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Reportagen

Zwischen Himmel und Hölle

Balues Paradies

Das Urlaubsparadies mit seinen türkisblauen Buchten und von Palmen umsäumten leuchtenden Sandstränden sucht selbst im Pazifik seinesgleichen.

© Norbert Eisele-Hein

 

Jeep-Rallye zum Vulkan Yasur

Jeep-Rallye zum Vulkan Yasur

© Norbert Eisele-Hein

Yasur

Das Spektrum der Vulkantypen reicht vom klassischen Stratovulkan über mächtige Schildvulkane mit einer Gipfelcaldera bis zum Schlackenkegel. Der Vulkan Yasur auf der Insel Tanna gilt als „Drive-in-Volcano“, da die Jeep-Piste bis kurz unter den Krater führt.

© Norbert Eisele-Hein

Baumhäuser Vanuatu

Die Ureinwohner Tannas leben auch heute noch gerne in ausladenden Baumhäusern.

© Norbert Eisele-Hein

Hawksbill Turtle Rookery

Sun Tey hilft in der Schildkröten-Aufzuchtstation auf Lelepa.

© Norbert Eisele-Hein

Blasen des Muschelhorns

In „Kustom Shows“ werden Stammesrituale, wie z.B das Blasen des Muschelhorns zur Warnung der Gemeinschaft vor Gefahren, demonstriert.

© Norbert Eisele-Hein

Bunte Korallenriffe, aktive Vulkane und dichter Regenwald. Die 83 Inseln von Vanuatu sind ein wahres Naturschauspiel. Dem Entwicklungsland fehlt das Geld für die moderne Messtechnik zur Überwachung der Vulkane. Die Einheimischen leben gelassen mit der Gefahr und vertrauen auf ihre Mythen und Bräuche.

Norbert Eisele-Hein (Bilder und Text)

Hart an der Datumsgrenze, gute drei Flugstunden östlich von Australien tauchen mitten im unendlich scheinenden Türkis der Südsee 83 weit versprengte Inseln auf. Smaragdgrüne Kleckse, umrahmt von leuchtenden Sandstränden und knallbunten Korallenriffen – das Inselreich Vanuatu. Doch der Außenposten auf dem zirkumpazifischen Feuerring  hat weitaus mehr als Kokospalmen-Romantik zu bieten. Donnernde Vulkanausbrüche und halsbrecherische Rituale lassen die lange Anreise im Nu verblassen. 

Unvergesslich ist das Ritual des Naghol, angeblich der Ideengeber fürs Bungee Jumping. Das Naghol geht auf einen uralten Mythos zurück: Ligol bedrängte seine Frau Mabonlip, doch die hatte keine Lust auf ein Stelldichein. Sie floh auf einen hohen Banyan-Baum. Als Ligol ihr wutentbrannt folgte, ließ sich Mabonlip von einem Ast in die Tiefe fallen. Der liebestolle Ligol sprang hinterher, um sie zu retten. Doch Mabonlip hatte vorher Lianen um ihre Knöchel geknotet, fing damit den Sturz ab, während Ligol den Tod fand. 

„Früher wurde nur einmal jährlich gesprungen, damit die Götter uns eine reiche Yams-Ernte schenken. Heute springen wir, sobald die Lianen saftig und stabil genug sind, meist zwischen April und Juni. Wir springen in Rangsuksuk, Wali und Bunlap. Wir Sa leben eigentlich vom Jagen und Fischen, pflanzen Yams, Taro, Kava. Nur durch das Naghol können wir uns den Landrover leisten, der die Kreuzfahrer und Traveller vom Flughafen zum Sprungturm bringt, ordentliches Werkzeug und Medikamente kaufen und auch eine Schule finanzieren“, klärt uns unser Guide Silas Buli auf.

Alles unter Kontrolle

Die Auserwählten bekommen pro Sprung bis zu 150 Euro auf die Hand, akkumulieren damit soziales Pres-tige, steigern ihre Mitgift. Die coolsten Springer sind also auch von den Damen begehrte Versorger. Schon die kleinen Jungen drängt es nach der Beschneidung im Alter von etwa 7 Jahren an den Turm. Nur dort können sie den Passageritus, ihr „Coming-of-Age“, vollenden. Nach dem ersten Sprung von der untersten Plattform wirft die Mutter in einem symbolischen Akt ihr Lieblingsspielzeug weg. 

