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Reportagen

Harmonisches Doppel

„Companya Musical“ aus Barcelona 2017 beim Konzert in der Pfarrkirche Saint Maria d’Avià

„Companya Musical“ aus Barcelona 2017 beim Konzert in der Pfarrkirche Saint Maria d’Avià

© Gesine Unverzagt

Wanderer vor Sant Quirze de Pedret, einer präromanischen Kirche im mozarabischen Stil

Wanderer vor Sant Quirze de Pedret, einer präromanischen Kirche im mozarabischen Stil

© ITER Spain

Das Dorf Gósol ist umgeben von hohen Bergen.

Das Dorf Gósol ist umgeben von hohen Bergen.

© ITER Spain

Uralte Kirchenkunst wartet versteckt in den katalanischen Pyrenäen. Das „Festival der Alten Musik“ bringt den mystischen Zauber der romanischen Architekturjuwele wundervoll zum Schwingen.

Gesine Unverzagt (Bilder und Text)

„Seit 2011 bemühen wir uns, die Vorpyrenäen durch Europas größtes Festival für Alte Musik aufzuwerten, und das grenzüberschreitend“, sagt Josep Maria Dutrèn, künstlerischer Direktor des „Festival de Musica Antiga dels Pirineus“ (FeMAP). 2016 waren es 43 Konzerte in 28 Dörfern – meist in Spanien, aber auch in Frankreich und Andorra. Durch das Festival sollen Kulturreisende musikalische und kunsthis-torische Highlights der Region entdecken. 

Die weitgehend unbekannte Gegend bietet mit einer Vielzahl romanischer Kirchen den perfekten Rahmen für Alte Musik. Neben den Konzerten werden Kloster- und Kirchenführungen angeboten. Auch Wanderungen durch die gigantische, dicht bewaldete Bergwelt mit Picknick und anschließendem Konzert locken immer mehr Gäste ins katalanische Hinterland. 

In dem Bergdorf Avià tritt die „Companya Musical“ aus Barcelona auf. Ihr Repertoire besteht aus vergessenen Barockgesängen regionaler Komponisten aus dem 16. und 17. Jahrhundert. „Das Festival wird immer bekannter, immer mehr interessierte Touristen kommen. Es sind Gäste, die nicht nur Strand und Sonne suchen, sondern auch Freude an unserer vergessenen Kultur haben. Barcelona, wo sich Touristen auf die Füße treten, ist nur eine Autostunde entfernt“, berichtet Josep Maria Dutrèn in der Sakristei der Pfarrkirche Saint Marti d’Avia nach dem bejubelten Chorkonzert.

Krypta, Kapelle, Kathedrale

Auf einem der Wanderwege überqueren wir eine Sandsteinbrücke aus dem 13. Jahrhundert über den rauschenden Fluss Llobregat, wonach es auf einem alten Pilgerpfad steil nach oben geht. Dort, hoch oben auf einem Berg der Vorpyrenäen, thront die Pilgerkirche Sant Quirze de Pedret. Die Kirche aus dem 9. Jahrhundert gilt als eines der am besten restaurierten Gotteshäuser der Präromanik. Kunsthistoriker schätzen nicht nur die romanische Architektur des Kirchenbaus, sondern auch die wertvollen Fresken im Innenraum. Weil nur wenig Platz ist, finden hier lediglich Kammerkonzerte statt. 

Ganz anders im Castell oberhalb des Ortes La Seu d’Urgell. Als Professorin für Barockvioline stellt Amandine Beyer mit ihrem Ensemble „Gli Incogniti“ mit Werken von
Henry Purcell ihr Können unter Beweis. Die Festungsanlage, heute ein Luxushotel, ist perfekter Ort für ein besonderes Konzert. Die Bischofsstadt La Seu d’Urgell hat auch sonst viel zu bieten, wie z.B. die mächtige Kathedrale Santa Maria, die in bestem romanischem Stil im 11. Jahrhundert entstand. Auch hier und in der benachbarten Kapelle finden „FeMAP“-Konzerte statt. Etwas außerhalb der Stadt besuchen wir die kleine, romanische Kirche Sant Esteve d’Olius. Um dort in der engen, dunklen Krypta überhaupt etwas zu erkennen, ist eine Taschenlampe zweckdienlich.

Wer in den heißen Sommermonaten an Wanderungen teilnimmt, sollte am besten schon am frühen Morgen losziehen und nicht vergessen, sich vor der intensiven Sonne zu schützen. Die Wanderwege sind gut gekennzeichnet, die Landschaft lieblich bis spektakulär. An Tafeln werden Flora und Fauna erklärt, leider häufig nur auf Katalan, was selbst mit Spanischkenntnissen schwierig zu verstehen ist. 

Im Städtchen Solonas lernen Besucher auch riesige Puppen kennen, „Gigantes“ genannt, die prächtig dekoriert bei dortigen Prozessionen eine wichtige Rolle spielen. Auch der Besuch eines Korbflechters, der die Körbe immer noch traditionell in mühseliger Handarbeit herstellt, ist im Programm.

Picassos Sommerfrische

Auf einer der Wanderungen erreichen wir das idyllische Dorf Gósol. Wir erfahren, dass Picasso sich hier mehrere Monate auf Anraten seines Arztes mit seiner damaligen Freundin Fernande Olivier aufhielt. Ein kleines Museum zeigt Kopien seines Schaffens, während er dort lebte. Die Motive fand er im täglichen Dorfleben, u.a. die „Frau mit Broten“, wobei eine Frau, wie früher in den Dörfern üblich, Brot auf dem Kopf transportiert. Auf dem Marktplatz auf dem Brunnensockel steht heute als Denkmal die Nachbildung des berühmten Gemäldes. Man sagt, das Bild hätte Fernandes Gesicht. 

Die Pyrenäen allerdings überzeugen nicht nur durch Kunstgeschichte, Musik und wunderbare Natur – kleine Restaurants in den Bergdörfern überraschen mit hervorragender Kulinarik. So auch in Gósol. Im Restaurant „El Forno“ am Marktplatz werden delikate Kreationen aufgetischt, begleitet von köstlichem Wein.