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Reportagen

Schritt für Schritt

01.01.2018

Irgendwann spielt die Zeit keine Rolle mehr – Winterwandern im Bregenzerwald.

von Claudia Diemar (Text und Bilder)

Sieben Uhr früh in Lingenau. Der Wecker klingelt viel zu früh, ist noch nicht auf Ferien umgestellt. Also noch einmal umdrehen und weiterschlummern. 

Zwei Stunden später geht es wirklich los. Zunächst ein Stück mit dem Landbus nach Sibratsgfäll, das als Schneeloch der Region gilt und passgenau unter dicken weißen Polstern liegt. Doch der hier startende Weg nach Schönenbach ist gut ausgewiesen, und die grell-rosa Schilder für die Winterwanderer sind leicht zu erkennen. Anwesen mit Schindelfassaden sind in der Schneelandschaft verteilt. Alte Häuser mit silbrig blassem Schuppenkleid wechseln sich mit nagelneuen Fassaden aus honigfarbenem Holz ab. Die Schindelhäuser sind typisch für den Bregenzerwald. Ebenso wie sein weithin gerühmter Bergkäse und das niederschlagsreiche Wetter. Die Wolken hängen tief, aber noch bleibt es trocken. Herrliche Ausblicke, unter anderem auf die Rückansicht des Hohen  Ifen, hat die Wanderbeschreibung versprochen. Doch die Landschaft wirkt glanzlos, reduziert ihre Farben auf den weißen Schnee, die schwarzen Scherenschnitte der Bäume, das Himmelsgrau. 

Stille statt Stress

Nach und nach verebben die Geräusche. Bald ist allein das Schnurren des Schlepplifts zur Krähenbergalpe zu hören. Dann ertönt nur noch ab und an das zögernde Winterlied eines Vogels oder das Murmeln der Subersach in ihrem eisgesäumten Bett. Und die eigenen Schritte auf dem Schnee. Gestern war Stress, heute ist Stille. Gut so.

Wandern von Ort zu Ort, mit organisiertem Gepäcktransport von Hotel zu Hotel, das ist nicht neu. Jedenfalls im Sommer. Im Winter dagegen ist das Angebot mehr als rar. In Österreich bietet allein der Bregenzerwald eine solche Pauschale an und wirbt mit einer »ganz neuen Erfahrung«. Dabei weiß man doch längst um den Sinn des Wanderns und die »Entschleunigung«, die damit einhergeht.

Exzellentes Handwerk

Das Vorsäß Schönenbach ist erreicht. Es ist Zeit für eine Pause. Für seine Käsknöpfle ist das »Jagdgasthaus Egender« berühmt und serviert die regionale Spezialität stilecht in einer »Gepse«, einem urigen Holzgefäß. Während man genüsslich kaut, drückt sogar die Sonne halbwegs durch das Grau. Beim Rückweg glänzt die Landschaft wie eine Bühne in sanftem Schneepastell.

Am nächsten Tag wird noch einmal die eisgrüne Subersach überquert. Nach Egg führt der Weg zunächst, von dort über den Weiler Unterbach weiter nach Andelsbuch. Schneller als im Wanderprogramm angegeben, ist man da. Die gewonnene Zeit lässt sich gut im hiesigen »Werkraumhaus Bregenzerwald« vertrödeln. Die »Wälder« genannten Einheimischen machen nämlich nicht nur guten Käse, sondern sind seit Jahrhunderten als exzellente Handwerker bekannt. 1999 wurde der »Werkraum Bregenzerwald« gegründet. Seit 2013 präsentiert er sich in einem spektakulären Bau des Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor. Das »Werkraumhaus« versteht sich sowohl als Schaufenster regionaler Gestaltungskunst mit wechselnden Ausstellungen sowie als Forum, wo sich Handwerker und Kunden inmitten schöner, solider Produkte treffen. Besucher sind willkommen, zumal es sogar ein eigenes Restaurant gibt. Da sitzt man inmitten des Wahren, Schönen und Guten gemeinsam an langen Tischen und speist zu günstigen Preisen. So kommt man leicht ins Gespräch und begreift schnell, dass die »Wälder« keine Hinterwäldler sind. 

Schneefall setzt ein, also weiter, bevor das Gestöber noch dichter wird. Von Andelsbuch geht der Weg weiter auf der alten Wälderbahntrasse. Auf der nahen Landstraße zischen die Fahrzeuge vorbei. Erst als der kleine Stausee erreicht ist, knickt der Pfad ab und führt steil hinauf in den Wald, zurück zu sanfteren Lauten. Der Bezegg-Bach verläuft mal links, mal rechts des Weges, murmelt und gluckert unter Platten von Eis. Es hat aufgehört zu schneien, aber die Bäume werfen ihre Last als weiße Fetzen hinab. 

Am höchsten Punkt der Tagestour steht eine Gedenksäule an der Stelle, wo sich im Mittelalter das Rathaus der Wälderrepublik erhob. Es hatte keinen Zugang außer einer Leiter, mit der man über ein Fenster hineingelangen konnte. Und solange man sich nicht einig war, wurde die Leiter nicht wieder angestellt, und man musste weiter beraten bis zum Konsens oder Kompromiss. Welch sinnvoller Brauch, den man sich für manchen heutigen Krisengipfel wünschen würde! In Bezau warten die warme Dusche und das gemütliche Hotelbett. Draußen schneit es heftig.

Vergnügen im Neuschnee

Am Morgen ist alles frisch überzuckert. Und die Sonne ist endlich auch da. Neben der Loipe führt ein fast ebener Spazierweg über die verschneiten Wiesen und Weiden von Bezau zur Talstation der Gondelbahn. Sie schnurrt hinauf nach Baumgarten auf 1631 Metern Höhe. Im schick gestalteten Gipfelrestaurant kann man auf Wunsch einen Schlitten leihen und den Weg zur Mittelstation auf Kufen machen. Aber heute ist auch der Fußweg auf seidenweichen zehn Zentimetern Neuschnee ein Vergnügen. Bergahorn-Riesen stehen am Wegesrand wie knorrige Wächter. 

Mit jedem Meter nach unten wird es wärmer. »Viel zu warm für einen Wintertag«, meint ein einheimischer Schneeschuhgänger, der flott bergan schreitet. Wieder im Tal, beginnt der zweite Teil der Tagesetappe. Teilweise als Rundweg geht es nach Bizau und wieder zurück bis kurz vor Reuthe. Es geht zunächst erneut neben einer Loipe durch offenes Gelände. Bis zur alten Kirche in Reuthe mit ihren schönen Fresken ist das Wandern ein Vergnügen. 

Dann aber beginnt es zu regnen. Ein Blick aufs Handgelenk und die Laune ist endgültig dahin: Die Armbanduhr ist irgendwo unterwegs abgefallen. Aber eine Suche im Schnee wäre wohl zwecklos, und die Schultern sind ohnehin schon durchgeweicht. Die nette Rezeptionistin im »Gesundhotel Bad Reuthe« verspricht, wegen der Uhr für alle Fälle das Fundbüro anzurufen. Dann endlich eine heiße Dusche, ein paar Saunagänge und lange Züge im Pool. 

Am nächsten Morgen ruft die Dame vom Gemeindeamt an: Am Wegesrand sei gestern Abend eine Armbanduhr gefunden worden. Da ist sie wieder, die verloren geglaubte Zeit! Und auch die Wintersonne strahlt wieder, bei der kleinen Zusatztour nach Reuthe zum Fundbüro. Ein unverhofftes letztes Pausenzeichen vor der Heimreise.