An den Sprungtagen herrscht reger  Flugverkehr über der Pfingstinsel. Dutzende kleiner Propellermaschinen hoppeln dann über die bucklige Graspiste des Lonorore-Airports, der einzig aus einer windschiefen Bude besteht. Bebe, den hier alle nur „Doctor“ nennen,  nimmt die Besucher in Empfang. Er verteilt die Touristen auf die Pick-ups. Bestimmt, wer von wo springen darf und kontrolliert letztlich auch den ordnungsgemäßen Zustand des Turms. 

Der vom Dorf Rangsuksuk dürfte an die 20 Meter hoch sein. Die massiven Tropenholzknüppel werden nur von Lianen und Bastschnüren zusammengehalten. Gesprungen wird von sieben Plattformen, die Lianen baumeln bereits vorbereitet herab. Im Steilhang,  wo die Springer landen, wurde lediglich die Erde mit Spaten und Stöcken aufgelockert. Er sieht aus wie ein frisch geschaufeltes Grab. 

Als Kind springen, erwachsen ankommen

„Du kannst nur mit reinem Herzen springen“, offenbart Silas. Es darf keinen Zwist oder unterschwellige Spannungen geben. Alles muss geklärt sein. Zur Einhaltung der Tabus verbringen die Springer die letzten Nächte in Seklusion. Sex ist genauso verboten wie das Töten einer Schlange. Frauen dürfen den Turm auf keinen Fall berühren. Die Springer dürfen nur den „Bilip“, die traditionelle Penisbinde aus Blättern und Bast tragen. Als Bebe die Lichtung mit seiner feierlichen Delegation erreicht, öffnet der bleigraue Himmel seine Pforten. Der Steilhang wird im Nu zu einer einzigen Schlammrutsche. 

Vom heftigen Tropenschauer unbeeindruckt, postieren sich die Sa-Frauen hinter dem Turm, oben ohne, nur mit einem Grasrock bekleidet. Sie singen und tanzen mit wild wippenden Brüsten. Die Männer – alle mit „Bilip“ – stehen etwas abseits und stimmen mit ein. Der erste Springer, ein Novize mit  10 Jahren, erklimmt die unterste Plattform. Helfer fixieren die Lianen mit ihren aufgespleißten Fasern an seinen Knöcheln. Urplötzlich verstummt der Gesang. Der Junge verkündet lautstark sein gutes Gewissen und springt kopfüber von knapp fünf Metern in die Tiefe. Die Lianen spannen sich rechtzeitig, bremsen den Sprung noch in der Luft. Schon klatscht er in die vom Wolkenbruch matschig gespülte Erde des Steilhangs. Sofort eilen Helfer heran. Richten den Taumelnden auf. Leuchtend weiß strahlt sein Gebiss aus dem völlig mit Matsch verklumpten Gesicht. Er ist jetzt ein Mann, ein Mann mit garantiert blauen Flecken und einer leichten Gehirnerschütterung. 

Als der siebte Springer die schwankende Plattform auf der Turmspitze betritt, steigern sich Tanz und Gesang zu einer frenetischen Klimax. Der Springer, ein Bulle von Mann mit brutalem Sixpack und Schultern eines Preisboxers, grüßt die Menge mit hochgereckter Hand. Es ist eine gänsehauterzeugende Mischung aus dem „Morituri te salutant“ (die Todgeweihten grüßen dich) römischer Gladiatoren und der Geste eines Rockstars, der gleich zum Stagedive ansetzt. Dieser Flug dauert eine gefühlte Ewigkeit. Abermals straffen sich die Lianen, die pflanzlichen Lebensadern dieses höchst riskanten Rituals. Mit dem krausen Haar durchpflügt der Modellathlet die weiche Erde und stimmt damit die Geister für eine gesegnete Yams-Ernte gütlich. Auch er steht sofort wieder auf den Beinen und grinst erkennbar adrenalingeschwängert in die Runde.  

„Natürlich ist das Naghol mittlerweile kommerziell, und klar … es geht dabei um viel Geld und soziales Prestige. Aber das macht es kein bisschen weniger gefährlich oder gar ernsthaft. Die Tabus sind immer noch strikt“, erklärt Silas und schlägt dabei mit der Handkante auf die geballte Faust. 

