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Reportagen

Wunderbares Wales

Die Gezeiteninsel Ynys Llanddwyn vor der Westküste von Anglesey– auch Liebesinsel genannt – ist bei Ebbe zu Fuß erreichbar, der Leuchtturm wurde 1873 errichtet.

Die Gezeiteninsel Ynys Llanddwyn vor der Westküste von Anglesey– auch Liebesinsel genannt – ist bei Ebbe zu Fuß erreichbar, der Leuchtturm wurde 1873 errichtet.

© Pascal Gansfert

Conway Castle wurde 1283 unter Eduard I. errichtet und hat nicht nur dem Zahn der Zeit, sondern auch unzähligen Angriffen und Belagerungen standgehalten

Conway Castle wurde 1283 unter Eduard I. errichtet und hat nicht nur dem Zahn der Zeit, sondern auch unzähligen Angriffen und Belagerungen standgehalten.

© Pascal Gansfert

Schafe gehören zum Landschaftsbild.

Schafe gehören zum Landschaftsbild.

© Pascal Gansfert

Landudno ist das größte Seebad in Wales, am Ende der langen Seepromenade thront das gleichnamige Grandhotel.

Landudno ist das größte Seebad in Wales, am Ende der langen Seepromenade thront das gleichnamige Grandhotel.

© Gansfert/Dave Johnson

Ebbe vor Conway

Ebbe vor Conway

© Wolfgang Polte

Traditioneller Pub in Rhossili Bay

Traditioneller Pub in Rhossili Bay

© Wolfgang Polte

Der längste Küstenwanderpfad der Erde, mittelalterliche Burgen und romantische Städtchen machen den Norden Wales zu einem Traumziel.

Wolfgang Polte (Text und Bilder)

Da fließen die Tränen. Unsere kleine Gruppe sitzt am Rande einer Wiese beim Dörfchen Din Lligway auf der Insel Anglesey an der Nordwestküste von Wales. Ein paar Schafe weiden. Vor uns versinkt glutrot die Sonne im Meer. Hinter uns aus der Ruine der „Capel Ligway“ erklingt plötzlich aus einem Kofferradio ein Lied, das Millionen kennen. „Green, green gras of home“. Tom Jones hat es in den 1960er Jahren berühmt gemacht. Sentimentaler geht es nicht mehr,  gerade hier im nördlichen Teil der Heimat des Sängers. Da dürfen ein paar Tränen ruhig fließen. 

Rührseligkeit kommt öfters auf während der Rundreise durch Wales, besonders am Abend, wenn ein paar Schlucke Malt-Whisky von innen erwärmen, ein leichter Westwind über Strand und Dünen streift, die Sonne langsam ins Meer eintaucht und man sich an jemanden kuscheln kann. 

Etwas kühl, aber nie kalt, ist es schon ab März an der wildromantischen, bizarren Küste im Nordwesten von Wales. Schroffe Felsen, kilometerlange Sandstrände und im Osten die fünf Gipfel und sechs Bergkämme des mächtigen Snowdon-Massivs (bis 1085 Meter hoch) bestimmen das Bild.

Auch der befürchtete Dauer-Nieselregen oder Nebel trüben die Urlaubsstimmung nicht. Und wenn über dem Meer noch dichte Wolken hängen, bläst der Westwind sie einfach weg.  Auf Anglesey, der größten Insel von Wales und England, gibt es schon im Frühling über zehn  Sonnenstunden täglich. Britische  Meterologen nennen das Klima sogar maritim, was ich etwas übertrieben finde. 

Es ist nicht die einzige Übertreibung. Spätestens am zweiten Tag meiner Reise durch Wales glaube ich, in einem Land der Superlative zu sein. Rob Jones, unser Reiseführer, nicht verwandt mit Tom Jones, wie er betont, erklärt, was uns erwartet: das Land mit dem längsten Küsterwanderweg der Erde (über 1400 Kilometer), dem kleinsten Haus von Großbritannien, der größten Schafzucht und dem längsten Ortsnamen Europas. 

Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch (56 Buchstaben) heißt das Städtchen, was so viel heißt wie „die heilige Maria am Teich der weißen Hasel neben der Stromschnelle und der Kirche St. Tysilio bei der roten Höhle“. Das Buchstaben-Ungeheuer zeugt vor allem vom Geschäftssinn der Waliser. Denn bevor der Name an der Bahnstrecke entstand, machte niemand dort Halt, der nicht da wohnte. Heute kommen täglich Hunderte, um sich vor dem Ortsschild fotografieren zu lassen und aus einem der Souvenirshops ein Andenken mitzunehmen. Ansonsten ist das Städtchen eher etwas lausig. Dagegen sind die anderen Superlative sehenswert und manchmal sogar spektakulär.

Das gilt vor allem für Wanderer auf dem längsten durchgehenden  Küstenpfad der Erde, der sich von Queensferry im Norden über rund 1400 Kilometer an der Irischen See entlang bis nach Chepstow im Süden dahinschlängelt.

1400 Kilometer am Meer entlang

Unterwegs beeindrucken und begeistern prächtige Burgen, verträumte Fischerdörfer, gemütliche Pubs, bizarre Felsen und herrliche Sandstrände, darunter Rhossili Bay, vom Touristik-Bewertungsportal „TripAdvisor“ zum schönsten Strand Großbritanniens gewählt. 

