wiedereinweisungsrate ist höher. „Maßnahmen, um Mangelernährung zu vermeiden und zu behandeln – etwa durch hochwertigeres und auf die Bedürfnisse der Patienten angepasstes Klinikessen sowie geschultes Personal werden im DRG-System nicht angemessen vergütet und daher in Kliniken meist eingespart“, so Frieling. „Aber: Das Personal und die Kosten, die man an dieser Stelle spart, ziehen letztlich höhere Kosten durch Komplikationen und längere Behandlung nach sich – eine absurde und untragbare Situation.“

Wann braucht es eine Reflux-OP?

Saures Aufstoßen, Sodbrennen, Oberbauchschmerzen – die Beschwerden einer gastroösophagealen Refluxerkrankung (GERD) sind häufig. Normalerweise unterbindet der obere Magenschließmuskel in Zusammenarbeit mit dem Zwerchfell das Aufsteigen von Mageninhalt. „Bei GERD-Patienten ist diese Barrierefunktion jedoch gestört, der Verschlussmechanismus hält dem Druck des Mageninhalts nicht stand“, so Prof. Dr. Joachim Labenz, Siegen. Die Ursachen hierfür können sehr unterschiedlich sein: Eine Schwäche des Muskels kommt ebenso infrage wie eine zu große Lücke bzw. eine Hernie im Zwerchfell oder ein zu hoher Magendruck – z.B. durch Übergewicht, eine Entleerungsstörung oder eine Schwangerschaft. Nur sehr selten wird „zu viel“ Magensäure produziert. Eine einheitliche oder gar ideale Therapie gibt es bisher nicht.

Bei einigen Patienten können Allgemeinmaßnahmen wie eine Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Personen, das Meiden unverträglicher Speisen oder das Schlafen mit erhöhtem Oberkörper hilfreich sein. „In manchen Fällen lässt sich damit schon der Medikamentenbedarf verringern oder das Problem sogar ganz lösen“, betonte Labenz. Andere Maßnahmen wie der Verzicht auf große und späte Mahlzeiten seien logisch, wenngleich nicht durch Studien belegt. Standard für die medikamentöse Behandlung von Refluxbeschwerden sind Protonenpumpenhemmer (PPI). Sie verringern den Säuregehalt des Magensaftes und können zur Abheilung einer Speiseröhrenentzündung – einer der häufigsten Refluxfolgen – und zur Linderung des Sodbrennens beitragen. Mindestens jeder Dritte spricht jedoch nicht auf die PPI-Therapie an. Insbesondere auf untypische Refluxbeschwerden oder auf Symptome, die nicht die Speiseröhre betreffen – wie etwa Stimmprobleme oder Husten – haben PPI Labenz zufolge nur wenig Einfluss.

Sollte die medikamentöse Therapie auch nach mehreren Monaten nicht zu einer Verbesserung führen, ist eine sorgfältige diagnostische Klärung wichtig. „Denn wenn die medikamentöse Therapie versagt, bedeutet das nicht automatisch, dass eine Operation indiziert ist“, so Prof. Dr. Ines Gockel, Leipzig. Tatsächlich sei eine Anti-Reflux-Operation lediglich bei 40% jener Patienten, bei denen PPI nicht wirken, indiziert und effizient. Diese Subgruppe müsse durch eine sorgfältige Diagnostik und Beratung in einem interdisziplinären Team identifiziert und behandelt werden.

Monika Walter

Quelle: Kongress Viszeralmedizin vom 12.-17.9.2022
* DGVS: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, DGAV:  Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie