Newsletter

Reportagen

Pilgern auf Norwegisch

Fundin – einer von vielen Seen am Trail im Dovrefjell

Fundin – einer von vielen Seen am Trail im Dovrefjell

© Joachim Chwaszcza

Das Olavskreuz weist den Weg.

Das Olavskreuz weist den Weg.

© Joachim Chwaszcza

Ingrid in Melso Gård repariert das Geländer der Pilgerherberge kurzerhand selbst.

Ingrid in Melso Gård repariert das Geländer der Pilgerherberge kurzerhand selbst.

© Joachim Chwaszcza

Nicht mehr weit!

Nicht mehr weit!

© Joachim Chwaszcza

Bunte Häuser am Nidelva-Flussdamm in Trondheim

Bunte Häuser am Nidelva-Flussdamm in Trondheim

© Visitnorway.com/Knut Aage Dahl

© Joachim Chwaszcza

Der Olavsweg oder Gudbrandsdalsweg führt von Oslo nach Trondheim – 639 Kilometer von Süd nach Nord, quer durch das weite, oft menschenleere Norwegen.

Joachim Chwaszcza (Bilder und Text)

Es ist ein besonderer Weg, denn auf dem Olavsweg unterwegs zu sein, bedeutet Ruhe zu finden. Alles beginnt in Oslo, der malerischen und quirligen Hauptstadt. Statt durch die hektische Kapitale zu schlendern, tingeln wir mit dem Linienboot über die kleinen Inseln im Fjord. Inselhopping zum Wanderauftakt. Wir besuchen das Pilgerzentrum wenige Meter hinter der Olavskirche, in der man uns in gepflegtem Deutsch noch wichtige Tipps gibt. Ob wir denn einen Segen wollen? Warum nicht.

Die ersten Tage sind mühsam, Wälder können anstrengend sein. Wo sind die Weitblicke, die markanten Formationen, die beeindruckenden Silhouetten? Und der Rucksack drückt von Anfang an, was vorherzusehen war. Natürlich haben wir sparsam gepackt, aber weniger ist mehr. Mit jedem artig entsorgten Teil werden wir leichter und freier. So einfach ist das – auch das kann man lernen.

Unterwegs im weiten Nichts

Wir nehmen für einen Abschnitt den Zug nach Dombås, Ziel ist das Dovrefjell. Jetzt kommen die Königsetappen. Ankunft am frühen Mittag, dann laufen wir los. Rein in die schroffe Bergwelt, raus aus dem Wald. Und plötzlich hat uns der Olavsweg gepackt. Mit jedem Schritt über den Hardbakken, einen sanft ansteigenden Bergrücken, öffnen sich der Blick und das Herz. Plötzlich sind wir im weiten Nichts. Ein paar Schafe, unendliche Weiten, fein skaliert und beeindruckend schön gemalt in den herbstlichen Farben des Nordens. Islandmoos und Flechten, die an den wenigen Bäumen hängen, Schneereste auf fernen Gipfeln und ein Weg, der sich in der Weite verliert.

Für viele ist der Olavsweg ein spiritueller Weg, ein echter Pilgerpfad. Das ist gut so, denn viele der Herbergsleiter betreiben ihre Pilgerunterkunft mit einer eher starken religiösen Bindung. Den Zugang dazu ebnet für uns im Dovrefjell die Herberge in Fokstugu. Wer durch das weiße Tor des Gehöfts tritt, wird von Christiane mit Namen begrüßt. Welch ein netter Empfang nach dem harten Wandertag über den Hardbakken und durch die Steinwüste des Dovrefjell! So herzlich wie die Begrüßung ist auch die Bewirtung: Blaubeerkuchen und Tee. Christiane und ihr Mann Lauritz haben im ältesten Gebäude des Gehöfts eine kleine Kirche gebaut, in der morgens und abends die Pilger zusammenkommen. Schade, wir müssen weiter, denn ab Ende August hat die Herberge geschlossen. Sie müssen sich um die 800 Schafe kümmern, die sie seit zwei Wochen aus dem Fjell zurückholen. Der Winter kündigt sich an, und am übernächsten Tag hat es tatsächlich weit heruntergeschneit. Aus dem Regen wurde Schnee, und am Morgen leuchtet die 2286 Meter hohe Snøhetta weiß in der eiskalten Morgensonne.