Ich wandere, weil ich sonst monatelang unterwegs wäre, nur ein kleines Teilstück des „Wales Coast Path“, den es durchgehend erst seit 2012 gibt. Zwischendurch lasse ich mich von Ron fahren, damit ich möglichst viel in einer Woche zu sehen bekomme und auch mal in einem Pub würziges Waliser Dunkelbier oder Cider genießen kann. Etwa im kleinen, malerischen Yachthafen von Conway. Am Kai steht das rot gestrichene, kleinste Haus Englands (1,91 Meter breit, 3,05 Meter hoch).  Dorothee steht in Waliser Tracht an der Tür und führt mich für ein Pfund durch die kargen Mini-Räume, die man aber nicht unbedingt gesehen haben muss.

Geradezu Besuchspflicht hat Conway Castle, zwischen 1283 und 1287 von bis zu 1500 Arbeitern durch König Eduard I., dem englischen Eroberer von Wales, errichtet. Die Burg (UNESCO-Weltkulturerbe) ist nur eine der Waliser Festungen des machthungrigen Königs. Das berühmteste Schloss ist Caernarfon Castle. Dort wurde Prinz Charles 1969 von seiner Mutter Königin Elizabeth II. zum Prince of Wales gekrönt.

Auch wer wenig Zeit hat, sollte Rundgänge durch Conway und Caernarfon machen. In beiden Städtchen sind nicht nur Zeugen der manchmal blutrüns-tigen Vergangenheit zu sehen. Mir gefiel vor allem das aktuelle ruhige und beschauliche Waliser Leben: kleine Märkte mit viel Blumen und Gemüse, putzige Geschäfte mit Kitsch und Trödel, gemütliche Pubs und herzliche, aber zuerst etwas zurückhaltende Menschen. Sie blicken meist etwas misstrauisch, wenn man sie anspricht; aber nachdem man sagt, dass man aus good old Germany kommt, tauen sie auf und geben Geheimtipps.

Gourmet-Tempelchen in einem Dörfchen

Da ist zum Beispiel das wohl einzige Restaurant, das in Nordwales einen Gourmet-Stern verdient. „The Marram Grass“ im Dörfchen Newborough. Von außen ist es eher unscheinbar. Es wirkt wie eine weiß gestrichene Garage mit Wellblechdach. Innen entpuppt es sich als urige Kneipe. Sieben junge Waliser haben es zum Gourmet-Tempelchen gemacht. Selbst Reiseführer Ron kannte es nicht.  Die Preise sind nicht gerade niedrig, aber die Speisen wie Schweinefleisch mit Blumenkohl und köstlichem Kartoffelbrei (£24), Seeforelle (£18,50) oder Hummer-Risotto (£17,50) wie die dazu gereichte Rosinenbutter und alle Desserts waren jeden Schein wert. Nicht weit entfernt steht „Halen Mon“ am Ortsrand von Brynsienscyn. Hier wird das angeblich beste Salz Europas gewonnen. Na ja.

Dafür verdient Portmeirion Village architektonisch mindestens drei Sterne. Der in Wales als legendär bezeichnete Architekt  Sir Clough William-Ellis (1883 bis 1978) baute in der Nähe des Hafenstädtchens Porthmadog ein italienisch anmutendes Dorf, in dem heute zwar niemand mehr ständig lebt, das aber zwischen April und Oktober von Hunderttausenden besucht wird.

Sie bestaunen die Türmchen, Kuppeln, pittoreske kleine Palais und  farbenprächtige Blumenrabatten. Sie bummeln durch den romantischen Park oder über den schmalen, fast weißen Strand, wo Liegestühle für ein Sonnenbad bereitstehen. Davor in der Mündung des Flusses Dwyryn sollte man nicht baden, meint Ron. „Zu kalt und vielleicht auch etwas schmutzig“, auch wenn die Wasseroberfläche unter wolkenlosem Himmel so blau leuchtet wie am Mittelmeer. 

Viele berühmte Künstler und Schauspieler waren von Portmeirion fasziniert, darunter H.G. Wells, George Bernard Shaw, Noël Coward, der Architekt Frank Lloyd Wright, aber auch Gregory Peck, Ingrid Bergmann und Paul McCartney. In den 1960er Jahren mietete sich Brian Epstein, Manager der Beatles, häufig in den Sommermonaten in das Gate House ein, und George Harrison feierte hier seinen 50. Geburtstag. 1966/67 wurde der Ort Kulisse für die TV-Kultserie „The Prisoner“ (dt. Titel: „Nummer 6“).

Im September werden hinter dem Park luxuriöse Zelte für ein großes Festival aufgestellt, das zu den schrillsten Events des Königreichs zählt. Es ist eine Mischung sämtlicher neuer Musik-richtungen von Rock über Indie, Hip-Hop bis Punk. Dazu kann Wellness im Whirlpool oder Stehpaddeln auf dem Fluss gemacht werden. Verrückte Kleidung ist angesagt und natürlich Champagner oder Cocktails. Ein bunter Kontrast zu den vielen stillen Seiten von Wales. Wie gut, dass es die nicht nur für eine Woche, sondern das ganze Jahr gibt.

Ich komme in Versuchung, einfach eine weitere Woche zu bleiben. Denn auch der Süden lockt, wenn auch landschaftlich nicht ganz so spektakulär. Es ist das Land der längst geschlossenen Kohlegruben, die heute meist in Freizeitparks oder grüne Stadtgürtel umgewandelt sind. Es ist das vielbesungene Land der grünen Täler und Hügel. Dort ist die berühmte Musikszene mit vielen Festivals zu Hause. Auch Tom Jones, im Städtchen Pontypridd geboren, schulte hier seine Stimme in einem Bergmannschor, bevor er Weltkarriere machte. Vor allem lockt die wiedererblühte Hauptstadt Cardiff. Mehr als ein guter Grund, um gleich im nächsten Jahr wiederzukommen.