Kurzer Weg zum Feuer

Szenenwechsel. Kelson Hoseas Baumhaus schwebt zwölf Meter über der Erde. Die Stufen sind steil, der Komfort überschaubar. Wer nachts raus muss, sollte die Taschenlampe nicht vergessen. „Ich habe leider auch keinen Flatscreen in meiner ‚Jungle Oasis‘“, lacht der stämmige Kelson dröhnend. Von der Veranda fällt der Blick direkt auf den südwestlichen Kraterrand des 361 Meter hohen Stratovulkans Yasur. Der „Leuchtturm der Südsee“, wie ihn James Cook bei seiner Entdeckung 1774 nannte, schleudert seit über 800 Jahren glühende Lavafontänen in den Himmel. Und während Kelson noch ein paar Flaschen kaltes Bier auf die Veranda bringt, klettert hinter dem Yasur der Vollmond über dem satten Regenwald empor. 

Mit 560 Quadratkilometern ist Tanna gerade mal so groß wie Ibiza. Schon die Anfahrt vom Whitegrass-
Airport zu Kelsons „Jungle Oasis“ hat die Qualität eines veritablen Abenteuers. Für die knapp 30 Kilometer über Pässe und durch Flüsse braucht der hochhackige Allrad bald zwei Stunden. Doch am
Visitor Center, keine 150 Meter von Kelsons Baumhaus entfernt, geht die Jeep-Rallye erst richtig los. Glitschige Urwaldschneisen, exponierte Knüppelpfade und dampfende Aschefelder lassen einem auf der Ladefläche des Pick-ups die Haare zu Berge stehen. Vom Parkplatz sind es dann nur noch wenige Minuten Fußmarsch bis zum Kraterrand. Nirgends auf der Welt kommt man so einfach und so nah an einen aktiven Vulkan heran, was dem Yasur auch den Beinamen „Drive-in-Volcano“ beschert hat. Der Dauerbrenner im Pazifik funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. Bis zu 500 Eruptionen täglich – und das ist absoluter Weltrekord – veranstalten ein gewaltiges Feuerwerk. 

Kinoruhm in Venedig

Vanu … was?, hieß es bis vor Kurzem noch, wenn man von dem ehemaligen Kondominium Neue Hebriden sprach. Von 1906 an wurde das Territorium gemeinsam von Großbritannien und Frankreich verwaltet, bis es am 30. Juni 1980 seine Unabhängigkeit erlangte und zur Republik Vanuatu wurde.  Etwas Aufmerksamkeit erfuhren die Einwohner erstmals durch den Film „Tanna – the Movie“, der auf der 72. Biennale 2014 in Venedig auf Anhieb den Publikumspreis gewonnen hat. Für traurige Berühmtheit sorgte der Zyklon Pam am 13. Mai 2015. Der Tropensturm der Kategorie 5 mit Windgeschwindigkeiten um 250 km/h verwüstete ganze Dörfer und kostete viele das Leben. 

Babysitten für Schildkröten

Auch im „Tranquility Resort“ auf Lelepa, eine Bootsstunde westlich der Hauptinsel Efate, sind die Aufräumarbeiten nach Pam noch immer in vollem Gange. Sun Tey, 32, aus Malaysia, hat nur eine einzige Drohnenaufnahme der Insel auf Instagram gesehen und sich sofort in die Insel verliebt. „Die World Heritage Sites für Taucher ringsum Lelepa und Eretoka sind schon eine Klasse für sich. Doch mein Herz hängt an der Turtle Rookery“, gesteht sie seufzend. „Wir fangen die Hawksbill-Babys gleich nach dem Schlüpfen am Strand ab und päppeln sie erstmal bis auf 2,5 Kilogramm Gewicht auf. Das erhöht die Überlebenschancen dieser bedrohten Art enorm“, erklärt sie enthusiastisch. „Wenn dann alles gut geht, kehren sie nach vielen Jahren und Tausenden Seemeilen wieder zurück, um hier selbst ihre Eier abzulegen.“ 

Das halsbrecherische Naghol, der urgewaltige Yasur und jetzt noch winzige Schildkrötenbabys am Traumstrand – wer könnte diese Inselwelt je vergessen?