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Reportagen

Winter, Wein und Wonneabfahrten

In der Ski- und Almenregion Gitschberg Jochtal kann man noch gemütlich Ski fahren.

In der Ski- und Almenregion Gitschberg Jochtal kann man noch gemütlich Ski fahren.

© Nicola Förg

 Aussichtsplattform auf dem Gitschberg

Die Aussichtsplattform auf dem Gitschberg bietet einen spektakulären Rundumblick auf über 500 Berggipfel.

© MK

 Weinbauer Manni Nössing

Weinbauer Manni Nössing

© Nicola Förg

Kirche Maria Himmelfahrt auf der Rodenecker Alm

Kirche Maria Himmelfahrt auf der Rodenecker Alm

© Nicola Förg

Kulinarische Köstlichkeiten und famose Ausblicke offeriert das 5-Sterne-Hotel „Rosa Alpina“

Kulinarische Köstlichkeiten und famose Ausblicke offeriert das 5-Sterne-Hotel „Rosa Alpina“

© Nicola Förg

Auf dem Weg südwärts bleibt Meransen oft links liegen, dabei ist das eine perfekte Genussregion gleich hinterm Brenner

Nicola Förg (Bilder und Text)

Eine Frage wird Timo häufig gestellt: „Heiratest du und hast deine Braut verloren?“ Timo trägt einen Zylinder und ein Sakko auf der Piste – diese Frage liegt also nahe. Aber Timo ist Pistencavaliere und hat „den schönsten Job der Welt.“ Er ist dazu da, Fragen nach dem Gebiet zu beantworten, er verteilt Taschentücher für Rotznasen, Gummibärchen für Kids oder schultert mal die Skier von Damen, die irgendwie schwach geworden sind. Eine nette Geste, ein Hingucker. 

Zweifellos käme das Skigebiet Jochtal auch ohne den Cavaliere aus, denn die Aussicht rüber in die Dolomiten mit den markanten Geislerspitzen ist Eyecatcher genug. Aber das Jochtal und der „Sonnenglatzkopf“, der Gitschberg, die sich 2011 zusammengeschlossen haben, haben einen Quantensprung gemacht. Zusammen ergeben sie ein vollwertiges Skigebiet, das immer noch gemütlich ist, wo man aber ganz schön rumkommt! Die Talabfahrt ins Dorf war schon grandios, als man noch mit Fug und Recht vom Geheimtipp sprechen konnte. Als Hühner noch die Liftspur des Tellerlifts am Holzer Hof kreuzten und schimpfend ihren Misthaufen erklommen. Inzwischen ist Meransen erwachsen geworden, und das Gesamtgebiet wirkt irgendwie größer und weiter, als die 51 Kilometer klingen. 

Charmant und elegant

An der Talstation in Meransen steht ein Vater mit kleinem Sohnemann. Der Papa hat im Winter ein klein wenig mehr Zeit, da ruhen seine Reben. Manni Nössing, Winzer aus Brixen, macht große Weine, die ihren Charakter vom Eisacktal haben. Es geht um exponierte Lagen, denn das prägt den Weinbau, und das Klima tendiert hier „manchmal ins Tropische.“ Und Manni tat Unglaubliches. Er ließ Laub an seinen Reben, die Traditionalisten zeigten ihm den Vogel, sein Freund, ein gro-ßer Önologe aus Sizilien, fragte hingegen: „Wo fühlst du dich im Hochsommer wohler? Im Schatten oder in der prallen Sonne?“ Die Antwort hat sein Leben verändert und seine Weinphilosophie, denn auch die Reben vertragen die totale Sonnenexposition nur schlecht. „Ich wollte nicht mehr diese Weine machen, die wie ein aufgeblasener Silikonbusen sind. Ich wollte sie elegant und leicht.“ 

Ob Manni elegant Ski fährt, sei dahingestellt, eher ein bisschen brachial, aber er liebt seine Heimat, und Gäs-te lieben diese einzigartige Kombination aus Winter und Wein. Wer sagt denn, dass man auf Hütten Bier oder einen Jagertee trinken muss? Mannis Kerner hat ungleich mehr Charme, und die Ski- und Almenregion mit Mühlbach, Meransen, Vals und Rodeneck bietet 22 charmante Almen auf, die im Winter bewirtschaftet sind! Die schönsten? Schwer zu sagen, aber die Rodenegger Alm, jenes Hochplateau zwischen 1700 und 1950 Metern, die sich ganz dem Langlaufen und Winterwandern – und Einkehren! – verschrieben hat, ist einzigartig im Alpenraum. Und die Fane Alm, ganz hinten im Jochtal, könnte Pate gestanden haben für die romantisch-perfekte Almensiedlung – und retour führt auch noch eine launige Rodelbahn. Das Gebiet macht auch wenig Aufhebens darum, dass es 15 jener 4-Sterne-Hotels hat, die bei familiärer Führung mit neuen Spas und wertigen, klaren Baumaterialien punkten.

