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Reportagen

Bühne frei für Buenos Aires

Die Plaza del Congreso wird dominiert von dem Monumento a los Dos Congresos

Die Plaza del Congreso wird dominiert von dem Monumento a los Dos Congresos, einem Werk des belgischen Bildhauers Jules Lagae von 1914.

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Tango-Begeisterung kennt kein Alter.

Tango-Begeisterung kennt kein Alter.

© Shutterstock/elbud

stählerne Blume Floralis Genérica in der Mitte des Plaza de las Naciones

Die stählerne Blume Floralis Genérica in der Mitte des Plaza de las Naciones war 2002 ein Geschenk des argentinischen Architekten Eduardo Catalano an die Stadt.

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Buchhandlung „El Ateneo Grand Splendid“ in einem historischen Theatergebäude im Stadtteil Recoleta

Die imposante Buchhandlung „El Ateneo Grand Splendid“ befindet sich in einem historischen Theatergebäude im Stadtteil Recoleta.

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Die Puente de la Mujer, eine elegante Hängebrücke, überspannt das Hafenbecken im schicken Puerto Madero.

Die Puente de la Mujer, eine elegante Hängebrücke, überspannt das Hafenbecken im schicken Puerto Madero.

© Adobe Stock/vladimirnenezic

Von berühmten Klischees –Tango, Steaks, die breitesten Avenidas der Welt und mehr Fußball als in jeder anderenMetropole – zur Liebe auf den zweiten Blick

Bernd Schiller (Text) 

 Tor zur Pampa? Stopover auf dem Weg nach Patagonien? Sprungbrett in die Anden oder zu den Iguazu-Fällen, die sich Argentinien und Brasilien im tropischen Herzen Südamerikas teilen? Das alles ist Buenos Aires auch. Aber Baires, wie die Porteños, die Einwohner, ihre Metropole nennen, ist weit mehr: ein Mikrokosmos. Und schon auf den zweiten und erst recht auf den dritten Blick ein Traumziel für Stadt-Entdecker, für Kultur-Reisende, für Nachtschwärmer und Spurensucher, die hier, am anderen Ende der Welt viel altes Europas finden: Kaffeehäuser wie in Wien, Piazzas oder Plazas wie in Rom und Madrid, Boulevards wie in Paris. Besonders sympathisch sind die neuen Szene-Viertel und Hipster-Qartiere, die zum Flanieren, Shoppen, Café-Hocken oder zum Joggen und Relaxen in den großen Parks verführen. 

Die Engländer haben Rugby, Polo, Fußball und ein elitäres Clubleben importiert, die Franzosen das Savoir-vivre, zum Beispiel Wein und Käse. Von den Italienern ist bis heute die Grandezza, die geschmackvolle Kleidung, das Eis und das gute Essen geblieben. Und die Deutschen? Sie haben Turnvereine, Kirchen und renommierte Schulen gegründet. Und natürlich haben all die anderen, die Peruaner und Bolivianer, die Osteuropäer und nicht zuletzt die Juden, ihren Barrios, ihren Vierteln, den Stempel ihrer Herkunft aufgedrückt. 

In der Großregion Buenos Aires, dem buntesten Schmelztiegel Südamerikas, leben heute mehr als zwölf Millionen Menschen. Der französische Intellektuelle André Malraux hat diese Megametropole am Rio de la Plata schon vor Jahren eine „Hauptstadt eines Imperiums, das nie existiert hat“ genannt.

Wo der Gaucho steppt

Bummeln wir, gut versorgt mit den Tipps deutschstämmiger Freunde, die in zweiter und vierter Generation am Rio de la Plata leben, durch traditionelle Barrios und junge Szeneviertel. Starten wir in San Telmo, das in kurzer Zeit zu meinem Lieblingsviertel geworden ist: Ungefähr auf der Mitte zwischen der Plaza de Mayo, dem Herz der City, und dem Touristen-Rummelplatz La Boca, wo einst der Tango erfunden wurde, breitet es sich aus: bunt oder flirrend, schick oder shabby, altmodiscch oder alternativ, neureich oder authentisch, von allem etwas, und alles dicht beieinander. Beliebter Treffpunkt ist die Plaza Dorrego, gesäumt von Antiquitätenläden, Galerien und Szene-Cafés. Und dann ab durchs romantische Gassengewirr bis zum subtropischen Lezama-Park. Unterwegs bieten die Kontraste Blickfänge und Fotomotive: altmodische Balkone, an denen Vogelkäfige hängen oder frisch gewaschene Hemden, nebenan durchgestylte Lofts vom Teuersten. An den Wochenenden wird buntes Gratis-Programm geboten: tagsüber Flohmarkt in der Defensa-Gasse, abends und bis in die Nacht steppt der Gaucho auf der Straße, zum Beispiel vor der Kirche San Pedro Gonzales. Hier wie in der alten Markthalle finden sich reichlich Kitsch und Kunst, Typen und Charaktere.

Wenn San Telmo eher die Boheme-Szene repräsentiert, steht das weit größere Viertel Palermo im Nordwesten vor allem für modische Trends mit einem Hauch von Subkultur – vor allem in seinen Nachbarschaften Soho, Palermo Hollywood und Las Cañitas. Aber auch für große Kunst, etablierte wie im Lateinamerikanischen Museum oder extravagante wie im Museo Xul Solar, das einem expressionistischen Maler gewidmet ist. Auch das Museo Evita, das Museum für Eva Perón, liegt in diesem Stadtteil, ideal für eine Pause. 

