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Diabetologie

© DDG / Dirk Deckbar

Diabetes Kongress 2022: Highlights

Die Fülle der Themen beim Diabetes Kongress 2022 war groß: Sie reichte von künstlicher Intelligenz bei der automatischen Insulindosierung über Diabetes in der Schwangerschaft bis hin zur elektronischen Diabetes-Akte und digitalen Gesundheitsanwendungen. Sehr praxis­orientiert waren die zahlreichen Vorträge zu Typ-2-Diabetes und Übergewicht.

Aktuellen Prognosen zufolge werden in den nächsten 10–20 Jahren Übergewicht und Diabetes das Rauchen vom Platz eins der vermeidbaren Krebsursachen verdrängen. Krebs
ist inzwischen die häufigste Todesursache bei Typ-2-Diabetes mellitus“, erklärte Prof. Hans Scherübl, Berlin, im Rahmen des Diabetes Kongresses und ergänzte: „Je höher der Body-Mass-Index und je entgleister die Stoffwechsellage, desto stärker steigt das individuelle Krebsrisiko.“
Viele mit Diabetes assoziierte Tumoren wären durch Diabetesprävention und optimierte Diabetesbehandlung vermeidbar. „Wichtig ist daher, alle Menschen mit Diabetes über ihr erhöhtes Krebsrisiko aufzuklären und ihnen Präventions- und Früherkennungsangebote aufzuzeigen“, so Scherübl. Insbesondere Männer seien hierzulande jedoch eher „Gesundheitsmuffel“ und schlechter erreichbar, wenn es um Früherkennungsuntersuchungen gehe.

Adipositas: Defizitebei den Versorgungsstrukturen
Doch trotz der hohen Patientenzahlen ist die Versorgungsstruktur mit Blick auf die Adipositas in Deutschland defizitär, beklagte Prof. Jens Aberle, Hamburg.  Die Adipositastherapie sei keine Regelleistung der Krankenkassen, sondern müsse in der Regel individuell beantragt werden. Das erschwere eine leitliniengerechte Behandlung, die – neben einem multimodalen Konzept aus Ernährung, Bewegung und Verhaltenstherapie – auch medikamentöse und chirurgische Optionen umfassen kann. Aberle forderte, dass die Kosten für sämtliche Behandlungen bei entsprechender Indikation von den Krankenversicherungen getragen werden müssten, ansonsten könne eine Strukturentwicklung per se nicht erfolgreich sein.
Auch die Aus- und Weiterbildung für „Adipositasspezialistinnen und -spezialisten“ muss Aberle zufolge vorangebracht werden, um Versorgungsstrukturen für die gesamte Breite der therapeutischen Optionen zu schaffen. Um Ärztinnen und Ärzte sowie andere behandlungsrelevante Fachgruppen für die Adipositastherapie zu qualifizieren, haben die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ein Curriculum entwickelt. Mit dem geplanten strukturierten Behandlungsprogramm (DMP Adipositas) rücke außerdem eine leitliniengerechte und bedarfsorientierte Regelversorgung von Menschen mit Adipositas in greifbare Nähe.

Lebensstilintervention, Operation ...
„Neben der Basistherapie aus konservativen Maßnahmen der Lebensstilintervention zur langfristigen Gewichtsreduktion stellen medikamentöse Therapien eine wichtige Säule für einen langfristigen Erfolg dar“, so Prof. Mat­thias Blüher, Leipzig. Konservative Therapien zur Gewichtsreduktion wie kalorienreduzierte Ernährungsweise, erhöhte körperliche Aktivität und Verhaltensinterventionen ermöglichen im Mittel einen Gewichtsverlust von 3 bis 5% vom Ausgangsgewicht, sind aber insbesondere bei hochgradiger Adipositas (Body Mass Index [BMI] > 40 kg/m2) selten langfristig erfolgreich. Für diese Patienten sei die chirurgische Adipositastherapie mit einem Gewichtsverlust von circa 30% die derzeit effektivste Behandlungsoption.

Neue medikamentöse Therapieansätze
Die Lücke zwischen konservativer Therapie und Operation könnten Blüher zufolge medikamentöse Therapien schließen. Derzeit in Deutschland für die langfristige Therapie der Adipositas zugelassen sind Orlistat, Liraglutid 3,0 mg, Naltrexon/Bupropion und Semaglutid 2,4 mg (noch nicht eingeführt).
Mit Semaglutid 2,4 mg kann nach 68 Wochen eine mittlere Gewichtsreduktion von ca. 17% erreicht werden, mit dem hier noch nicht zugelassenen dualen GIP-(Glukose-abhängi­ges insulinotropes Polypeptid)-Rezeptor und GLP-1-(Glukagon-ähnliches Peptid-1)-Rezeptorago­nis­ten Tirzepatid 15 mg eine Reduktion von bis zu 22,5% nach 72 Wochen – mehr als doppelt so viel wie mit bisherigen Medikamenten zur Gewichtsreduktion. Bemerkenswert ist, dass z. B. in der STEP-1-Studie zu Semaglutid mehr als ein Drittel der Probanden einen Gewichtsverlust von über 20% vom Ausgangsgewicht erzielen konnten. Mit Tirzepatid 15 mg gelang es 63% der Probanden der SURMOUNT-1 Studie über 20% vom Ausgangsgewicht zu reduzieren.
„Gegenüber den beeindruckenden Gewichtsreduktions-Effekten von Semaglutid und Tirzepatid sind die zu erwartenden Nebenwirkungen – im Wesentlichen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Erbrechen und andere – individuell abzuwägen“, erklärte Blüher und ergänzte: „Die Entwicklung Inkretin-basierter Pharmakotherapien geht weiter und könnte mit dualen Co- und Triple-Agonisten der GLP-1-, Glukagon- und GIP-Rezeptoren zu noch stärkeren Gewichtsreduk­tionen führen.“

Intervallfasten zur Stoffwechselverbesserung
Ein von Prof. Stephan Herzig, München, vorgestelltes Konzept zur Gewichtsabnahme bzw. zur Verbesserung der Stoffwechselsituation setzt auf freiwillige Fastentherapien: Da in früheren Zeiten Hungerperioden üblich waren, sei der Körper darauf ausgelegt, Energie aus der Nahrung möglichst effizient zu speichern. Fastentherapien, wie etwa das Intervallfasten, machten sich dies zunutze: „Unter dem Einfluss bestimmter Hungerhormone wie Glukagon oder Kortisol nutzt der Körper den Fettabbau und bei sehr langem Hungern auch den Eiweißabbau, um die Zuckerproduktion in der Leber anzukurbeln“, so Herzig. Zudem würden Ketonkörper in der Leber gebildet, die dann z. B. vom Gehirn als Energielieferant benutzt werden können.
Freiwilliges Fasten kann nach Ansicht von Herzig deshalb je nach individueller Verfassung gesundheitsfördernd sein. Es führe jedoch nicht zwangsläufig zu einem Gewichtsabbau: „In jedem Fall zeigen sich aber positive Effekte wie eine Blutdrucksenkung und eine Verbesserung der Glukose- und Blutfettwerte.“

Monika Walter

Quelle: 56. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft vom 25. bis 28. Mai 2022 in Berlin