„Wer die Trametsch in einem Zug durchfährt, darf bescheiden von Kondition sprechen.“

Manni Nössing, Weinbauer

Und als wäre das nicht schon genug, ist da ja noch der Abstecher nach Brixen runter. Eindeutig unten, wo doch die Ursprünge der Region immer oben auf den Sonnenbalkonen und den Felsen lagen. In den Tälern gab es Überschwemmungen, Krankheiten und Überfälle, es waren die Bajuwaren, die dem trotzten und mit der Tallandwirtschaft begannen. Ludwig das Kind verschenkte 901 einen Meierhof an den Bischof von Säben, der Name war „Prihsna“, was allmählich zu Brixen wurde. 990 war man Bischofssitz, in Brixen lebten die Fürstbischöfe. 1300 hatte Brixen schon rund 1500 Einwohner. Ein bürgerliches Zentrum entstand, die Häuser waren schmal und gingen in die Tiefe, sie brauchten Lichthöfe und Erker, um Licht einzulassen – die Erker auch, um die Neugier zu befriedigen. Vor allem 1551, als Soliman kam! Es war schon länger Usus, dass sich europäische Herrscher Elefanten schenkten. Maximilian, mit Maria von Spanien verheiratet, bekam auch einen, der die Iberische Halbinsel durchwandern musste und dann von Barcelona nach Genua verschifft wurde. Von dort musste er nach Trient marschieren, ein furioses Spektakel, aber weiter nördlich waren die Tiroler in Bozen minder beeindruckt. Der arme Soliman wurde nach Brixen geschickt, wo er Anfang Januar 1552 eintraf und immerhin mal zwei Wochen rasten durfte. Soliman starb im Dezember 1553 in Wien, der Gasthof in Brixen heißt bis heute „Elefant“. Wo sie alle abgestiegen sind und wo Joseph II., der Kaiser höchstselbst, inkognito aufgetaucht war und sich einzig und allein verraten hatte, weil er völlig überzogene Trinkgelder gab. 

Es kann gut sein, dass der Kaiser auch heute noch da ist, allerdings in Gestalt von Erich Meraner, ein Mann Mitte 40, der eigentlich Lehrer ist und zusammen mit Tochter Kathrin szenische Stadtführungen macht. Es kann auch sein, dass er einem den Einlass am Kreuztor verwehrt, er selbst in einer Rüs-tung, die 25 Kilo wiegt. Das macht Eindruck!

Brixen ist ein Gesamtkunstwerk aus Altstadtidyll, Weinkultur und Berg-Erleben. Oben drüber hat Brixen seine Plose. Sie heißt so, weil es da so viel „pläst“. Plose bedeutet wohl wirklich die Bloße, die Karge, ein Skigebiet, das lange im Dornröschenschlaf träumte. Aber jetzt: Aus 11 Anlagen mache nur 7 hocheffiziente Anlagen und zeige der Welt, was die Plose kann! Sie kann weite, sonnige Pisten, sie kann 1438 Meter zwischen Gipfel und Tal, überdurchschnittlich lange Pisten und die knackige legendäre Talabfahrt „Trametsch“ mit 9 sehr selektiven Kilometern. „Wer die Trametsch in einem Zug durchfährt, darf bescheiden von Kondition sprechen“, meint Manni Nössing. Die Plose kann „Rudirun“, eine 10 Kilometer lange Rodelbahn der Superlative. Und sie kann Slow Ski. 11 Hütten offerieren Wein und wertige Schmankerl. 

Unaufgeregter Logenplatz

Und auf der Afers zugewandten Seite wäre da noch das „Rosa Alpina“: 1913 entstand die Idee, an der Plose auf 1770 Metern ein Lungensanatorium zu bauen. 1917 wurde der renommierte Architekt Otto Wagner mit dem Projekt betraut. Die Wirren des Weltkriegs, der Tod Wagners machten die Pläne zunichte, es wurde kleiner gebaut, so entstand nur „Colonia“, ein Feriendomizil des päpstlichen Hilfswerks. Bis in die 1960er Jahre, dann begann ein Dornröschenschlaf. Familie Hinteregger hat es wiederentdeckt, und revitalisiert. Von außen „nur“ ein Flügelbau mit von der Sonne gebräuntem Holz. Nicht spektakulär. Drinnen aber: Stein. Glas. Holz. Ein klarer Chaletstil, traditionell und doch elegant. Ein Ort, der aus der Zeit gefallen ist und zeitlos schön. Über die großartige Leistung der Küche muss man nicht reden, über den Ausblick von den Balkonen und der Terrasse auch nicht, der macht nämlich sprachlos! Genau wie der Blick von Meransen aus. Denn kaum ist man zurück, kaum geht der Tag dahin, kommt eine Enrosadira (Alpenglühen), die man selten so bezaubernd sieht, wie von diesem unaufregten Logenplatz hoch über Eisack- und Pustertal!