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Reportagen

Stille Tage im Bayerwald

03.01.2018

Windbruchflächen sind freie Inseln im Waldmeer und öffnen den Blick. Im Winter laden sie ein, auch mal im Pulverschnee zu stauben. Natürlich nur da, wo es erlaubt ist.
© Joachim Chwaszcza
Gespenstische Geisterwelt bei einer Winterwanderung hinauf auf den Lusen
© Joachim Chwaszcza
An sonnigen, klaren Wintertagen reicht der Blick vom Großen Falkenstein bis weit über die Donau hinaus.
© Joachim Chwaszcza
Das »Zwieseler Waldhaus« ist ein perfekter Ausgangspunkt für Wander- und Langlauftouren.
© Joachim Chwaszcza
Luchs und Auerhahn als Holzskulpturen
© Joachim Chwaszcza
Grandioser Winterblick vom Großen Falkenstein auf den Watzmann
© Joachim Chwaszcza

Wer im Winter auf der Suche nach Ruhe und Entspannung ist und dies gerne mit Wanderungen oder Langlaufen kombinieren will, ist im Bayerischen Wald genau an der richtigen Stelle.

von Joachim Chwaszcza (Bilder und Text)

»Es wurde ein Schneesturm, wie ich ihn nie ahnte«, schrieb im 19. Jahrhundert der Schriftsteller Adalbert Stifter über einen Winter, den er im Bayerischen Wald erlebte.  Weiß, kalt und doch bezaubernd schön, so sollen doch unsere Winter sein. Wer auf der Suche nach wirklichem Weiß ist, kommt am Bayerischen Wald und dem ältesten deutschen Nationalpark wohl kaum vorbei. Denn mit etwas Glück herrscht dort Winterwildnis pur, und man wird mit nur wenigen Schritten in winterlichen Bann gezogen. Ruhe und Stille legen sich wie eine flauschige Decke über den Wanderer oder Langläufer. 

Der Bayerische Wald galt lange als eine vergessene Region – heute finden sich eine breite Palette an komfortabler Hotellerie und Gastronomie für jeden Geldbeutel. Das »Zwieseler Waldhaus« ist so ein idealer winterlicher Startpunkt, um sich der ruhigen Seite des Bayerischen Waldes und des Nationalparks zu nähern. Hier kreuzen sich all die wichtigen Wege, die hineinführen in eine mit etwas Glück tief verschneite Berg- und Waldlandschaft. Ohne Aufstiegsanlagen, ohne großartige Höhenmeter. 

Das »Zwieseler Waldhaus« am Fuße des 1315 Meter hohen Großen Falkenstein  wurde  1764 am so genannten »Böhmweg« für die Säumer und Waldarbeiter als feste Schutz- und Einkehrstätte errichtet. Es war immer schon ein wichtiger Haltepunkt für Wanderer und Reisende. Heute ist es ein kleines Refugium, das mit bodenständiger Gemütlichkeit, Gastlichkeit und optimaler Lage punktet. Hinter dem Haus führt das weit verzweigte Wege- und Loipennetz des Nationalparks Bayerischer Wald vorbei, das hinüberreicht bis in den tschechischen Teil des Böhmerwaldes oder zum Wintersteig hinauf auf den Großen Falkenstein. 

Mit ein paar Schritten oder Schüben ist man genau da, wo man sein will. In urgewaltiger Natur. Das Auto kann man an diesen Tagen definitiv zur Seite parken und Tage später wieder freischaufeln. Bus und Bahn sind so kombiniert, dass man längere Wanderungen und Touren mühelos planen und genießen kann. Das »Bayerwaldticket« und die »GUTi-Gästekarte« sorgen für optimale Mobilität zwischen Furth im Wald bis weit hinter Freyung.  Eine Tagestour vom »Zwieseler Waldhaus« mit der nahen Bahn nach Bayerisch Eisenstein und zu Fuß oder mit Langlaufskiern zurück ist kein Thema.

