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Reportagen

Frühlingsgefühle

Anfang Mai wird in Córdoba der Frühling gefeiert, u.a. mit der „Batalla de las Flores“

Anfang Mai wird in Córdoba der Frühling gefeiert, u.a. mit der „Batalla de las Flores“, zu der Alt und Jung in traditionellen Gewändern erscheinen.

© Claudia Diemar

Patio in der Calle de San Basilio 44

Mehr als 4000 Patios gibt es in der andalusischen Stadt Córdoba. Einmal im Jahr, zur „Fiesta de los Patios“ im Mai, öffnen viele Besitzer die Türen zu ihren Innenhöfen, hier der Patio in der Calle de San Basilio 44.

© Claudia Diemar

Brücke über den Guadalquivir, mit der Mezquita-Kathedrale im Hintergrund

Brücke über den Guadalquivir, mit der Mezquita-Kathedrale im Hintergrund

© Fotolia – A. Ruiz

Bunte Straße im alten Judenviertel von Córdo

Bunte Straße im alten Judenviertel von Córdoba

© M. Blanke

Ohne Flamenco keine Fiesta im Süden Spaniens

Ohne Flamenco keine Fiesta im Süden Spaniens

© Fotolia – corradobarattaphotos

Nelken als Wurfgeschosse, Tanz vor Blumenkreuzen und Innenhöfe in Blütenpracht: Córdoba feiert den Mai mit anmutigem Überschwang.

Claudia Diemar (Bilder und Text)

Córdoba im Hochsommer, das ist die Hölle, bis zu 50 Grad heizt sich die Stadt auf“, sagt die Frau, die an der Bude mit den frisch gekochten Schnecken steht, die gern zu einem Bierchen gegabelt werden. Jetzt im Frühling, zur Schneckenzeit, ist Córdoba dagegen ein Sehnsuchtsort. Es duftet nach Orangenblüten von den Alleebäumen, die gleichzeitig schwer behängt mit den reifen Goldfrüchten sind. Die Temperaturen sind mild, die Tage schon lang und allerlei Vergnügungen stehen an. Fiesta statt Siesta: Der Mai ist die Zeit des Feierns in Córdoba.

Fünfzig Maikreuze sind in der ganzen Stadt aufgestellt, vor vielen wurde ein ambulanter Wein- und Bierausschank eingerichtet. Lautsprecher scheppern schmissige Takte. Die Sevillana ist ein von Flamenco abstammender Paartanz, bei dem man in gegenläufigen Synchronbewegungen um einander herum wirbelt. Ohne Sevillana ist in Córdoba kein Volksfest denkbar, erst recht nicht im Wonnemonat Mai.

Dicht an dicht sind die Kreuze mit Blumen besteckt. Der Brauch der Maikreuze geht zurück auf die Suche nach „La Vera Cruz“, dem wahren Kreuz Christi also, eine der wichtigsten Reliquien überhaupt. Das Kreuz steht aber auch für die Reconquista, die Rückeroberung der über Jahrhunderte arabisch geprägten Iberischen Halbinsel. 

„Stadt der Wunder“

nannten die Mauren Córdoba schon im 10. Jahrhundert.

Córdobas Ruhm aber ist genau in jener Blütezeit der maurischen Kultur begründet. Christen, Juden und Muslime lebten seinerzeit in multikultureller Eintracht. Im 10. Jahrhundert zählte Córdoba als damals größte Stadt Europas fast eine Million Einwohner. Ärzte, Philosophen und Theologen lehrten an der Universität. In diese Zeit fällt auch der Bau der später zigmal erweiterten Großen Moschee. Ihr Inneres ist ein Wald von fast neunhundert schlanken Säulen aus Onyx, Marmor und Granit, die von rosa-weiß gestreiften Bögen aus Sandstein gekrönt werden. Die Mezquita mit ihrer reich dekorierten Gebetsnische gilt als das großartigste islamische Bauwerk auf europäischem Boden. Selbst die christlichen Rückeroberer waren beeindruckt: Die Moschee wurde nicht, wie sonst üblich, dem Erdboden gleichgemacht, sondern die neue Kathedrale vielmehr einfach mitten hinein gebaut.

