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Reportagen

Eine Träne für Yogi

Zwei spielende Braunbären

Zwei spielende Braunbären

© Wild Taiga

Bärenmännchen direkt vor einem Fotounterstand

Die großen Bären­männchen kennen den Fotounterstand bereits und trauen sich nah heran.

© Wild Taiga

Gäste aus aller Welt in einem der Fotounterstände

Gäste aus aller Welt warten im Fotounterstand geduldig und still darauf, einen Bären direkt vor die Linse zu bekommen.

© Wild Taiga

Braunbär unter einem Himmel mit Polarlicht (Aurora borealis)

Braunbär unter einem Himmel mit Polarlicht (Aurora borealis)

© Wild Taiga

Der Braunbär ist in Europa nicht mehr weit verbreitet. Ihn in freier Wildbahn zu beobachten, ist kaum möglich. Nur in Finnland gibt es die einzigartige Chance, die braunen Riesen sogar aus nächster Nähe zu erleben.

Eduard Goßner (Text)

Yogi, der Bär, ist ein Philosoph. Da ist sich Kari Kemppainen ganz sicher: „Manchmal sitzt er ganz entspannt da, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Dann sieht es aus, als denkt er über das Dasein nach.“ Kari hat zusammengerechnet über vier Jahre seines Lebens in Beobachtungshütten verbracht, um Tiere und vor allem Bären in der freien Natur zu filmen, zu fotografieren und zu beobachten. Er erzählt von den pelzigen Gesellen, als könnte er ihnen in die Seele blicken, und er lässt gerne Besucher aus aller Welt an seinen Begegnungen mit dem „König des Waldes“ teilhaben. 

Rajavyöhyke – das Niemandsland – ist der wahrscheinlich beste Ort, um europäische Braunbären zu beobachten. Die Grenzzone zwischen Finnland und Russland darf nicht jeder betreten. Man braucht eine besondere Genehmigung, um das Sperrgebiet zu besuchen.

Fütterung im Niemandsland

So leben hier die vier großen Raubtiere des Nordens ziemlich ungestört. Bär, Wolf, Luchs und Vielfraß finden zudem einen reich gedeckten Tisch – nicht nur wegen der vielen Elche und Rentiere. Die Räuber des Waldes dürfen sich hier draußen an ganz besonderen Häppchen laben. Nachmittags zwischen vier und fünf Uhr ist Fütterungszeit im Niemandsland. Kari fährt mit seinem alten Schneemobil auf eine sumpfige Lichtung. Er verstreut 50 Kilogramm Fischreste und Hundefutter und bereitet so die Bühne für das große Fressen. Karis Gäste nehmen in einer großen Holzhütte am Waldrand Platz. Alle be-obachten gespannt die Sumpffläche. Lange müssen sie nicht warten. Schon nach wenigen Minuten erscheint Metsän Kuningas – der „König des Waldes“. Ein mächtiger Braunbär marschiert zielstrebig zum ausgelegten Futter. Es ist Yogi, der alte Bekannte von Kari: „Yogi ist etwa 14 Jahre alt. Er ist sehr freundlich, ein ganz besonderes Tier. Ich kenne rund 300 verschiedene Bären, aber Yogi ist wirklich einzigartig.“ 

Kari zeigt auf die andere Seite der sumpfigen Lichtung: „Okay, da kommt noch ein anderer, ein kleinerer, jüngerer Bär.“ Umflattert von einer kreischenden Möwenschar, machen sich Yogi und der Neuankömmling über die Fischreste her. Kurz darauf kommt noch ein weiterer Bär dazu. Kari kennt sie alle: „Der jüngere ist etwa vier Jahre alt. Der dritte ist ein großes, starkes Männchen. Die beiden haben keinen Namen. Nur ganz besondere Bären bekommen einen Namen.“ 

Die Fotokameras piepsen, die Verschlüsse klicken. Begeistert beobachten Karis italienische, französische, deutsche und englische Gäste, wie zwei der Bären immer näher an die Hütte herankommen. Es ist Yogi, gefolgt von dem Mutigeren der beiden Jungbären. Bald ist Yogi so nah, dass man auf seiner Nase Narben erkennt. Schließlich sind die beiden Bären nur noch zwei Meter von der Hütte entfernt und machen sich geräuschvoll über das Hundefutter her. Man hört sie kauen und schnaufen, und man kann sie riechen. In der Hütte versuchen die Bären-Beobachter möglichst keine Geräusche zu machen. Kari erklärt flüs-ternd: „In den neun Jahren, in denen ich die Bären anfüttere, haben sich die großen Männchen daran gewöhnt, dass hier eine Menge Leute sind und viel Lärm machen. Aber wir haben auch sehr scheue Bären, die niemals so nahe herankommen. Manche kommen nur, wenn es dunkel ist.“ 

Im östlichen Mittelfinnland bieten etwa 15 Wildniscamps die Möglichkeit, Bär, Wolf, Luchs und Vielfraß in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Etwas Vergleichbares gibt es sonst nirgendwo, und so kommen Besucher aus der ganzen Welt hierher. Alle sind begeistert, auch Kim aus England: „Ich dachte nicht, dass wir einen wilden Bären zu Gesicht bekämen, höchs-tens mit ganz viel Glück. Aber kaum als wir in dem Versteck waren, tauchte ein Bär auf. Und dann noch einer und noch einer. Ich habe Tränen in den Augen, so rührt mich das an. Es ist wundervoll.

Mit Erfindung die Bären ausgetrickst

Der erste Finne, der den Bären nicht mit dem Gewehr, sondern mit der Kamera auflauerte, war Ende der 1970er Jahre Eero Kemilä. Erst kletterte er wie die Jäger damals auf Bäume. Bald wollte er die Tiere aber auf Augenhöhe vor das Objektiv bekommen. So kam er auf die Idee, sich eine kleine Ansitzhütte zu bauen. Zunächst blieb der Erfolg aus, weil die Bären ihn in der Hütte „erschnüffelten“. Mit einer besonderen Erfindung überlistete er die empfindlichen Bärennasen: Er setzte ein fünf, sechs Meter langes Abluftrohr auf sein Fotoversteck. Mit dieser kaminartigen Konstruktion leitete er die menschlichen Gerüche ab, und die Bären blieben ganz entspannt. Auch Karis
Fotounterstände werden nach diesem System „entlüftet“. 

Yogi und sein Kumpan haben sich satt gefuttert und sind abgezogen. Auf der großen, sumpfigen Lichtung kehrt etwas Ruhe ein, und in dem Fotounterstand mit internationaler Besetzung legt sich die Aufregung etwas. Kari hat Zeit, die vielen Fragen seiner Gäste zu beantworten. „Wir haben verschiedene Fotoverstecke. Neben diesem Sumpf-areal hier haben wir noch ein Versteck an einem kleinen See, eines im Wald und ein Versteck, das wir ‚Heavens Place‘ nennen. Dort kann man die Bären vor einem Sonnenuntergang fotografieren oder auch vor einem Sternenhimmel.“

Glück unterm Regenbogen

Das Licht über dem Niemandsland verändert sich. Die Abendsonne findet für kurze Zeit eine Lücke in den Wolken. Leichter Nieselregen bricht das Sonnenlicht. Ein Regenbogen spannt sich über die finnisch-russische Grenze. Vom nahen Waldrand aus betrachtet ein Bär in-teressiert die Hütte. Ein anderer stampft zögerlich und unschlüssig in größerer Entfernung über die Lichtung. Zehn Augenpaare verfolgen das Schauspiel – manches erfüllt von einer Träne.