Großer Falkenstein und Watzmann-Blick

Zu Fuß, mit Schneeschuhen oder mit Langlaufskiern – der Große Falkenstein muss sein. Nicht nur, weil das »Falkenstein Schutzhaus« ein wirklich urgemütliches und herzliches Ziel ist. Der Anstieg auf dem Winterweg führt durch die westliche Kernzone, man ist also sofort mittendrin. Dichter Tannen- und Fichtenwald, teilweise steilere, im Winter auch vereiste Passagen, führen vorbei am Kleinen Falkenstein hinauf zum legendären Gipfel und zum Schutzhaus, das etwas versteckt hinter dem Gipfel liegt. Langlauf- und Tourenskier, Schlitten und Teleskopstöcke stecken vor der Hütte im Schnee und machen deutlich, dass man hier gerne einkehrt. Sogar ein Mountainbike steht vor der Tür. Man sitzt zusammen, isst, trinkt, genießt und ratscht. Genau so, wie man es auch auf winterlichen Alpenhütten macht. Nur etwas ruhiger und unaufgeregter. Wintersport im Bayerwald ist eine beschauliche Sache.  Verschiedene Abstiegsvarianten, auch mit Schneeschuhen, führen zurück ins Tal. Eher halsbrecherisch und für den Bayerwald speziell hingegen ist die  Abfahrt auf Langlaufskiern. 

»Ihr miast heit no’ warten bis zum Sonnenuntergang, dann segt’s  an Watzmann«, meint der Wirt strahlend. Auch wenn sie oft den Sturmschäden oder dem Borkenkäfer geschuldet sind: Freie Blicke sind im dichten Bayerischen Wald ein Geschenk. Der Gipfel des Falkensteins bietet Panorama pur. Hinter der sanft gewellten Hügellandschaft, die sich gen Süden staffelt, zeichnet sich langsam immer deutlicher die Alpenkette ab. Mit dem schnell sinkenden Sonnenstand taucht auch der Watzmann auf und steht genau hinter dem Sendemast in 180 Kilometern Entfernung als wuchtiger Solitär. Die Sonne sinkt, die Konturen werden klar, und der Alpenkamm erscheint als wuchtiger Sperrriegel gen Süden. Ein traumhaft schönes Erlebnis, das den Abstieg mit Stirnlampe bei klirrender Kälte mehr als rechtfertigt.

Klare Regeln im Nationalpark

Nationalpark bedeutet immer auch Regeln. Der Mensch ist hier gelenkter Besucher. Das mag dem ein oder anderen widerstreben, aber es ist ein absolutes Muss und ein notwendiger Konsens. Natürlich würde man nur zu gerne mit den Schneeschuhen in die Wildnis losstapfen, mit den Skiern sich einen eigenen Weg suchen, aber die Richtlinien sind klar und deutlich. Naturzone und Kernzone sind, wie man umgangssprachlich sagt, zwei unterschiedliche Paar Schuhe. In der geschützten Kernzone sind nur wenige Wege freigegeben, alles andere ist Tabu. Das ist gesetzlich geregelt. Es ist also kein Kavaliersdelikt, wenn man »zufällig« vom Weg abkommen sollte. Diese Wegelenkung tut dem Naturerlebnis keinerlei  Abbruch, sondern sensibilisiert. Wer Zeit und Muße hat, sollte sich ruhig bei einem der vielen und vielseitigen Führungsangebote melden. Eine Winterwanderung mit einem der 28 Nationalpark-Ranger oder einem der ehrenamtlichen Waldführer ist alles andere als bloßes Freizeitprogramm. So dicht und intensiv sind die Führungen, dass man gerne am Schluss noch mehr wissen möchte. Über Auerhühner im Winter, deren einzige Nahrung Nadeln und Knospen von Fichten und Tannen sind und die, einmal aufgescheucht, so viel Energie verlieren, dass sie vielleicht die kalte Nacht nicht überleben. Oder von Fotofallen und satellitengestützten Populationskontrollen, von Lebensräumen in der Kernzone und der ökologischen Schatzkammer der Brachflächen. Von Schachten und Hochmooren, von Luchsen und durchziehenden Wölfen oder vom Habichtskauz, der sich nach seinem Verschwinden 1926 wieder angesiedelt hat. Das Leben ist das Wilde.