Das Wetter ist schön, ein milder Spätsommertag. Der März ist eine gute Zeit für Reisen auf die Südhalbkugel, wo jetzt der Sommer langsam ausklingt. Also frühstücken wir im Gartenrestaurant nebenan, bis das Museum öffnet. María Eva Duarte de Perón, genannt Evita, einst Primera Dama von Argentinien, dort vor hundert Jahren geboren, wurde nur 33 Jahre alt; sie spielte gerade mal sieben Jahre eine aktive Rolle in der argentinischen Politik – und sie ist schon seit 67 Jahren tot. Aber sie lebt weiter – vor allem in den Herzen der kleinen Leute von Buenos Aires. Für sie wird sie, die erfolgreiche Kämpferin für ihre Rechte, für immer eine Heldin, ja: eine Heilige bleiben. Das Museum im vornehmen Süden von Palermo, zeigt historische Videos, Fotos und Zeitungsartikel, Kleidungsstücke und Schmuck, es bietet eine Zeitreise für die vorwiegend älteren Besucher. Auf dem Friedhof im Nobelviertel Recoleta hat Evita nach ihrem kurzen, aufregenden Leben ihre letzte Ruhe gefunden. Diese Totenstadt mit ihren prunkvollen Mausoleen gilt als schönster Friedhof Südamerikas.

Tango: Poesie und Leidenschaft

Was hat der Tango in seiner Geburtsstadt mit Mallorca oder Bali oder Sri Lanka gemeinsam? Wer diese Ziele vor dreißig und mehr Jahren kennengelernt und sie seither mit der damaligen Perspektive in seinem Herzen bewahrt hat, wird heute behaupten, diese oder jene Insel sei nicht mehr „seine“; zu viel habe sich verändert, die Seele sei verloren gegangen.

So ähnlich ist es mit dem Tango in Buenos Aires. Die Insider, die Kenner und Liebhaber der Szene, nicht zuletzt die übrig gebliebenen Künstler selbst, beklagen den Niedergang ihrer Volkskultur. Zur Show sei sie verkommen, zum schnellen Geschäft für Gruppen, oft von mafiösen Strukturen beherrscht. Nur ums große Geld gehe es dort, weit weg von den Wurzeln, die in den ehemaligen Arbeitervierteln von Buenos Aires liegen.

Das alles wird wohl leider wahr sein. Und doch lässt sich die „alte“, die echte Tangoszene nicht unterkriegen. Noch immer finden sich Milongas, also typische Tangotanzabende, in denen vor allem an den Wochenenden die Poesie des Alltags getanzt und gelebt wird: nostalgisch wie einst, oder auch, immer häufiger und ebenso überzeugend, im Tempo unserer Tage, immer noch und immer wieder eine wunderbare Mischung aus elegant und wütend. 

Wir sind den Empfehlungen unserer Freunde Nicole Nau aus Düsseldorf und ihres argentinischen Partners Luis Pereya, die beide zur Weltelite der Tangokünstler gehören, gefolgt und haben ehrliche und authentische Milonga-Lokale gefunden: das „Sunderland“ zum Beispiel, wo seit 1919 getanzt wird, das „Canning“ in Palermo Soho, und, nur samstags geöffnet, das „Cachirola“ im Stadtteil Monserrat, südlich von Palermo. Diese und andere Salones beginnen meist erst nach 23 Uhr zu „leben“.

Messi, Maradona und der Papst von nebenan

Ganz Südamerika ist fußballverrückt, aber kein Land so sehr wie Argentinien. Und Buenos Aires, Welthauptstadt des Fußballs, setzt gern noch einen drauf. Nirgendwo gibt es mehr Proficlubs. Gut die Hälfte der 28 argentinischen Vereine aus der sogenannten Superliga sind hier beheimatet. Bis heute, so erzählen es einem die Porteños spätestens am zweiten Tag, ist Papst Franziskus Mitglied im Verein San Lorenzo. Wirtschaftskrise hin, Korruption her, Fußball lässt alles vergessen, was die kleinen Leute ihrer Meinung nach sowieso nicht ändern können. Der Kultstatus von Weltstars wie Maradona und Messi hat noch jedem Skandal standgehalten. Und wenn es eine Art Mekka für die Freaks der Metropole gibt, dann liegt es in La Boca, dem quirligen Viertel, das einmal der Ursprungsort des Tango war. Die Boca Juniors, 1905 von italienischen Einwanderern gegründet, sind weltweit jedem Fußballfan bekannt. Ihre Rivalität mit dem vier Jahre älteren Nachbarverein River Plate ist legendär und löst zuweilen Straßenschlachten aus. Die farbenfrohen Häuser in der Fußgängerzone Calle Caminito, die zu jeder Besichtigung von Buenos Aires gehören, sind das Markenzeichen von La Boca. Sie stehen für die Lebenslust der Hauptstadt. Und sie erzählen einen wesentlichen Teil ihrer legendenverklärten Geschichte.

An manchen Ecken etwas schäbig, stets voller braver Touristen und schräger Typen: La Boca ist einen Abstecher wert, absolutamente. Lassen Sie sich vom argentinischen Papst Franziskus, geboren in dieser Stadt als Jorge Bergoglio, für 50 Peso (knapp 3 Dollar) segnen, schütteln Sie dem wunderbaren Skandalfußballer Diego Maradona die Hand – für dieses Viertel und seine berühmten Doubles sind die Selfies erfunden worden. Überlassen Sie sich der Vielfalt dieser unglaublich großen Stadt, machen Sie sich ihr eigenes Bild – erst recht in La Boca und in den anderen Barrios, die als touristisch gelten. Spätestens in der Rückschau wird die Erinnerung an diese riesige, großartige Metropole zur Liebeserklärung.