Am nächsten Tag ist es mit der Andacht vorbei. Gegen Mittag sind Massen von Menschen unterwegs zum Paseo de la Victoria. Mit knallbunten Papierblumen geschmückte Festwagen rollen im Schritttempo vorbei. Dicht an dicht sitzen Männer mit Sombrero und Frauen in Flamencokleidern auf den Wagen. Winzige Buben und Mädchen hocken als nicht minder stolze Spanier zwischen den Großen. Was nun beginnt, nennt sich „Batalla de las Flores“ und ist die denkbar sanfteste aller Schlachten. Mehr als 100.000 Nelken sind angeliefert und von den Stängeln befreit worden. Die Blütenköpfe werden als Wurfgeschosse von der Besatzung der Karossen auf die Schaulustigen geschmettert und von diesen zurück auf die Festwagen geworfen. 

Doch damit sind die Maifeiern noch lange nicht beendet. Im Wonnemonat gewährt die Stadt nämlich auch Einblicke in ihre schönsten privaten Refugien. Die Patios, also Innenhöfe, sind ebenfalls in der maurischen Tradition begründet. Umschlossen von Mauern finden sich in den cordobesischen Anwesen kleine und große Schattenreiche mit Pflanzen und Brunnen. Bei der „Fiesta de los Patios“ sind Dutzende dieser verborgenen Oasen für das Publikum geöffnet. Ein Stadtplan mit markierten Routen und den Adressen der beteiligten Innenhöfe weist den Weg. Ganz oben auf der Liste der beliebtesten Patios steht der in der Calle Marroqies Nr. 6, um den sich malerische Katen aus dem 19. Jahrhundert gruppieren. 

„Die schönsten Blumen auf Erden sind die Frauen“

Señor Augustin Fraguero

Die 85-jährige Doña Josefa wohnt seit ihrer Kindheit hier und pflegt noch immer gemeinsam mit den Nachbarn die Blütenpracht. Grellrosa büschelt Bougainvillea vor den in Ultramarin gestrichenen Fenstern und Türen. Genau wie diese Oase ist auch der Patio in Calle Chaparro 3 fast immer unter den prämierten Innenhöfen. Doch hier handelt es sich um moderne Wohngebäude, die fast hinter dem üppigen Pflanzenschmuck verschwinden. Rafela, Lola und Toni kümmern sich um das Grünen und Blühen, gießen täglich zwei Stunden in wöchentlich wechselndem Turnus. 

José-Luis Arena ist dagegen zum ersten Mal als Teilnehmer beim Wettbewerb dabei. Er präsentiert sein privates Refugium in der Calle Juan Rufo. Meterhoch hängen die blauen Töpfe an der weiß gekalkten Wand. Señor Arena zeigt, wie das mühsame Gießen vonstatten geht. An einer langen Stange ist ein Gefäß befestigt, das genug Wasser für ein bis zwei Pflanztöpfe fasst. Dutzende Male muss es wieder gefüllt werden, bis alle Pflanzen versorgt sind. „Ein Patio macht ungeheuer viel Arbeit, man braucht eine echte Passion dafür“, erklärt der Blumenliebhaber. 

Besonders viele sehenswerte Patios liegen im ohnehin höchst malerischen und dabei authentisch gebliebenen Stadtteil San Basilio westlich des Alcázars. Das üppigste Innenhof-Refugium findet sich in der Calle San Basilio 44. Der vom Verein „Freunde der cordebesischen Patios“ gepflegte Innenhof ist sogar das ganze Jahr über für Besucher offen, da hier Kunsthandwerker ihre Werkstätten betreiben. Petunien, Geranien und Hibiskus blühen an den sonnigen Flecken, in schattigen Ecken gedeihen Hortensien und Gardenien. Der hochbetagte Alterspräsident des Vereins ist Señor Augustin Fraguero. Gefragt nach seiner Lieblingspflanze, antwortet er schelmisch: „Die schönsten Blumen auf Erden sind die Frauen“. 

Wenn die erste Hitzewelle über Córdoba herfällt, ist das zwölftägige Festival der Innenhöfe längst vorbei. Dann sitzen die Nachbarn wieder in aller Ruhe auf Schaukelstühlen in ihren kleinen Refugien, hören dem Murmeln der Brunnen zu, gießen ihre Pflanzen und erfreuen sich an der ganz privaten Blütenpracht. Jetzt heißt es wieder: Siesta statt Fiesta!