Eine Winterwanderung hinauf auf den1373 Meter hohen  Lusen führt bei passendem Wetter in eine gespenstische Geisterwelt. Kaum ist man aus dem dichten Waldbereich aufgestiegen, durchquert man alte  Windbruch- und Borkenkäferflächen am Fuße des aus Granitplatten bestandenen Gipfelaufbaus. Gespenstisch auf den ersten Blick, doch auch ein spannender geologischer Ort. Der Legende nach natürlich vom Teufel aufgeschüttet. 

Totholz als Quelle neuen Lebens

Mit Schneeschuhen geht es hinauf. Mahnend und doch wohlmeinend säumen die ausgebleichten, von Sturm und Wetter gegerbten und vom Borkenkäfer gezeichneten  Stämme den Pfad. Sie verschwinden wie bizarre Tänzer im Wolken- und Nebelmeer, um dann wieder aus dem Nichts aufzutauchen.

Wer hier genießen will, muss seine Sichtweise von Wald und Wildnis auf den Kopf stellen. Mit romantischen Waldbildern hat das nichts zu tun. Mit wilder und ursprünglicher Natur sehr viel. Dass gerade diese Totholzflächen Geburtsstätten für neues Leben, vielseitigeres Leben als in den geschlossenen Waldflächen sind, mag auf den ersten Blick schwer zu glauben sein. Mit etwas Hintergrundwissen erschließen sich andere Zusammenhänge. Dass junge Fichten den Schutz der alten Stämme suchen, ist offensichtlich. Für viele Besucher wird Totholz erst ästhetisch, wenn sie es im Zusammenhang mit dem nachwachsenden Urwald sehen. Totes Holz ist voller Leben, voller Pilze und Käfer. Totholz, sagen die Förster, ist die Ammenmilch des jungen Waldes. 

Grenzüberschreitend weit

2000 Loipenkilometer sind selbst für hartgesottene Langläufer in einem Winter nicht abspurbar. Allein die mehrtägige Bayerwaldloipe führt auf 150 Kilometern in neun Etappen quer durch das ganze Gebiet von Lohberg bis Neureichenau. Gepäcktransport für wirkliche Langstreckenläufer ist kein Thema. Gerade mit Langlaufskiern bietet sich ein sportlich ambitioniertes Winterprogramm. Selbst in schneearmen Jahren findet man am Bretterschachten am Großen Arber bei Bodenmais meist beste Bedingungen. Auf einer Höhe zwischen 1100 bis 1300 Metern ist der Bretterschachten eines der schneesichersten Langlaufgebiete in ganz Europa. Aber eigentlich hat jede Ortschaft ihre eigenen Loipen, für Skating oder klassisch. Wirklich spannend werden die ganztägigen Touren, die wie etwa in Finsterau weit über die Grenze in den tschechischen Teil, den Nationalpark Šumava führen. Hier werden entlang der Loipen die Geschichten von Holzfällern, Bächen, Gräben und Grenzen erlebbar. Der alte Grenzübergang, die überkommenen Siedlungsstrukturen auf der tschechischen Seite, es sind spannende Zeugnisse jüngster Geschichte. Und es sind liebenswerte Begegnungen. 

Vielleicht war es nur Zufall, vielleicht ist es einfach so: Auf der tschechischen Seite trifft man viele Winterwanderer und Langläufer, die das Naturerlebnis vor den sportlichen Ehrgeiz stellen und oft stundenlang mit Isolierkanne und Brotzeit auf Tour sind. Aber ganz gleich, wo man seine Präferenzen setzen mag: Der Bayerische Wald und der Nationalpark sind ein unerschöpflicher Quell der Energie. Jeder findet sie auf seinem Weg.