„Viele starten als Sportler und kommen als Pilger hier an.“

Cathrine Roncale, Pilgercenter am Nidarosdom in Trondheim

Wir haben das Dovrefjell hinter uns gelassen und tauchen wieder ein in die Wälder vor Trondheim. Es sind noch mehr als 140 Kilometer zu gehen. Inzwischen sind uns auch die Wälder, die nur so strotzen vor Pilzen und Beeren, lieb geworden. Unser Vitaminbedarf wird unterwegs mit Blau- und Preiselbeeren gedeckt. Jetzt gilt es, vor allem Strecke zu machen, denn der Fjord rückt näher. Und wenn man dann am Ende des Tages am Ziel ist und so herzlich von Ingrid in Melso Gård empfangen wird mit Kaffee und Waldbeerenkuchen, dann sind auch die Mühen des Pilgerns wieder vergessen.

Der Weg zum Fjord beginnt mit dem Besuch der Kirche in Skaun. Es ist eines der vielen uralten Kirchlein mit mächtigen Mauern und schlichter Schönheit aus dem 12. Jahrhundert. Links und rechts vom Eingang sind zwei kleine Kammern, es waren die Waffenkammern. Die Kirche durfte man nur unbewaffnet betreten, was den wehrhaften Wikingerrecken schwergefallen sein dürfte. 

Wie selbstverständlich führt von hier der Weg zum Fjord erst einmal durch den Wald. Und zwar bergauf, und das ganz schön lange. Aber dann kommt er doch, der Fjord mit seiner ganzen strahlend blauen Wucht. Ein Traumblick, ein Traumtag, der mit einer wildromantischen Kahnfahrt über die Gaula zur Pilgerherberge in Sundet Gård seine Krönung findet. John Wanviks Familie lebt seit 1659 auf dieser Farm, seit dieser Zeit setzt seine Familie die Pilger über. Johns Frau trägt den seltenen Vornamen Karon, die norwegische Variante von Charon, altgriechisch: „Fährmann“. Eine mystische Fahrt über einen dunklen Fluss. 

Olav ist nicht der neue Jakob

Wir sitzen abends im engsten Kreis bei Karon und John zusammen, es sind die immer gleichen Leute, die man auf den Etappen trifft. Das liegt in der Natur der Sache. Aber keine Sorge – Olav ist nicht der neue Jakob. Gerade einmal 657 Pilger hat Christiane in Fokstugu dieses Jahr begrüßt, und jeder kommt bei ihr vorbei. 350 dieser Pilgerwanderer kamen aus Deutschland. Auf dem Jakobsweg dagegen waren es im Jahr 2018 über 327.000 Pilger und Wanderer aus 177 Nationen. Also, alles ist überschaubar, schade nur, dass es für uns bald vorbei ist. Morgen sind wir am Ziel, am Nidarosdom in Trondheim. Hier liegt der heilige Olav begraben, jener norwegische König, der in der Schlacht von Stiklestad im Juli 1030 getötet, zum Märtyrer stilisiert und wenige Jahre später wohl heiliggesprochen wurde. 

Unser Abenteuer endet morgen am Dom, zumindest was den Weg anbelangt. Was die Seele betrifft, hat sich der Weg bei uns unvergesslich eingegraben. Es waren Tage, an denen wir den ganzen Tag keinem Menschen begegnet sind, Tage, an denen uns der peitschende Regen die letzten Nerven geraubt hat, Tage, an denen der Rucksack gedrückt hat und manchmal abends die Mahlzeiten eher karg als lohnend waren. Und dennoch, es waren seit Jahren die vielleicht schönsten und erfüllendsten Tage.